Kritik
Nach dem wahren Leben
VOR-SICHT: "Aenne Burda. Die Wirtschaftswunderfrau", zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Francis Meletzky, Buch: Regine Bielefeldt, Kamera: Bella Halben, Produktion: Polyphone Pictures (ARD/SWR, 5. und 12.12.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Derzeit häufen sich die historischen Fernsehfilme über Frauen, die es geschafft haben, sich zu emanzipieren. Als da wären: Die westdeutschen Normalfrauen wie die wackere ZDF-Metzgersgattin vom Lande, die in den frühen 70er Jahren trotz Verbots und gegen den Willen ihres Mannes abgetrieben hat ("Aufbruch in die Freiheit", Kritik in epd 43/18). Oder die ARD-Gelsenkirchnerinnen, die für gleichen Lohn für gleiche Arbeit gestritten haben ("Keiner schiebt uns weg", vgl. epd 46/18). Diese Frauen-TV-Film-Hausse muss wohl irgendwas mit "100 Jahre Frauenwahlrecht" zu tun haben. Oder/und mit #MeeToo und dem Zeitgeist, der altbekannten "Frauenthemen" gerade neues Leben einhaucht.

Neben den Normalfrauen gibt es natürlich auch noch die Ausnahmefrauen. Wie die vom Ehemann nach Strich und Faden betrogene dreifache Mutter Anna Magdalene Burda aus Offenburg. Sie hatte dem wohlhabenden Druckereibesitzer-Gatten Franz in der Nachkriegszeit einen eigenen Verlag abgetrotzt, nachdem sie herausbekommen hatte, dass er schon seit einem Jahrzehnt eine Zweitfamilie unterhielt. Zum Start ihres neuen, selbstständigeren Lebens gab sich Anna dann auch gleich einen neuen Namen: Aenne.

Dümmere Damen der besseren Gesellschaft hätten seinerzeit zur Kompensation zwei Pelzmäntel genommen und die Sache weggelächelt. Nicht so Aenne, mit der war nicht gut Kirschen essen. Ein Alphafrauchen mit Hauspersonal, das vom abgezweigten Haushaltsgeld auch schon heimlich Führerschein gemacht hatte. Unter ihrer Karriere hatte das Hubertchen, der jüngste Sohn (und spätere Verleger Hubert Burda) allerdings ordentlich zu leiden. So jedenfalls die Darstellung des Films.

Bei jedem dieser Frauenfilme, ob sie nun im Arbeitermilieu spielen, unter Kleinbürgern oder unter Leuten mit Geld, ist man aufs Neue verblüfft, wie kurz es her ist, dass Frauen aller Gesellschaftsschichten nicht als vollwertige Menschen, sondern als eine Art humanoide Haustierchen galten (und sich selbst dafür hielten). Der Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz war jahrzehntelang das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt stand.

Aber zurück zur wohlsituierten Verlegersgattin Aenne, gespielt von Katharina Wackernagel, die als Ehefrau von Franz Burda (Fritz Karl) ihren Startvorteil und die Wirtschaftswunderjahre gut zu nutzen wusste. Aus dem zweiteiligen TV-Film von Francis Meletzky (Regie) und Regine Bielefeldt (Buch) ist kein hervorstechendes Werk der Fernsehfilmkunst geworden, und 90 Minuten hätten es auch getan, aber die Geschichte ist so besonders - schon ihretwegen und um die historischen Kleider, Autos und Szenenbilder zu bestaunen, bleibt "frau" gerne dran (Männer womöglich weniger).

Frau Burda, die selbst aus kleinen Eisenbahner-Verhältnissen stammt, wie der Film nicht müde wird zu betonen, versteht, was die einfache Nachkriegs-Frau will. Endlich wieder leben. Nach Dreck und Grau endlich wieder schöne, farbige Kleidung besitzen. Stoffe gibt es langsam wieder zu kaufen, nur Schnitte nach der neusten Mode nicht. Aenne weiß, was Frauen wünschen. Mit ihrem Heft "Burda Moden", das Schnittmusterbögen enthält, die so einfach sind, dass Hausfrauen sie nachnähen können, stößt sie in die von ihr gefühlte Marktlücke und wird reich.

Da ihr Mann anfangs immer wieder versucht, sie auszutricksen und in die brave Hausfrau zurückzuverwandeln, die sie mal war, geht sie für die Verwirklichung ihrer Idee hohe wirtschaftliche Risiken ein. Schlussendlich ist sogar der Gatte von Aennes Durchsetzungsvermögen so beeindruckt, dass er seine Zweitfrau doch noch in die Wüste, respektive nach Wiesbaden schickt. Doch zu spät! Aenne hat nun auch einen Liebhaber und denkt nicht dran, ihn abzuschaffen. Denn die nächste Sekretärin kommt bei Franz bestimmt. Und so lebte das erfolgsorientierte Ehepaar Burda, das sich wechselseitig für seinen geschäftlichen Biss bewundert, fortan, wie es im Abspann heißt, in einer "offenen Beziehung" - bis der Tod sie schied. Ob sie glücklich waren, wissen wir nicht. Oft sind ja die Neben-Partner die wahren Leidtragenden solcher ehelicher Arrangements.

Der zweite Teil dreht sich um Aennes "italienische Reise" nach Sizilien, während der sie sich, inzwischen reich geworden, ihren Liebhaber zulegt. Beim Zusehen bekommt man das Gefühl, dass Frau Burda nun wirklich nicht Herr Goethe ist und einen ihr Liebesleben somit nichts angeht und es einen auch nicht wirklich interessiert. Das mag daran liegen, dass die Hauptrollen mit Wackernagel und Karl zwar gut besetzt sind (das gilt auch für die meisten Nebenrollen), letztlich haben diese TV-Burdas dann aber doch was von Schnittmusterfiguren "nach dem wahren Leben", die zu viele Kalendersprüche reißen: "Ich ändere, was ich ändern kann: mich."

Als geronnene Aenne-Burda-Legende muss Wackernagel vor allem zwei wahrscheinlich nicht falsche, hier aber doch arg strapazierte Thesen verkörpern: Frauen wissen, was Frauen wünschen. Und: Wo ein Wille und eine starke Persönlichkeit, da ein Weg.

Aus epd medien Nr. 48 vom 30. November 2018

Andrea Kaiser