Kritik
Menschliche Komödie
VOR-SICHT: "Nichts zu verlieren", Fernsehfilm, Regie: Wolfgang Murnberger, Buch: Ruth Toma, Wolfgang Murnberger(ARD/BR/ORF, 29.8.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Es könnte eine reine Drehbucherfindung sein, aber das gibt es wirklich: Veranstalter, die Reisen für Hinterbliebene organisieren, auf denen die Trauernden - begleitet von einem Trauertherapeuten - ihr Schicksal mit anderen teilen, um sich unter Gleichgesinnten, wenn auch nur vorübergehend, dem Leben wieder zuzuwenden. Und wenn ein Fernsehfilm solch eine Reise zum Thema macht, könnte das durchaus zu einer schwerblütigen - oder schrill komödiantischen - Angelegenheit werden. Aber nicht hier: Wolfgang Murnberger und Ruth Toma ist es auf bravouröse Weise gelungen, bei diesem road movie über Trauernde genau die richtige Tonart einer Tragikomödie zu treffen, mit einem hervorragenden Schauspielerensemble von Hinterbliebenen zu erzählen, die "nichts zu verlieren" haben und sich deshalb auch keineswegs einschüchtern lassen von zwei Kriminellen, die den Bus kapern und seine Insassen als Geiseln nehmen.

Tatsächlich sind es drei Kriminelle, die zu Beginn in urkomischen Slapstick-Szenen den Tresor eines berühmten Künstlers ausrauben, damit aber offensichtlich überfordert sind: Richy (der hinreißende Georg Friedrich), sein Halbbruder Tom (Christopher Schärf) und ihr Kumpan Charly (Marcel Mohab). Auf der hektischen Flucht zum Auto stolpert Charly, fällt hin, dabei löst sich ein Schuss aus der Pistole, der Richy schwer verletzt - und wütend fahren die beiden Halbbrüder mit der gesamten Beute davon. Charly bleibt zurück, klaut das Auto, das auf dem Grundstück steht, und versucht, der Beute hinterherzufahren.

Unterdessen haben die Reisenden in Bad Tölz den Bus bestiegen und sich einander vorgestellt ("sechs Jahre", "elf Monate", "ein Jahr") - mit der Angabe, seit wann sie den Tod ihrer Liebsten betrauern: Miriam (Emily Cox), deren Mann mit dem Motorrad tödlich verunglückte; Hilde (Susanne Wolff), die ihren Ex-Mann ausgerechnet an jenem Tag verloren hat, als er zu ihr zurückkehren wollte; Christa (Johanna Gastdorf), die Arztwitwe und Assistentin ihres an Krebs verstorbenen Mannes; Helmut (Bernhard Schütz), der seine verstorbene Frau leidenschaftlich bekocht hat und nun vorsichtig auf der Suche ist nach einer Frau, die seine Kochkunst zu würdigen weiß; Harry (Stefan Merkl), dessen Trauer seinem verstorbenen Hund gilt, und eine weitere Gruppe, die allerdings stehengelassen wird, als ihr an der Tankstelle der gekaperte Bus davonfährt.

Die Reiseleiterin Irma (Lisa Wagner) ist zugleich die Trauertherapeutin und Mitinhaberin des Unternehmens "Anders reisen", hätte aber selbst eine Therapie nötig: Sie trauert um den Verlust zweier Kinder, die als Fehlgeburten nicht lebensfähig waren, und um den desolaten Zustand der Ehe mit ihrem Partner des Reiseunternehmens, Peter (Aurel Mantel), der ebenfalls dem Bus hinterherfährt und wider Willen zum Chauffeur von Charly wird.

Diese verschiedenen Handlungsstränge greifen, mit Eleganz parallel geführt, ineinander, ergänzt um einige kurze Rückblenden aus dem noch glücklichen Leben der Trauernden. Und während der entführte uralte, ständig seinen Dienst versagende Reisebus zur Grenze nach Österreich zuckelt, wo ein Arzt wartet, der den langsam verblutenden Richy in seine Obhut nehmen soll, entspinnen sich zwischen den Reisenden behutsame Annäherungsversuche: Die bitterlich weinende Miriam erregt das Mitleid von Richys Halbbruder Tom: Er nimmt ihr das Handy, das alle anderen abgeben müssen, nicht weg, weil sie "das einzige Foto von meinem Mann, das mir geblieben ist" nicht aus der Hand geben will. Später trinken die beiden mit Wodka Brüderschaft.

