Kritik
Melodram mit Kalauern
VOR-SICHT: "Das Leben vor mir", Fernsehfilm, Regie: Anna Justice, Buch: Sathyan Ramesh, Kamera: Adrian Cranage (ARD/NDR, 24.10.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Als Julia (Eleonore Weisgerber) abends plötzlich bei Cornelius (Matthias Habich) klingelt, ist eigentlich alles vorbereitet zum romantischen Dinner. 25 Jahre Beziehung mit dem Lebensmenschen, das ist keine Kleinigkeit. Zur Feier des glücklichen Tages hat Cornelius für viel Geld einer jungen Frau besondere Konzerttickets abgeschwatzt. Nun steht Julia in der Tür, nach 30 Jahren Gesprächsstille, und sie ist gekommen, um zu bleiben - und sein harmonisches Leben mit seinem viel jüngeren Ehemann Frank (Stephan Kampwirth) zu versauen. Dies sei "der Besuch der alten Dame", erinnert sie spitz an das Stück von Dürrenmatt, in dem es um das Aufdecken der Lebenslügen alter Bieder- und Ehrenmänner geht.

In seiner aufgeklärten Achtundsechzigerbrust verberge sich ein standesbewusster Spießer, das habe sie immer gewusst, so fängt sie an. Ihr Leben gehe zu Ende. Sie habe niemanden mehr. Man kümmere sich bitte um sie, fordert sie. Das sei das Mindeste. Schuldgefühle, merkt Cornelius, verjähren nicht. Während er vor drei Jahrzehnten seine Liebe zu Männern entdeckte und auslebte, brach für Julia ihre Welt zusammen. Späthippiebewegt ging sie als politische Journalistin nach Kalifornien, brachte die zwei kleinen Kinder nach einem Jahr des Fremdelns mit der neuen Situation aber zum Vater zurück. Der ihnen genügend Nestwärme mitgab, wie er sich erinnert. Dass sowohl Abel (Florian Panzner) als auch Natascha (Maren Eggert), genannt Mücke, nicht recht Fuß fassen in ihrem Erwachsenenleben, ist Cornelius nicht entgangen, aber er hat das Seine getan.

Zur Mutter indes ist der Kontakt der Kinder längst abgebrochen. Dass Julia ihre Kinder ein letztes Mal wiedersehen soll, ist für Cornelius ausgemachte Sache. Während er sich auf die Suche nach Abel macht, der finanziell immer wieder Schiffbruch erleidet und selbst seine Freundin geprellt hat, reagiert Natascha auf keinen seiner Anrufe. In stiller Depression verzweifelt sie auf dem Sofa, ihre eigenen Kinder schmeißen den Haushalt, der Mann schläft aushäusig.

"Familie ist wie eine Tombola, die nur Scheiße verlost", sagt Julia einmal. Zeit der Abrechnung, Zeit der Versöhnung, Zeit, den Rest des (Zusammen-)Lebens neu zu justieren. Es kommt viel auf einmal in "Das Leben vor mir", vor allem viel Emotionales. Und es muss erst einmal eine Menge an Familienvergangenheit aufgearbeitet werden, bevor man in der Gegenwart angelangt. Das ist anstrengend, vor allem, wenn jede Gefühlspetitesse zur Debatte Anlass bietet. Auch in anderen Filmen hat Autor Sathyan Ramesh mit dem Melodram nicht nur geliebäugelt, sondern es inbrünstig umarmt. Gelegentlich wird arg dick aufgetragen in seinen Filmen, als gäbe es außerhalb von Liebe und Leidenschaft, von Verletzungen und Versöhnungen gar kein Leben.

Selbst Darstellern wie Habich und Weisgerber gelingt es hier nicht immer, den Kitsch zu umspielen, etwa wenn sie in Erinnerungen an die Hausmusik ihrer Kinder schwelgen und die Mundharmonika die Melodie dazu bläst. Herbstblues, Winterlieder. Dazwischen: "Die Gedanken sind frei." Liedgut, an das sich 30 Jahre lang keiner der beiden auch nur im Geringsten erinnert hat. Nun, das ist Sache der dramaturgischen Freiheit. Inszeniert wird der schwerstmütige Plot von Anna Justice immerhin mit einer Dosis Nüchternheit, die der Klarheit der Familienaufstellung zugutekommt.

Warum aber Frank sofort schwer irritiert meint, die Liebe seines Lebens nicht mehr zu kennen, und sich einem höchst seltsamen Schüler seiner Karateschule umstandslos an den Hals schmeißt; warum Abel (Florian Panzner ist in dieser Rolle nicht besonders glücklich besetzt) schwer schusswaffenbewehrt gleich für ein übles Inkassounternehmen finsterster Gesellen arbeiten muss; warum Cornelius die psychische Not seiner Tochter, zu der er sonst ein zärtliches Verhältnis pflegte, ganz und gar entgangen ist - das alles bleibt rätselhaft.

Und dass Julia ganz und gar keinen Krebs hat, wie von Cornelius angenommen, wirkt vor allem wie ein dramaturgischer Trick zum Herbeiführen der großen überfälligen Aussprache. Das Missverständnis, klar, muss sein. Es dient als Konstruktionsgrundlage für ein Melodram über alte und neue Familie, über die Möglichkeit des authentischen Erwachsenenlebens in den Zumutungen und Verantwortlichkeiten des Kindergroßziehens. Wie Wechselbälger wirken jedoch Dialogzeilen, die an schweren Stellen immer wieder eine leichte Note in den Handlungsvorgang bringen sollen: "Ich dachte, der baut sich was auf" - "Hat er ja, einen Schuldenberg". Oder: "Wie erträgt dein Mann, dass er sich an seiner Frau aufreibt?" - Indem er sich "an seiner zugänglichen Sekretärin reibt."

Beim Konzert, das Cornelius ohne Frank besucht, schwimmen ihm die Augen. Er wird die Liebe noch wiederfinden und eine Trauerrede halten, am offenen Sarg einer der Hauptfiguren. Hausmusik gibt es zum Schluss wieder, wie früher. Jede Menge Liebe, die irgendwie dialektisch aufgehoben wurde. Und jede Menge Zukunft für die Überlebenden. Familie, so die ehrenwerte Botschaft, ist in vielen Formen der Mühe wert. Etwas weniger Emotionsaufriss und einige Kalauer weniger hätten es aber auch getan.

Aus epd medien Nr. 42 vom 19. Oktober 2018

Heike Hupertz