Debatte
Krise der Macht
Die Belästigungsvorwürfe beim WDR und die Folgen
Frankfurt a.M. (epd). Im Oktober 2017 postete das WDR-Magazin "Frau TV" auf Facebook eine Zitatesammlung, ",#MeToo' aus der Redaktion". Sie offenbarte, was sich Kolleginnen im Sender und in Redaktionen so alles anhören müssen - sexistische Sprüche wie diese hier: "Hätten Sie mal einen tieferen Ausschnitt gezeigt, dann hätten Sie auch bessere Chancen gehabt", "die Kollegin nehmen wir als Sexualproviant mit." Oder auch: "Kommst du heut' Nacht mit zu mir?" Was als harmlose Anmache gelten könnte, bekommt einen etwas anderen Beigeschmack, wenn man weiß, dass da ein Chefredakteur auf einer Firmenparty eine 30 Jahre jüngere Praktikantin fragte.

Aber vor zehn Monaten war Sexismus und Machtmissbrauch noch kein großes Thema beim WDR, dessen Betriebsklima aufgrund von Sparmaßnahmen, umstrittenen Programmreformen, geplanten Umzügen oder Zusammenlegungen von Redaktionen ohnehin angespannt ist. Als das Recherchebüro Correctiv und der "Stern", später auch "Bild", "Süddeutsche Zeitung" und der "Spiegel" ein halbes Jahr später Vorwürfe wegen sexueller Belästigung durch hochrangige WDR-Mitarbeiter publik machten, war anfangs neben Verunsicherung und Wut auch eine Art Wagenburg-Mentalität zu spüren.

Keine neutrale Stelle

Insbesondere die "Bild"-Berichterstattung ("Schmuddel-Skandal") sahen manche als Teil einer Kampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auch schien der Sender unter der Leitung von Tom Buhrow überfordert. Zwar stellte der Intendant sofort und unmissverständlich klar, dass ein solches Verhalten im WDR nicht geduldet werde. "In meiner Amtszeit ist das Signal eindeutig", sagte Buhrow am 11. April, eine Woche nach Beginn der Veröffentlichungen, in die Kameras von "WDR aktuell". Deshalb sei schon im Jahr 2015 eine Anlaufstelle, gemeint war der sogenannte Interventionsausschuss, gegründet worden. "Und die funktioniert", versicherte der Intendant mit fester Stimme, weil allen Vorwürfen, die dort vorgelegt wurden, nachgegangen worden sei.

Der Beitrag schloss mit der Information, dass Buhrow am selben Tag "zusätzlich" eine externe Anwaltskanzlei beauftragt habe, die Vorwürfe aufzuarbeiten. Und das war gleich das nächste Eigentor, denn die Kanzlei vertritt den Sender auch in arbeitsrechtlichen Verfahren und wird deshalb kaum von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als eine neutrale Stelle angesehen, an die man sich vertrauensvoll wenden könnte.

Eine externe Institution zu beauftragen, war prinzipiell eine gute Idee - wenn auch aus der Not geboren. Denn Buhrow wusste zu dem Zeitpunkt natürlich, dass das mit dem Interventionsausschuss eigentlich nicht funktionierte. Bereits eine knappe Woche vor dem 11. April hatte die Personalrats-Chefin Christine Seitz die Arbeit dort niedergelegt - und dies mit unmissverständlichen Worten begründet (epd 15/18). Der Personalrat habe immer wieder vergeblich gefordert, "im absolut hierarchisch geprägten WDR eine wirklich umfassende, strukturelle Kontrolle und Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren und Abhängigen zu gewährleisten". Vorschläge seien teils ins Lächerliche gezogen, teils als überflüssig oder zu aufwendig bezeichnet worden.

Diese Vorwürfe könnte man als den Kern der WDR-"#MeToo"-Affäre bezeichnen. Weil Seitz eine Haltung anprangerte, die sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch als nachrangiges Problem betrachtet. Und weil sie kundtat, dass die Strukturen im Sender offenbar versagt hatten. Buhrow räumte mittlerweile ein, dass er mit der Beauftragung der Kanzlei und im Umgang mit dem Personalrat Fehler gemacht habe. "Ich hätte die Arbeitnehmerseite noch näher an meine Seite holen müssen", sagte er dem Gewerkschafts-Magazin "Journalist" am 1. Juni. Sowohl Personalrat als auch Redakteurvertretung möchten sich zurzeit öffentlich nicht äußern. Der WDR antwortet auf eine entsprechende Anfrage knapp: "Die Zusammenarbeit ist aus Sicht der Geschäftsleitung wieder auf einer konstruktiven Ebene."

