Inland
Herres: Kein Weg zurück für die "Lindenstraße"
Wilhelm bekräftigt erneut die Idee einer europäischen Onlineplattform
München (epd). Für die "Lindenstraße" führt kein Weg zurück ins Fernsehprogramm der ARD. Die Entscheidung gegen die Serie, die inzwischen schon ein "biblisches Alter" erreicht habe, sei vor allem aus inhaltlichen Gründen gefallen, sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres am 28. November bei einem ARD-Pressegespräch in München. Die Gesellschaft habe sich stark verändert, die alten Formate und Erzählformen könnten diesen Wandel nicht in ausreichendem Umfang abbilden.

Relevante gesellschaftliche Themen, die in der "Lindenstraße" eine große Rolle gespielt hätten, bräuchten heute andere Formen der Umsetzung in den Fernsehprogrammen, so Herres. Deshalb habe die Serie auch nicht mehr die jungen Zuschauer gewinnen können, sondern Jahr für Jahr Zuschauer verloren. Die Entscheidung gründe deshalb auch auf einer Abwägung zwischen zurückgehender Akzeptanz und den Produktionskosten.

Die vom WDR verantwortete Serie, die seit 1985 immer sonntags im Ersten läuft, wird im März 2020 eingestellt. Bei der Bekanntgabe der Absetzung hatte die ARD insbesondere Sparzwänge als Begründung genannt (epd 47/18). Die Produzenten, Hans W. Geißendörfer und seine Tochter Hana, kritisierten den Beschluss und stellten das Argument wirtschaftlicher Zwänge infrage. Brancheninformationen zufolge kostet eine Folge "Lindenstraße" knapp 190.000 Euro, aufs Jahr gerechnet wären dies etwa acht Millionen Euro. Hana Geißendörfer erklärte, sie halte eine Fortsetzung der Serie mit neuen Partnern für möglich. "Wir wären bereit, weiterzumachen, mit wem auch immer", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung".

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm kritisierte bei dem Pressegespräch erneut die großen digitalen Plattformen, die nach seiner Einschätzung zu einer Polarisierung der Gesellschaft und des öffentlichen Diskurses beitragen. Vor allem bei den Geschäftsmodellen der US-Anbieter spielten durch die Auswahl der Algorithmen Empörung und starke Affekte eine große Rolle, differenzierende Darstellungen würden hingegen als "langweilig" eingestuft und fänden so weniger Beachtung.

Wilhelm, der Intendant des BR ist, bekräftigte seine Idee einer übergreifenden europäischen Plattform, die ein Gegengewicht bilden könne (epd 2, 12, 41, 42, 43/18). Trotz der aktuellen politischen Problemlagen habe er seinen Glauben an die "Kraft Europas" nicht verloren. Ein erster Schritt sei, dass die Regulierung digitaler Plattformen in Europa Fahrt aufgenommen habe. Außerdem würden diese Plattformen zunehmend in ihrer Funktion als "Medienanbieter" gesehen. Für eine europäische Plattform spreche auch, dass sie europäischer Rechtsordnung und den gesellschaftlichen Leitbildern verpflichtet sei, sagte Wilhelm.

Herres verwies auf den besonderen Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender für die Gesellschaft. Zu diesem Auftrag gehörten in der medialen Umsetzung Objektivität, gründliche Recherche und investigativer Journalismus, wie sich etwa bei den "Panama Papers" gezeigt habe. Deshalb seien die Sendungen der ARD ein "Vertrauensanker" für die Gesellschaft. Wilhelm sagte, die Definition dieses Auftrags müsse stärker von der Politik kommen. Denn bei der Programmgestaltung oder dem Aufbau neuer Kanäle gebe es häufig Konflikte mit anderen Anbietern in dem jeweiligen Segment oder unterschiedliche Interessen von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. Die Bundesländer beraten zurzeit über eine Neufassung des Auftrags für ARD und ZDF (epd 45/18).

Funk steigert Bekanntheit

Die Intendantinnen und Intendanten sowie die Gremienvorsitzenden der ARD hatten sich am 26. und 27. November in Frankfurt turnusmäßig zu einer Hauptversammlung getroffen. Dabei zogen sie auch eine positive Bilanz des vor zwei Jahren zusammen mit dem ZDF gestarteten Internet-Jugendangebots Funk (epd 41/16, 39/17).

Programmgeschäftsführer Florian Hager sagte bei der Sitzung, dass Funk seine Bekanntheit insbesondere innerhalb der Zielgruppe stetig habe steigern können: Bei 66 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sei Funk oder eines der Funk-Formate inzwischen bekannt.

Auch die Nutzung der Inhalte steige kontinuierlich an. In den ersten beiden Jahren seit dem Start des Netzwerks seien die Videos bei Youtube rund 1,2 Milliarden Mal abgerufen worden, bei Facebook rund 258 Millionen Mal. Hinzu komme die Nutzung auf weiteren Plattformen wie Instagram und Snapchat. Etwa 120 Bewegtbild-Formate seien bisher entwickelt worden, von denen aktuell über 60 regelmäßig publizierten. "Öffentlich-rechtliche Inhalte sind, anders als oft behauptet, auch bei den 14- bis 29-Jährigen gefragt", sagte Hager.

Aus epd medien Nr. 48 vom 30. November 2018

lbm/rid