Kritik
Kunstvolle Erzählung
VOR-SICHT: "Das Verschwinden", achtteilige Serie, Regie: Hans-Christian Schmid, Buch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid, Kamera: Yoshi Heimrath, Produktion: 23/5 Filmproduktion, Mia Film Prag (ARD/BR/NDR/SWR/Degteto)
Frankfurt am Main (epd). Wenn die erste Doppelfolge der Serie "Das Verschwinden" in der ARD Premiere hat, wurden im Bezahlsender Sky die ersten vier Episoden der Serie "Babylon Berlin" dem exklusiven Kreis der Abonnenten bereits gezeigt. Und nicht nur das: Auch wer kein Sky-Abo hat und bis zum Herbst nächsten Jahres warten muss, um die Serie in der ARD sehen zu dürfen, kann sich kaum retten vor enthusiastischen Kritiken, die "Babylon Berlin" als "Revolutionierung der deutschen Serienlandschaft" bezeichnen. Es treten also, nahezu parallel programmiert, zwei Serien in Erscheinung, von denen die eine mit gewaltigem Presse-Tamtam gefeiert wird, während die andere, die "Das Verschwinden" heißt, in der öffentlichen Aufmerksamkeit auch hinter dem Spektakel um "Babylon Berlin" zu verschwinden droht.

Es ist keine Krimiserie, obwohl es auch um Drogenproduktion in großem Stil, um Drogenschmuggel und korrupte Polizisten geht. Auch eine Familienserie ist es nicht, obwohl es um die Beziehungen zwischen Eltern und ihren jugendlichen Kindern geht. Nein, es ist beides und noch viel mehr: Es ist ein psychologisch und soziologisch ausgeleuchtetes, schmerzhaftes Gegenwartsdrama über das Verschwinden von Nähe und Vertrauen zwischen den Generationen, über das Schweigen und die Lügen der Erwachsenen, das Schweigen, die Lügen und die Perspektivlosigkeit junger Menschen um die zwanzig.

Ihnen bleibt in dieser bayerischen Kleinstadt an der Grenze zu Tschechien kaum etwas anderes als die Disco "Revolution" und die durch die Grenzöffnung unkontrolliert verfügbare, preiswerte Modedroge Crystal Meth. Jugendliche, die nicht so werden wollen wie ihre Eltern, stehen Erwachsenen gegenüber, die nicht begreifen wollen oder können, was in ihren Kindern vorgeht.

Auslöser der tragischen Entwicklungen, die das Leben aller Beteiligten erschüttern werden, ist das spurlose Verschwinden von Janine Grabowski (Elisa Schlott) in der Nacht ihres 20. Geburtstags. Ihre Mutter Michelle (Julia Jentsch), die bei einem ambulanten Pflegedienst arbeitet und die beiden Töchter, Janine und die kleine Evi (Anne-Marie Weisz), allein erzieht, kommt mit einer Geburtstagstorte ins Büro der Baufirma, in der Janine ihre Lehre macht. Aber Janine sitzt nicht an ihrem Schreibtisch. "Sie hat gekündigt", wird Michelle von einer Kollegin mitgeteilt. "Das kann nicht sein", sagt Michelle, "das hätte sie mir gesagt". Und dieser Satz deutet schon auf die Tragik hin, die sich im Folgenden entwickeln und bis zur erschütternden Auflösung steigern wird.

Denn er beharrt auf einem Vertrauensverhältnis, das nicht existiert: weder zwischen Michelle und Janine, noch in den anderen Familien. Nicht einmal zwischen Janine und ihren Freundinnen Manu (Johanna Ingelfinger) und Laura (Saskia Rosendahl). Auch ihnen hat sich Janine nicht anvertraut, sie hoffen nur, Janine habe "den Absprung" aus dem Ort geschafft.