Vorfälle aus fast drei Jahrzehnten

Der WDR hat bekanntlich einem Auslandskorrespondenten und dem Programmbereichsleiter Fernsehfilm, Serie und Kino gekündigt, über Sanktionen gegen einen weiteren Fernsehkorrespondenten ist noch nicht entschieden worden. "Die Zahl der gemeldeten Vorwürfe liegt im niedrigen zweistelligen Bereich", teilt der WDR mit (während bei anderen Sendern nur von Einzelfällen die Rede ist). Sie beträfen Vorfälle aus den 90ern bis in die Gegenwart.

Wie viele Männer - und Frauen? - mit Vorwürfen konfrontiert werden mussten, wie viele Vorwürfe anonym oder namentlich geäußert wurden, dazu gibt es keine genauen Auskünfte, obwohl der Rundfunkrat den Intendanten Anfang Mai darin "bestärkt" hat, "nach innen und außen offensiv und transparent zu kommunizieren".

Der Fokus liege nun auf der "sorgfältigen Aufarbeitung von aktuellen Verdachtsfällen", begründet der WDR die eigene Zurückhaltung. Man will wohl weitere Schlagzeilen vermeiden, hofft vielleicht auch auf einen Schlussstrich, den die von Buhrow berufene externe Gutachterin Monika Wulf-Mathies (SPD) ziehen soll. Die ehemalige Gewerkschafts-Vorsitzende und EU-Kommissarin soll keine einzelnen Fälle, sondern allgemein den Umgang der WDR-Führung mit Vorwürfen sexueller Belästigung und des Machtmissbrauchs untersuchen. Aus dem Umfeld von Wulf-Mathies ist zu hören, dass sie gute Gespräche auf allen Ebenen führen konnte und dass der Sender offen mit allen Fragen umgegangen sei. Überraschungen, heißt es, werde es keine geben, wenn Wulf-Mathies ihren Bericht gegen Ende des Sommers veröffentlichen werde.

Fälle von sexueller Belästigung im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) gibt es in vielen Unternehmen. Laut einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2015 hat jeder Zweite eine der im Gesetz beschriebenen Verhaltensweisen am Arbeitsplatz bereits selbst einmal erlebt, übrigens mehr Männer (56 Prozent) als Frauen (49). Drei Viertel der Männer und zwei Drittel der Frauen nannten Männer als Urheber der Belästigung.

Bastion des Feudalismus

Der Fokus der "#MeToo"-Bewegung lag nach den Enthüllungen über Harvey Weinstein jedoch insbesondere auf der Filmwirtschaft. In Deutschland wurden dem Regisseur Dieter Wedel gewalttätige Übergriffe vorgeworfen, und die Tatsache, dass in der Vergangenheit Sender, Produzenten, Kolleginnen und Kollegen dem Treiben weitgehend tatenlos zuschauten, erschütterte die Branche und führte etwa zu dem Plan, eine von verschiedenen Institutionen getragene Vertrauensstelle zu gründen.

Im Januar schrieb der Kölner Film-Produzent Mario Krebs ("Unter Verdacht", "Katharina Luther") einen hellsichtigen Text aus Anlass der "#MeToo"-Debatte und der Enthüllungen über Wedel. Seine zentrale Forderung lautete: "Ich wünsche mir, dass wir uns viel stärker mit den Machtstrukturen befassen, innerhalb derer jemand wie Wedel ungestraft agieren konnte." Er zitierte darin eine Bemerkung des Regisseurs Frank Beyer: "Filmemachen ist die letzte Bastion des Feudalismus" - im Sinne von unumschränkter persönlicher Macht, die der Willkür Tür und Tor öffnen könne. Krebs riet zu einer besseren "Machtbalance" im kreativen Prozess, forderte eine Stärkung der Autoren, warnte angesichts der Auftragsvergabe an sendereigene Produktionstöchter vor der "Machtfülle" von ARD und ZDF, und bezweifelte mit Verweis auf den Fall Doris Heinze, dass sich Machtstrukturen allein dadurch aufbrechen lassen, "wenn/weil Frauen in Führungspositionen kommen".