Von feiner Komik ist das so ritterliche wie hartnäckige Werben um die Gunst der Frauen, das die Rivalen Harry und Helmut gegeneinander ausfechten. Christa, die Arztwitwe, versorgt unerschrocken und kompetent die Schusswunde des immer schwächer werdenden, in seinen rotzfrechen, genuschelten Kommentaren aber nicht nachlassenden Richy. "Wir sind keine Verbrecher", sagt er, "wir sind kleine Gelegenheitsdiebe der Sondereinsatztruppe vom Ministerium für Umverteilung."

Immerhin fällt ihm auf, dass mit der ständig um Beherrschung ringenden "Psychotante" Irma etwas nicht stimmt: "Dass di was druckt, merk i scho die ganze Zeit", sagt er und schiebt seine Weisheit nach: "Aber auch andere Mütter haben attraktive Söhne." Das Stichwort "Mütter" führt dann allerdings dazu, dass sogar ihn die Trauer anfliegt: Seine Mutter, murmelt er an Irma hin, hätte außer ihm und seinem Halbbruder alle Kinder abgetrieben und auf dem Sterbebett "bereut", dass sie nicht auch ihn und Tom abgetrieben hat. Aber selbst als Richy spürt, wie kalt ihm wird, und dass es jetzt ans Sterben geht, bleibt er seinem Zynismus treu. Seinen Bruder weist er an: "Kannst mir einen Holzpyjama bestellen. Aus Fichte, da schwitzt man net so."

Wunderbar, mit welcher Selbstverständlichkeit die Busreisenden dank der behutsamen, fein ausbalancierten Inszenierung und des unsentimentalen, lebensklugen Drehbuchs alle Gefahren meiden, die ins karikierend Komödiantische führen könnten. Jede komische Wendung bleibt grundiert von der Trauer um den Verlust, den sie erfahren haben, der sie zusammengeführt hat. Und ganz nebenbei erfährt man noch, warum jeder von ihnen allein in einer Zweierreihe sitzt: Sie haben Platz gelassen für ihre Liebsten, denn "die Toten fahren umsonst mit".

Und auch wenn dieser Film von der Leistung des Ensembles lebt, sind doch zwei Mitglieder hervorzuheben: neben Georg Friedrich ist das Susanne Wolff als Hilde. Sie scheint innerlich fast zu explodieren vor ihren einander widersprechenden Gefühlen: Trauer über den Tod ihres Ex-Manns, und Wut auf ihn, weil er ihr die Genugtuung verweigert hat, über ihre Rivalin doch noch zu siegen. Das gibt ihr auch den Mut, ihre Handtasche, auf die sie "Entführt" geschrieben hat, ans Fenster zu halten, als der Bus an einer Unfallstelle mit Polizisten vorbeifährt. Und später trotzt sie dem Entführer Tom, der sie mit einer Pistole bedroht, weil sie gebieterisch darauf besteht, "auf Toilette" zu gehen. Man kann zwar den Blick nicht wenden von der großartigen Susanne Wolff. Aber sie spielt sich nicht in den Vordergrund. Sie bleibt Ensemblemitglied in dieser zartfühlenden, zutiefst menschlichen Tragikomödie.

"Nichts zu verlieren", Fernsehfilm, Regie: Wolfgang Murnberger, Buch: Ruth Toma, Wolfgang Murnberger, Kamera: Peter von Haller, Daniel Eberhard, Produktion: Royal Pony Film, Lieblingsfilm GmbH (ARD/BR/ORF, 29.8.18, 20.15-21.45 Uhr)

Aus epd medien Nr. 34 vom 24. August 2018

Sybille Simon-Zülch