Kritik
Gschaftlhuber
VOR-SICHT: "St. Josef am Berg: Berge auf Probe" und "Stürmische Zeiten" von Lars Montag und Dirk Kämper nach einer Idee von Viktor Witte (ARD/Degeto/ORF)
Frankfurt a.M. (epd). Manche Dinge sind offenbar unkaputtbar. Dazu zählt der "Heimatfilm". Komischerweise liegt die Heimat der Menschen nie in Bottrop oder auch in Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Bezirk von Wien. Sie liegt fast immer in den Alpen und, besonders seit die neuen Bundesländer ins Spiel gekommen sind, gern auch an der deutschen Küste. Eine gewisse Verlogenheit ist diesem Genre also immanent. Vielleicht sollte man es einfach mal umtaufen in: "Was-vor-allem-ältere-Leute-gern-als-Heimat-hätten-aber-nie-kriegen-werden"-Filme oder in "Deutschsprachige-Urlaubsgegend"-Filme.

Die Degeto macht zusammen mit dem ORF mit "St. Josef am Berg" mal wieder einen Versuch, bei dem älteren Publikum, das die Öffentlich-Rechtlichen nun einmal haben, mit zwei Heimatfilmen mit Reihencharakter zu punkten. Dafür legt das Drehbuch, doppelt hält besser, die Ostseeküste mit der Bergwelt zusammen. Für jeden Geschmack etwas! Und irgendwie "modern" sollen Heimatfilme im Jahr 2018 natürlich auch noch sein, das geht dann so: Der österreichische Bergbub Peter Pirnegger (seines Zeichen Tierarzt) hat das Küstenkind Svea (erfolgreiche Verwaltungsangestellte) gefreit. Sie (Paula Kalenberg) verkündet ihm (Sebastian Wendelin) die Schwangerschaft am Ostseestrand bei Stralsund, wo die beiden nebst Sveas alleinstehender, DDR-geprägter Mutter leben (Anna Stieblich). Im Zusammenhang mit der kirchlichen Heirat, die in Peters alpinem Heimatdorf St. Josef am Berg stattfindet, kommt die Frage auf, ob sich die junge Familie nicht besser im Schoß der Berge und der dort seit fast 400 Jahren ansässigen Familie ansiedeln sollte als so hoch im Norden.

Treibende Kraft ist Joseph Pirnegger (Harald Krassnitzer), Peters Vater. Der alte Gschaftlhuber und Strippenzieher hat sich allerhand einfallen lassen, damit die beiden eigentlich kaum "nein" sagen können. Eine schicke Wohnung ist da, für Peter gibt es einen Superjob als Chefveterinär eines in Gründung befindlichen Nationalparks. Und für Schwiegertochter Svea - der Film will ja "modern" sein - gibt es ebenfalls qualifizierte Arbeit. Dass diese Schwiegertochter nicht nach Österreich kommen würde, um ihr Leben mit "Nichtstun" oder als Mutter und unbezahlte Arbeitskraft im familieneigenen Hotelbetrieb zu verbringen, ist Joseph klar. Am Ende ist das Ergebnis: Berge auf Probe.

Und nun geht es, um Himmels Willen, los mit einer weiteren Variante der bewährten und schon unendlich oft erzählten dörflichen Antagonisten-Geschichte. Zum Beispiel vom Bürgermeister und der Nonne oder auch dem Bürgermeister und dem Pfarrer (Don Camillo und Peppone). In unserem Fall ist Gschaftlhuber Joseph Bürgermeister von St. Josef und die norddeutsche Schwiegertochter wird als Bürgermeisterin des armen Nebenorts Klamm zu seiner Gegenspielerin. Streitpunkt ist der Naturpark, den der Alte will, um sich mit Grundstückgeschäften die Taschen vollzustopfen. Doch was wird aus den Bergbauern? Natürlich muss es auch detektivisch hergehen, denn ohne Krimielemente geht inzwischen im TV nichts mehr. Zwischendurch tappt immer wieder mal ein Bär durchs Bild. Was das soll, bleibt ein Geheimnis.

Der eigentlich fesche Harald Krassnitzer sieht als Alpenpatriarch in seiner bärtigen Biedermann-Maske derart feist und abstoßend aus, er ist kaum wiederzuerkennen. Paula Kalenberg als Schwiegertochter Svea lacht und strahlt beinahe ununterbrochen. Sie ist fast das Einzige, was in diesem Film Charme verströmt, irgendwann wirkt ihr ständiges Leuchten aber völlig übertrieben. Die Nebenrollen machen ihren jeweils vorhersehbaren Job. Etwas albern ist, wie Tobias Ofenbauer als Bergbauer dauernd toben muss. Als Depp vom Dienst spricht er als Einziger starken Dialekt. Die Bergwelt, der in Filmen wie diesen eigentlich die dritte Hauptrolle zukommt, sieht aus wie zu lang durch Bildbearbeitungsprogramme gelaufen.

Das Pingpong zwischen den Antagonisten, dem gewieften Strippenzieher, der das ganze Tal in der Hand hat, und der Schwiegertochter, die einen ähnlich durchsetzungsstarken Charakter, aber andere Werte hat, funktioniert leider nicht richtig. Die meisten Pointen zünden nicht recht. Der Ossi-Ösi-Gegensatz gibt nicht viel her, was auch für die übrigen hier in den Vordergrund geschobenen Gegensätze gilt: jung/alt, modern/traditionell, Frau/Mann oder auch Vegetarierin (Sveas Mutter)/Fleischesser (Peters Vater). Immer wieder kullert, um im Pingpong-Bild zu bleiben, der Ball zu Boden und rollt in eine Ecke, aus der er wieder herausgeklaubt werden muss.

Möchte man über diese beiden Filme etwas Gutes sagen, dann ist zu bemerken, dass der Autor sich über die Frauenrolle und die Darstellung einer modernen Beziehung Gedanken gemacht hat. Das gilt vor allem für den zweiten Film, in dem auch der Erzeuger aufs Kleinkind aufpassen muss. Von der traditionellen Männerwelt der Berge will sich eine wie Svea nicht unterbuttern lassen. Um die Männer zu treffen, die dort das Sagen haben, macht sie sogar den Jagdschein oder lässt sich beim Bürgermeister-Fußball foulen.

Die Filme hätten also durchaus erfrischend werden können, das wurden sie aber nicht. Sie hätten witzig werden können, wurden es aber nicht. Dafür haben der Tourismusverband Rauriser Tal und die Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern, der Fernsehfonds Austria und das Land Salzburg das Ganze sicher gerne unterstützt und so werden auch nächsten Sommer die Menschen aus Castrop-Rauxel und Wien-Liesing dort wieder nach ihrer "Heimat" suchen.

"St. Josef am Berg: Berge auf Probe" und "Stürmische Zeiten", Regie: Lars Montag, Buch: Dirk Kämper nach einer Idee von Viktor Witte, Kamera: Harald Cremer, Produktion: Tivoli Filmproduktion, Mona Film (ARD/Degeto/ORF, 16. und 23.2.18, jeweils 20.15-21.45 Uhr)

Aus epd medien Nr. 7 vom 16. Februar 2018

Andrea Kaiser