"Wir alle", schloss Krebs seine Ausführungen, "müssen an die vielschichtigen Machtstrukturen heran, die die ,letzte Bastion des Feudalismus' bestimmen. Und das wird ein langer Weg sein." Aus Produzentensicht schlägt er heute vor, dass die Sender wie in den USA nur einmal im Jahr einen zentralen Pitch veranstalten, in dem neue Programme vorgestellt und ausgewählt werden können. "Jetzt entwickeln wir 24 Stunden am Tag das ganze Jahr über", sagt Krebs, dies fördere die Willkür im System. Die Vergabe durch die Fernsehredaktionen erfolge oft nach undurchsichtigen Kriterien, dies sei ein entscheidender "Flaschenhals".

Falsche Entscheidungen

Beim WDR zum Beispiel treffen in der Fernsehfilm-Redaktion jährlich mehr als 1.000 Angebote für neue Filme oder Serien ein. Der entlassene Fernsehfilmchef Gebhard Henke hat da eine andere Sichtweise: "Viele, deren Vorschläge abgelehnt werden, sagen nicht: Mein Projekt war nicht gut genug. Es heißt: Die Redakteure treffen die falschen Entscheidungen. Die machen die falschen Filme. Damit habe ich mein ganzes Berufsleben leben müssen." Henke beklagt, dass auch die Medien "fast nie positiv" über die Arbeit der Redaktionen berichten würden und dass "sich hier die ,#MeToo'-Debatte sehr unreflektiert mit pauschaler Kritik an der Arbeit öffentlich-rechtlicher Redaktionen vermischt".

Es mag auch sein, dass einige Zeitungsredaktionen mitten in der Legitimations-Debatte um das öffentlich-rechtliche System gerne die Chance zur Skandalisierung ergriffen haben. Dazu gehören auch handwerkliche Kniffe wie die Beförderung Henkes zum "Tatort-Chef". Einen solchen gibt es zwar nicht (nicht einmal einen "Tatort-Koordinator", wie man nun lernen durfte), aber das verleiht der Nachricht Relevanz und bringt einige Klicks mehr. Die Popularität der Krimireihe hat sicher dazu beigetragen, dass die Berichterstattung im Mai noch einmal Fahrt aufnahm. Zudem hatte sich Henke selbst als derjenige geoutet, der vom Sender freigestellt worden war. Und mit Charlotte Roche gab es eine Bestseller-Autorin, die im "Spiegel" einen Jahre zurückliegenden Übergriff Henkes, den der bis heute bestreitet, öffentlich machte. Prominente und Sex, was gibt es Verlockenderes für Medien? Dass es einigermaßen skurril wirkt, wenn sich ein Blatt wie "Bild" über Sexismus empört, gehört zu den bemerkenswerten Randerscheinungen der Affäre.

Allerdings trug der öffentliche Druck gewiss dazu bei, dass sich beim WDR eine früher offenbar nicht gegebene Sensibilität einstellte. Die Recherche von Correctiv und "Stern" bestätigte ein bekanntes Muster: Ein Mann in gehobener Position nutzt die eigene Macht zu dreisten Annäherungsversuchen. Betroffen sind jüngere Frauen, die in der beruflichen Rangfolge zum Teil weit unter ihm stehen. Zugleich rückten bereits die ersten Veröffentlichungen auch die Frage nach der korrekten Aufarbeitung in den Mittelpunkt. Als fatal und bezeichnend erwies sich die offizielle "Ermahnung" des Fernsehkorrespondenten Arnim Stauth. Der wurde im Jahr 2010 sanktioniert, damit er Vorwürfe gegen einen des Machtmissbrauchs bezichtigten Kollegen nicht weiter verbreite, während der Kollege selbst vorerst ohne Sanktionen davonkam. Auch die Ermahnung Stauths bezeichnete Buhrow später als einen Fehler. Sie sei aus dessen Personalakte gestrichen worden.