So wollen es auch die beiden Ortspolizisten behandeln, Stephan Zinner und Kai Jessel (Gerd Markwart und Golo Euler), obwohl sie in der Nacht nicht nur gesehen haben, wie Janine aus einem Auto stürzte, das einfach weiterfuhr. Zinner hat sogar erkannt, wer am Steuer des Autos saß, gibt aber sein Wissen nicht preis und weigert sich, eine Vermisstenanzeige aufzunehmen. Erst als Janines Auto anderntags im Straßengraben gefunden wird und darin ein Päckchen Crystal Meth - was Janine als Dealerin verdächtig macht -, kommen die Polizisten in Gang und nehmen den Türken Tarik (Mehmet Atesci) ins Visier, der tatsächlich mit Crystal Meth in größeren Mengen dealt, die in ausgehöhlten Kürbissen der Gemüselieferung für das türkische Lokal seiner Eltern geschmuggelt werden.

Auch Tarik, befreundet mit den drei Mädchen, sehnt sich nach einem anderen Leben und erlebt mit Laura einen einzigen Tag des Glücksversprechens, der für beide nur ein Hoffnungsschimmer bleibt. Herzzerreißend sind die Szenen dieses Tages, an dem auch Laura aufblüht. Denn sie ist zu Hause mit der Pflege ihrer nierenkranken Mutter überfordert und sieht ihre eigene Lage so klar wie ausweglos: "Wenn ich mich nicht um sie kümmere, hab ich ein schlechtes Gewissen, und wenn ich mich um sie kümmere, hat sie ein schlechtes Gewissen."

Das Zuhause von Manu wird beherrscht von ihrer gefühlskalten dominanten Mutter (Nina Kunzendorf), die ihre Sorge um die drogenabhängige Tochter, die schon eine Entziehungskur hinter sich hat, nicht anders als mit Überwachung, Misstrauen und Sarkasmus ausdrücken kann, während der Vater (Sebastian Blomberg), Leiter der Baufirma, in der Janine ihre Lehre machte, seiner Tochter eher Zuneigung und Verständnis entgegenbringt. Er scheint zu ahnen, dass Manus Lügen und ihre Drogensucht auch ein wütender Protest gegen die kalte Tüchtigkeit der Mutter und die Gefühlsarmut in der Familie sein könnte. Aber er ist zu schwach - vielleicht auch zu feige - seiner Tochter anders als mit Korrekturen der Erziehungsmaßnahmen seiner Frau beizustehen.

Emotionales Zentrum aber ist Julia Jentsch als Michelle und ihre verzweifelte Suche nach Janine. Unterstützung bekommt sie nicht durch die beiden auf Tarik fixierten Polizisten, sondern durch deren Kollegen Jens Köhler (Martin Feifel), dem sie sich mit ihrer Angst, Janine müsse etwas zugestoßen sein, anvertrauen kann. Acht Tage lang dauert diese Suche, in deren Verlauf Michelle nicht nur mit vielem konfrontiert wird, was sie von ihrer Tochter - und deren Freundinnen - nicht wusste.

Sie nimmt auch Kontakt auf zu Martin (Godehard Giese): Er ist Janines Vater, dessen Existenz Michelle ihrer Tochter verschwiegen hat. Martin lebt mit seiner Familie im selben Ort und hat seiner Frau Nicole (Isabella Bartdorff) ebenfalls verschwiegen, dass Michelles Tochter auch seine Tochter ist. Und es ist dieses Schweigen im Kleinstadtkosmos, dieser Mangel an Vertrauen zwischen den Erwachsenen und ihren Kindern, die zu Janines Verschwinden führten.

Das Ende trifft wie ein Schock. Und mag auch "Babylon Berlin" vielen Kritikern als "Revolutionierung der deutschen Serienlandschaft" gelten: "Das Verschwinden", das von Folge zu Folge die Dimension einer antiken Tragödie gewinnt, obwohl die Dynamik einer kunstvoll realistischen Erzählung aus der Gegenwart beibehalten wird, zeugt von großer, konzentrierter Meisterschaft.

Aus epd Medien Nr. 42 vom 20. Oktober 2017

Sybille Simon-Zülch