Kritik
Lebensfeindlicher Ort
VOR-SICHT: "Frankfurt, Dezember 17", Fernsehfilm, Regie und Buch: Petra K. Wagner, Kamera: Johannes Monteux (ARD/HR, 17.10.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Frankfurt am Main, kurz vor Weihnachten. Eine Stadt, als lebensfeindlicher Ort fabelhaft erschaffen in einem Film, der zum genauen Hinsehen gedacht ist. Der Advent als Hedonistenevent, eine feuchtfröhliche Betriebsfeier im Kreiskrankenhaus, Ärzte und Pfleger mit lächerlichen Nikolausmützen, der Weihnachtsmarkt eine Ansammlung von Pommesbuden und Schnickschnackverkauf. Nach ein paar Bissen schmeißen die meisten den Rest ihrer Wurst übersättigt in die Tonne. Bittere Kälte macht die Farben fahl. Die Unwirtlichkeit der Straßen ist kaum zu ignorieren, aber es gelingt fast allen Passanten, an Bettelnden vorüberzugehen.

Dagegen leuchtet die Gemütlichkeit einer Krankenschwester-WG in warmen Farben. Irina (Lana Cooper) befestigt Lichterketten am Balkon. Nichts Luxuriöses, aber so, denkt man, sollte ein würdevoller Standard der Beherbergung aussehen. Draußen herrscht ein unbarmherziges Wetter, das von den Banken kaltglitzernd reflektiert wird. Die abstrakte Schönheit kann nur schätzen, wer selbst im Warmen sitzt. Und wer im Warmen sitzt, so der Tenor des dramaturgisch ungewöhnlichen, nicht chronologisch erzählten Films "Frankfurt, Dezember 17" von Petra K. Wagner, wird leicht empathielos.

Dass alles seinen Preis hat, weiß die junge Obdachlose Sam (Ada Philine Stappenbeck) nur zu gut. Blond, zart, jung - auf der Straße überlebt sie, schon körperlich gefährdet, nur als Unsichtbare. Als Schatten, der sich von Obst aus dem Abfallcontainer eines Supermarkts ernährt und vertrieben wird. Ein betrunkener Berber verletzt sie mit ihrem eigenen Messer, das sie eigentlich zu ihrem Schutz bei sich trägt. Lennard (Christoph Luser) nimmt die Verletzte mit in seinen "Palast", eine Investitionsruine zwischen den Frankfurter Türmen aus Glas und Stahl mit ihren kalt glänzenden Bienenwabenbüros. Lennards "Salon", ein weiter Raum, dessen Wände zwischen Deckenstützen lediglich imaginiert sind, wird zu Sams Sicherheitsort. Er gibt ihr seine festen Schuhe, bringt ihr Essen aus dem türkischen Imbiss: Was ist der Preis für Lennards Schutz und Fürsorge?

Anne Wegner (Katja Flint) versucht zu verstehen: Ihr Sohn Rio (Jonathan Stolze) hat mit zwei Freunden am Mainufer einen Obdachlosen angegriffen und misshandelt. Den wehrlos am Boden Liegenden hat Rio zusammengetreten. Es ist Lennard, der mit schweren Kopfverletzungen auf Irinas Intensivstation liegt. Irina hat Gewissensbisse. Am Ende der Weihnachtsfeier hatte sie mit dem verheirateten Oberarzt Carl (Barnaby Metschurat) Sex im Auto am Tatort, sah den Angriff und ließ sich von Carl davon abhalten, die Jugendlichen zu vertreiben. Schließlich vertraut sie sich der ermittelnden Kommissarin Böhmer (Inga Busch) an. Als einzige Augenzeugin. Carl kneift - "Es ist doch nur ein Penner" - und droht ihr.

Rios Vater Wolf (Anian Zollner) ist die Schuld des Sohns gleichgültig. Es gilt, die Karriere des Jungen zu sichern. Anne befürwortet die Untersuchungshaft, gar eine Verurteilung. Sam entdeckt Details aus Lennards Leben. Irina findet zu innerer Stärke. Lennard stirbt. Er wolle keine Spuren hinterlassen, hat er einmal zu Sam gesagt. Luser und Stappenbeck spielen die beiden Außenseiterexistenzen nuanciert und beschämend wahrhaftig. Mit dem Messer prickelt Sam Lennards Namen in die Rigipswand des Zufluchtgebäudes. In einer Variante der Schöpfungsgeschichte ruft Gott Adam bei seinem Namen in die Existenz. Jede und jeder hat ein Gesicht und einen Namen, auch die Unsichtbaren.

"Frankfurt, Dezember 17" hätte ein furchtbar salbungsvoller, anklagender Film werden können, er ist es zum Teil auch. Man möchte das Drehbuch mit seiner ziemlich banalen Dichotomie von Weihnachten und Obdachlosigkeit, mit seiner Gegensätzlichkeit von Konsum und Güte, mit seiner platten Verteilung der Gewissensnöte auf die weiblichen Figuren (Irina, Anne) und der totalen selbstgerechten Unempfindlichkeit bei den Männern (Carl, Wolf) gar nicht erst lesen. Auch das direkte In-die-Kamera-Schauen und Den-Zuschauer-Ansprechen als Stilmittel wirkt altbacken. Es ist trotzdem ein bewegender Film geworden.

Manches erklärt der Film gar nicht. Wie sind Sam und Lennard auf der Straße gelandet? Woher rührt Rios Amoralität? Die Trennung der Eltern Rios wird kurz als Muster angeboten und gleich zurückgezogen. Nicht im Erklärgestus bewegt sich der Film, sondern im Zeigemodus. Ihm gelingen die sprechenden Bilder. Und ihm gelingt vor allem die Darstellung der Beziehung zwischen den Obdachlosen. Die aufkeimende Zuneigung und Nähe zwischen Lennard und Sam zeigt sich in Taten. Dass hier keineswegs zwei moralisch Heilige miteinander umgehen, sondern Versehrte und Verletzte - diese Gratwanderung gelingt Luser und Stappenbeck hervorragend.

Aus epd medien Nr. 41 vom 12.Oktober 2018

Heike Hupertz