Keine konkreten Vorwürfe

In den Blickpunkt geriet in diesem Zusammenhang insbesondere der Vorgesetzte Stauths, der damalige Fernseh-Chefredakteur Jörg Schönenborn. Er verteidigte sich mit dem Argument, es habe damals weder einen konkreten Vorwurf noch namentliche Opfer gegeben. "Wir hatten eine Ombudsperson, die das untersucht und mit möglicherweise Betroffenen gesprochen hat. Sie bekam am Ende von ihnen keine Freigabe, Namen oder konkrete Tatbeschreibungen zu nennen, so dass die Vorwürfe nicht aufgeklärt werden konnten", sagte er Mitte April. Die Entscheidung, sich nicht zu offenbaren, kann verschiedene Gründe haben, und mangelndes Vertrauen in Vorgesetzte und Führungskräfte gehört sicher ganz oben auf die Liste.

Buhrow hat den Vorschlag zur Vertragsverlängerung von Schönenborn und Hörfunkdirektorin Valerie Weber nicht - wie turnusmäßig zu erwarten - bereits in den Rundfunkrat eingebracht. Man muss das nicht unbedingt als Misstrauensvotum verstehen. Schließlich hatte Buhrow gerade Monika Wulf-Mathies, von 2001 bis 2008 Vorstandsmitglied der Deutschen Post AG, um eine unabhängige Begutachtung gebeten. Bisher scheint die Führungsriege beim WDR eher enger zusammengerückt zu sein, und Palastrevolutionen sind ohnehin nicht die Sache des Rundfunkrats. So werden die Direktoren-Verträge dann wohl im Herbst verlängert - wenn Wulf-Mathies und die sie beratende Kanzlei nicht doch noch eine Überraschung präsentieren.

Kein Zweifel: Der Kampf gegen Sexismus wird nun beim WDR mit größerem Eifer geführt als noch vor einigen Jahren. Als weitere unabhängige Anlaufstelle wurde eine zweite Kanzlei beauftragt, doch perspektivisch sollen nur das Interventionsteam und eine noch einzurichtende Ombudsstelle dauerhafte Anlaufstellen sein. Der Sender kündigte Dialogveranstaltungen, Schulungen und Workshops an und sammelte unter einer bestimmten Mail-Adresse rund 40 konkrete Vorschläge zur Verbesserung des Betriebsklimas. "Alle Vorschläge werden nun der Geschäftsleitung zur Entscheidung vorgelegt", versichert die Pressestelle. Außerdem wurde Verwaltungsdirektorin Katrin Vernau damit beauftragt, "ein Konzept vorzulegen, wie die Unternehmenskultur des WDR sich weiterentwickeln soll", wie es in einer Stellungnahme heißt.

Auch in Sachen Aufklärung und Sanktion geht der Sender forscher vor als früher. Dafür steht insbesondere der Umgang mit dem ehemaligen Programmbereichsleiter Gebhard Henke. Dass in seinem Fall auch anonyme Vorwürfe eine Rolle gespielt haben, räumt der WDR ein. "Der WDR hat die Vorwürfe von mehr als zehn Frauen, die ihm größtenteils namentlich bekannt sind, sorgfältig überprüft und hält sie für schwerwiegend und glaubhaft", bestätigte der Sender auf Anfrage, nachdem Henkes Anwalt Peter Raue in einem Interview mit der "Zeit" behauptet hatte, acht der zehn Vorwürfe seien anonym. Auch die Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM), wo Henke seit 2001 als nebenberuflicher Professor für "Kreatives Produzieren" lehrt, hat nach dem Auftauchen eines anonymen Flugblatts mit Anschuldigungen gegen Henke eine Überprüfung eingeleitet. Diese sei noch nicht abgeschlossen, teilte die KHM mit.

