Kritik
Nazis gehen immer
VOR-SICHT: "Das Boot", achtteilige Serie, Regie: Andreas Prochaska, Buch: Tony Saint, Johannes W. Betz, Kamera: David Luther, Produktion: Bavaria Fiction/Sonar Entertainment (Sky, ab 23.11.18, jeweils freitags 20.15-22.20 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Was einmal ein Erfolg war, wird auch noch ein zweites Mal gutgehen. Das ist ein merkantiles Kalkül, das die Produzenten im Kino immer beherzigt haben, das nun aber auch bei Serien-Projekten, wie es scheint, zum Tragen kommt. In einer deutsch-italienischen Gemeinschaftsproduktion wurde Umberto Ecos Bestseller "Der Name der Rose" neu verfilmt, mit John Turturro in der Rolle des William von Baskerville, den im Film Sean Connery spielte. Der Achtteiler soll im Frühjahr nächsten Jahres in Deutschland Premiere auf Sky haben. Auf ZDFneo ist derzeit der Sechsteiler "Das Parfum" zu sehen, mit Friederike Becht und Wotan Wilke Möhring, verlegt in die Gegenwart. Und Netflix hat bei dem Team von "Die Welle", Produzent Christian Becker und Regisseur Dennis Gansel, die Serienadaption ihres Erfolges von 2008 in Auftrag gegeben, als drittes Netflix-Original.

Da rückt natürlich auch "Das Boot" von Wolfgang Petersen in den Fokus des Interesses. Einer der ganz großen Erfolge der bundesdeutschen Film- und Fernsehgeschichte mit einem damals schon unglaublich hohen Produktionsbudget von 26 Millionen Mark. Im Kino, das muss man dazu sagen, lief der Film nach seiner Premiere am 17. September 1981 mit etwas über drei Millionen Besuchern gut, wenn auch nicht überragend. Aber die erste Fernsehfassung in der ARD, 310 Minuten lang, ausgestrahlt Ende Februar und März 1985, schlug ein wie eine Bombe, um einmal im Bild zu bleiben. Den ersten Film sahen 17,6 Millionen Zuschauer, den zweiten 20 und den dritten Teil 24 Millionen. Wohlgemerkt: bei 61 Millionen Bundesdeutschen. So etwas nannte man damals einen Straßenfeger. Und eine solche Kooperation zwischen Kino und Fernsehen einen "amphibischen Film". Erfunden hat den Begriff der WDR-Redakteur Günter Rohrbach, der dann als Bavaria-Produzent die Oberaufsicht über "Das Boot" übernahm.

Heute sieht man den Einfluss des Fernsehens auf Projekte, die auch im Kino laufen sollen, deutlich kritischer. Als "Das Boot" 1981 ins Kino kam, lebte Rainer Werner Fassbinder noch, aber der Krieg und die NS-Zeit waren eher ein Nebenschauplatz des Neuen Deutschen Films. Insofern stach "Das Boot" mit seinen riesigen Studiobauten aus der Produktionslandschaft heraus. Und in ihrer Konsequenz und Geschlossenheit war die Produktion ein Meilenstein und ist bis heute unübertroffen.

Die Handlung ist fast ausschließlich an Bord und auf dem Ausguck der U-96 angesiedelt. Es ist kein Film, der auf heldische Taten setzt oder in dem sich Männer bewähren müssen. Es gibt auch keine Liebesgeschichte wie in "Haie und kleine Fische", einem berühmten deutschen U-Boot-Film aus dem Jahr 1956, nur einmal gesteht ein Mannschaftsmitglied, dass er eine Französin liebt, von der er ein Foto hat. Und über den "Kaleun" (Jürgen Prochnow), immerhin als Kapitänleutnant die Hauptfigur, erfährt man eigentlich gar nichts.

Nur drei Mal verlässt der Film das Boot, einmal zu Beginn, in einer grotesken Feier in einem Amüsierlokal - irgendwie schon ein Abstieg in die Hölle, auch wenn es nur eine Bierhölle ist, in der es einigermaßen züchtig zugeht. Da ist natürlich die achtteilige Neuverfilmung, die der Österreicher Andreas Prochaska gedreht hat, expliziter: Die Mannschaft geht vor dem Auslaufen ins Bordell, und der Koch und Sanitäter (Robert Stadlober) verteilt die Kondome.

Wahrscheinlich ist das realistischer, wie überhaupt diese Neuverfilmung als ein Versuch daherkommt, "Das Boot" gewissermaßen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Oder umgekehrt, wie man’s nimmt. Schon zu Beginn erleben wir mit, wie ein U-Boot versenkt wird und wie der neue Kaleun Karl Hoffmann (Rick Okon) gegen einen Maat aussagt, der sich aus Angst während eines Angriffs versteckt hat. Das hätte der alte Kaleun der U-96 nie getan. Was wir natürlich nur mutmaßen können.

