Kritik
Mensch, Marx
VOR-SICHT: "Karl Marx - der deutsche Prophet", Doku-Drama, Regie: Christian Twente, Buch: Peter Hartl, Kamera: Martin Christ (Arte/ZDF, 28.4.18, 20.15-21.56 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Einmal geht Karl Marx auch auf die Knie. Da lässt er seinen Enkel auf seinem Rücken reiten und dreht eine Kurve um den Wohnzimmertisch: "Opa ist mein Kamel", ruft das Kind. Da ist Karl Marx ganz Familienmensch. Später wird er mit seinem Enkel die Treppen hinuntersteigen und fröhlich mit ihm die Marseillaise singen. Wie Revolutionäre halt so sind.

"Karl Marx - der deutsche Prophet" ist der Titel des Doku-Dramas von Christian Twente, das Stück Event-TV, mit dem das ZDF den 200. Geburtstag des Philosophen aus Trier begeht. Das Drehbuch stammt von Peter Hartl, der in der ZDF-Geschichtsredaktion schon für das Karl-Marx-Porträt in der Reihe "Die Deutschen" verantwortlich zeichnete; damals ging es um Karl Marx und den Klassenkampf.

In diesem Film beschränkt sich die Story auf das letzte Lebensjahr von Karl Marx, in dem er auch auf mehreren Reisen war, Marokko, Monte Carlo oder Isle of Wight. Das ergibt dann eben auch ein paar visuell ergiebigere Schauplätze als die British Library, in der sich Marx vermutlich länger aufgehalten hat als sonst irgendwo. Von diesem letzten Jahr aus, in dem auch seine Tochter Jenny starb, setzt der Film in diversen Rückblicken biografische Fixpunkte.

Was kann man erwarten von einem Doku-Drama über Karl Marx? Gewiss keine Illustration seiner geschichtsphilosophischen Auffassungen. Auch keine schlüssige Darstellung der Mehrwertheorie, keine Exegese seiner Auseinandersetzung mit den Junghegelianern. Und auch eher nicht eine Erzählung der vielfältigen politischen Aktivitäten von Marx, etwa der Gründung der Ersten Internationale.

Die Lösung: das Doku-Drama konzentriert sich stärker auf den Privatmenschen Karl Marx, auf den Familienmenschen, der er wohl auch gewesen sein muss: Mensch, Marx. Dass Karl Marx im Privaten eine durchaus tragische Komponente hatte, zeigt der Film auch. Vier seiner Kinder überlebten das Kindesalter nicht, zwei seiner Töchter begleiteten ihn durchs Leben.

Aus der Perspektive der jüngsten, Eleanor, ist das Doku-Drama denn auch erzählt. Sie widmete ihr Leben der Aufgabe, das Werk ihres Vaters zu sichern und zu verbreitern. Ihre Reflexionen und Aufzeichnungen strukturieren das Doku-Drama - wobei nicht klar ist, ob es sich dabei um authentische Texte handelt oder um fiktive. Die Figur der Eleanor ist sozusagen die regieführende Stimme des Films, sie strukturiert das Doku-Drama, fasst zusammen, markiert die wesentlichen Punkte, bindet die Rückblenden an die Erzählzeit, erklärt, berichtet.

Was den Menschen Marx selbst angeht, entwirft der Film das Bild eines Mannes in seinen Widersprüchen. Liebevoller Vater und Haustyrann. Kapitalismuskritiker und Aktienbesitzer. Aufbruchsgeist und ewiger Zweifler. Demokratischer Diktator nannte ihn Eleanor einmal, weil er nur seine Meinung gelten ließ. Der am Ende auch ein Familiengeheimnis hinterließ, den unehelichen Sohn Frederick (Johannes Klaußner), den er mit der Haushälterin Lenchen hatte (sehr verhärmt: Nina Petri). Frederick Demuth wurde später, wie auch Marxens Schwiegersöhne, in der Arbeiterbewegung politisch aktiv.

Soweit so gut. Reicht das für ein gelingendes Bild eines Mannes, dessen zwei wichtigste Werke, das "Kommunistische Manifest" und "Das Kapital" (Band 1) von der UNESCO zum Weltkulturerbe gezählt werden? Die Crux des Films beginnt schon mit dem Titel: "Karl Marx, der deutsche Prophet." Das klingt so daher gesagt, passt auch zum Bart, ist aber falsch. Marx war kein Prophet, kein Verkünder göttlicher Botschaften. Sondern ein Wissenschaftler, der aus seinen Analysen Prognosen abgeleitet hat. Wenn schon Zukunft, dann wäre Prognostiker das richtige Wort. Klingt natürlich nicht so gut wie Prophet.