Kein Happy End

Bittere Ironie: Der Fall des WDR-Fernsehfilmchefs hätte selbst das Zeug zu einem Filmstoff, der das Dilemma bei der Aufklärung von Vorwürfen sexueller Belästigung beispielhaft erzählen könnte. Der Film würde von Frauen handeln, die sich öffentlich bekennen, und von Frauen, die dies nicht tun, nicht einmal gegenüber dem Arbeitgeber. Vielleicht aus Scham, aus Furcht vor Nachteilen oder einfach aus Sorge, dass der eigene Name in die Öffentlichkeit geraten könnte. Und er würde von einem einflussreichen Mann handeln, der das Programm seines Senders und die Film- und Fernsehlandschaft lange Zeit mitgeprägt hat und der nun kurz vor dem Ruhestand Job und Ruf verliert. Der öffentlich seine Unschuld beteuert und mit dem sich auch Frauen solidarisieren. Was wiederum andere empört.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass es im Film zu einer Art Happy End kommen könnte. In der Wirklichkeit ist der Fall zumindest juristisch abgeschlossen: WDR und Henke einigten sich auf einen Vergleich, über den beide Seiten Stillschweigen vereinbarten. Die Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht wurde nicht verhandelt, aber beide Seiten beteuern, sie hätten den Prozess gewonnen. Und nun? Der Programmbereich wird jetzt von Barbara Buhl geleitet, Henkes langjähriger Stellvertreterin, die aber eigentlich noch in diesem Jahr selbst in Ruhestand gehen sollte. Wie es weitergehen soll, ist offen.

Auch sonst herrscht Verunsicherung. Der Fall Wedel habe "unsere Branche massiv aufgerüttelt", sagte Schauspielerin Maria Furtwängler im Interview mit "Zeit online". "Nach dem Fall Henke allerdings haben Frauen eher die Erfahrung gemacht, dass ihre Vorwürfe heruntergespielt wurden: Einmal an den Hintern gefasst, das rechtfertige doch nicht, dass eine ganze Karriere zerstört werde, hieß es. Die Frauen sind mit dem Gefühl zurückgeblieben, dass man mit so etwas lieber nicht in die Öffentlichkeit geht." Gebhard Henke antwortet darauf: "Man kann es auch umdrehen: Immerhin haben anonyme und nicht belegbare, in Wahrheit erfundene Vorwürfe, dazu geführt, dass jemand wie ich fristlos entlassen worden ist."

Kluft zwischen Führung und Mitarbeitern

Auch im Umfeld des Senders wurden Zweifel laut, dass die Kündigung vor Gericht Bestand gehabt hätten. Selbst Frauen, die keinesfalls die Glaubwürdigkeit der Kolleginnen, die die Vorwürfe erhoben hatten, infrage stellen wollen, halten die These vom "Bauernopfer" Henke für stichhaltig. Von "Aktionismus" ist die Rede, der insbesondere den Job des angeschlagenen Jörg Schönenborn retten soll, der sich in früheren Fällen vergleichsweise weniger engagiert gezeigt habe. Auch wird die Kluft zwischen Führungsetage und Mitarbeitern größer beschrieben, als es Intendant Buhrow wahrhaben will. Insider sprechen von einer "wachsenden Distanz zwischen Führung und Beschäftigten in den vergangenen Jahren". Die "Über-Hierarchisierung" sei ineffizient, begünstige Kungelei und Bündniswirtschaft. Die Verunsicherung im Inneren sei "ungemein groß". Es herrsche Misstrauen, ein "stark hierarchisches, vertikales Klima im Haus" und überhaupt eine "unkommunikative Stimmung". Wer sich umhört, stößt schnell auf solch kritische Stimmen.

Die "#MeToo"-Krise bietet daher auch die Chance, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen - falls man es ernst meint mit Beteuerungen wie diesen hier: "Wir müssen unsere Kultur weiterentwickeln, um ihr jeglichen Nährboden für unbotmäßiges Verhalten zu entziehen. Dabei geht es darum, offener und aufrechter miteinander zu kommunizieren." So wird Direktorin Vernau in der WDR-Hauszeitschrift "Print" zitiert. Zu Recht weist sie darauf hin, dass das Thema deutlich über die "#MeToo"-Debatte hinausgehe, weil sie "auch etwas mit der Veränderung unserer Arbeitswelt durch die Digitalisierung zu tun hat".

Wie also muss ein öffentlich-rechtlicher Sender im Internet-Zeitalter organisiert sein? Welche Strukturen fördern die Kreativität und verhindern zugleich Willkür und Machtmissbrauch? Hat sich der WDR tatsächlich auf den "langen Weg" gemacht, von dem Produzent Mario Krebs spricht? Die nächsten Monate könnten spannend werden, falls die größte ARD-Anstalt doch einmal aus der Not eine Tugend macht und mutige, wegweisende Vorschläge entwickelt.

Aus epd medien Nr. 32 vom 10. August 2018

Thomas Gehringer