Der Einstieg soll die sklavisch-soldatische Pflichterfüllung, die im alten Boot natürlich ungefragt vorhanden war, aufdecken und ins Absurde ziehen - schließlich operiert die U-612 im Jahr 1942, als der deutsche U-Boot-Krieg längst verloren war und die Jäger zu Gejagten wurden. Als "Das Boot" von Wolfgang Petersen 1985 im Fernsehen lief, hat der damalige Feuilleton-Chef der "Zeit", Fritz J. Raddatz, den herbsten Verriss des Films geschrieben, der bei der damaligen Kritik sowieso nicht beliebt war: Man könne einen solchen Kriegsfilm nicht drehen, ohne die Verbrechen des Regimes und der Wehrmacht miteinzubeziehen und die Frage nach der Schuld zu stellen.

Es scheint, als hätten die Drehbuchautoren der Neuverfilmung die Rezension von Raddatz beherzigt, denn sie arbeiten gewissermaßen multifokal. Mindestens so ausführlich wie die Fahrt der U-612 beschreiben sie die Vorgänge an Land, in und um La Rochelle. Dafür ist Simone Strasser (Vicky Krieps) zuständig. Die Deutsch-Elsässerin wird in der ersten Folge schon nach La Rochelle beordert, wo sie als Übersetzerin arbeitet. Sie freut sich, ihren Bruder, einen Techniker, dort zu treffen. Der wird nach einem Brand an Bord als Funker auf die U-612 beordert und kann ihr dort gerade noch ein Kassiber übergeben: Pläne, die er der Résistance übergeben wollte im Austausch für gefälschte Pässe, denn seine Freundin, mit der er ein Kind hat, ist Jüdin. Der Austausch findet an Bord statt, obwohl es auch hier noch heißt: "Eine Frau an Bord bringt Unglück."

Man weiß ja, dass in Hollywood die Strategen darauf achten, dass das Personal der Filme einigermaßen divers ist, und dieses Kalkül merkt man auch der Neuverfilmung an: Nur mit Männern geht nicht mehr, will man möglichst viele Zuschauerschichten ansprechen. Das neue Boot ist gewissermaßen gegendert. Und ein NS-Repräsentant muss auch dabei sein: Kriminaloberrat Hagen Forster (Tom Wlaschiha), gerne übrigens in SS-Schwarz gekleidet, der foltern lässt, doch über gepflegte Manieren verfügt. Und eigentlich gar nichts gegen die Franzosen hat.

Die U-612 gerät mitunter etwas ins Hintertreffen. Obwohl sich da die Autoren ihren besten Drehbuchkniff haben einfallen lassen: Denn der Kaleun absolviert seine erste Feindfahrt, sein Erster Offizier (August Wittgenstein) aber ist trotz seiner Jugendlichkeit erfahren, ein Nazi und hat zunächst den Rückhalt der Besatzung. Das Boot der 80er war ein Film der Konzentration, der Schrecken spiegelte sich in den Gesichtern der Crew, die minutenlang beim Warten gezeigt wird, das neue Boot springt munter von Oben nach Unten und umgekehrt. Ästhetisch verbunden werden die Handlungsebenen der überlegt fotografierten und hervorragend besetzten Neuverfilmung durch die entsättigten Farben und den Grauschleier, der auch über der Handlung an Land liegt.

Drehbuchautoren scheinen heutzutage die Zuspitzung, wenn nicht gar Überspitzung zu lieben, schließlich muss man den zerstreuten Zuschauer bei der Stange halten. Das konnte man schon an "Babylon Berlin" beobachten, wo aus dem love interest des Kommissars - im Buch ein Mädchen, das durch Studium nach oben wollte - in der Serie eine Gelegenheitsprostituierte wurde. In der Neuverfilmung des Bootes wird natürlich Simone Strasser, die schon aus familiären Gründen mit der Résistance sympathisiert und eine Affäre mit einer Anführerin hat, dem Nazikommissar als Übersetzerin zugeteilt. Bei so viel Kolportage freut man sich nachgerade, ein aus dem alten Boot vertrautes Kommando zu hören: "Vorne unten fünfzehn, hinten oben zehn. Anblasen." Und wenn das unvergessliche Motiv von Klaus Doldinger in den U-Boot-Szenen anklingt.

Aus epd medien Nr. 47 vom 23. November 2018

Rudolf Worschech