Was Marx' wissenschaftliche und politische Bedeutung angeht, müssen die im Film aufgebotenen Experten das Nötige leisten, die beiden Marx-Biografen Jürgen Neff und Rolf Hosfeld vorneweg, beide sachkundig und präzise. Oder auch der französische Präsidentenberater Jacques Attali, der es lieber mit dem Analytiker Marx hält als mit dem Politiker. Karl Marx bleibt immer noch aktuell, auch in diesem Film in der gegenwärtig bevorzugten Lesart als Autor, der die Globalisierung kommen sah.

Das Schwergewicht des Doku-Dramas liegt aber auf Drama, nicht auf Doku, das erzählerische Übergewicht liegt im Fiktionalen. Hier, in der Sphäre des Privaten findet er sein szenisches Material und entwickelt es in historisierenden Kulissen. Szenen eines bürgerlichen Lebens zwischen Kanapee und Café. Wo der Film nach außen ausgreift, etwa in Szenen wie dem Streit mit dem Frühsozialisten Wilhelm Christian Weitling während der bürgerlichen Revolution 1848, gibt es die im Historytainement beliebten illustrativen und rhetorischen Szenen mit Statisten, filmisch uninteressant in ihrem gut tapezierten Historismus.

Gar nicht uninteressant ist natürlich Mario Adorf. Er spielt den alten Karl Marx, gibt ihm etwas Gutmütiges, etwas Bedächtiges, etwas Zweifelndes. Die knarzige Stimme dringt durch den musterhaft nachgebauten Bart, der schon das erste Innenblatt der berühmten blauen Bände zierte. Dass Mario Adorf dabei ganz auf Ähnlichkeit getrimmt ist, nimmt einem schon fast den Spaß, ihm beim Verfertigen seiner Figur zuzuschauen. Aber natürlich ist Mario Adorf auch in der Kostümierung sehr präsent, das Buch ist auch auf ihn zugeschnitten. Friedrich Engels (Lutz Blochberger; auch hier stimmt der Bart) und Eleanor (Sarah Hostettler) kommen kaum dagegen an.

So bleibt auch die berühmte Freundschaft zwischen Marx und Engels mehr Behauptung als filmische Erzählung, auch dort, wo sie szenisch gefasst wird. Vor allem, weil Buch und Regie auf die unglücklichste aller Lösungen verfallen und Szenen bauen, in denen die beiden sich die berühmten Sätze etwa aus dem Kommunistischen Manifest als Dialog-Sätze zuwerfen, als würden sie sie grade gefunden haben.

Die Privat-Perspektive des Doku-Dramas hat auch Folgen. Dass Marx wie ein Besessener gearbeitet hat, ohne Rücksicht auf Familie und Gesundheit, ist bekannt, im Film freilich kaum mehr als eine Behauptung. Wie zeigt man die Entwicklung einer Theorie, wie das Exzerpieren von Literatur, wie die Fertigstellung eines Manuskripts? In den Szenen sieht man ihn jedenfalls fast stets ohne Arbeit, beim Schachspielen, im Cafè, am Billardtisch, am Meer sitzend oder am Zugfenster, mit dem Enkel spielend.

Und das auch noch in einer überdeutlich illustrierenden Erzählweise. Als könne man der Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht wirklich trauen, werden Text und Bild häufig gedoppelt - eine Erzählweise in fast allen Geschichtsfilmen aus der ZDF-Produktionsfirma "Gruppe 5".

Am Ende entwickelt der Film seine beiden konkurrierenden Positionen und stellt sie nebeneinander. Eleanor, die das menschliche Bild des Vaters bewahrt gegen die übergroßen Bilder der historischen Figur. Und der Biograf Jürgen Neffe, der ihn politisch einordnet: "Marx war ein Philosoph der Freiheit, wenn man das mal vorne anstellt. Pressefreiheit war ihm so wichtig, dass er immer wieder ins Exil gegangen ist. Dass er irgendetwas getragen oder befürwortet hätte, was diese Freiheiten einschränkt, gilt als sehr unwahrscheinlich." Der Film nimmt damit Marx gegen seine Nachfolger und Indienstnehmer in Schutz. Erst eine drängelige, akustisch vorangetriebene Montage von Lenin, Stalin, Mao, Ulbricht, FDJ, Mauerfall. Dann Bilder aus gegenwärtigen sozialen Auseinandersetzungen. Zum Abspann läuft dann, ein wenig platt, "Working Class Hero" von John Lennon.

Aus epd medien Nr. 17 vom 27. April 2018

Fritz Wolf