Debatte
Großes Potenzial
Die ARD-Audiothek aus Nutzersicht
Frankfurt a.M. (epd). Die Möglichkeit, mit einer App auf das Hörfunkprogramm der ARD zuzugreifen, scheint einen Nerv des Publikums getroffen zu haben. Sie kommt gerade zur rechten Zeit. Inzwischen nämlich unternehmen internationale Audio-Streaming-Plattformen weitere Schritte, um die Unterschiede zwischen purem Playlist-Abspiel und redaktionell gestaltetem Hörfunkprogramm zu verwischen.

Erfolgreiche App
epd Im vergangenen November hat die ARD ihre Audiothek-App für Android- und iOS-Geräte gestartet. Sie ermöglicht den Abruf Tausender Wortsendungen des ARD-Hörfunks und der Wellen des Deutschlandradios. Seit dem Start am 8. November wurde sie 321.000 Mal heruntergeladen - das ursprünglich angepeilte Dreimonatsziel von 50.000 Downloads wurde damit laut ARD um ein Vielfaches überboten. Der Bonner Medienwissenschaftler Hermann Rotermund blickt für epd medien aus Nutzersicht auf das Angebot.

Spotify richtet den neuen Dienst "Spotlight" ein, dem verschiedene Unternehmen Podcasts, Sportberichte und Nachrichten zuliefern sollen. Unter anderem wird "Buzzfeed" allgemeine und politische Nachrichten bereitstellen. Bei Spotify sorgen mehr als 50 hauptberufliche Musikredakteure für Playlist-Angebote, die also nun auch noch durch Nachrichten und Sport angereichert werden. Damit erhöhen die Streaming-Plattformen, zu denen auch Deezer, Tidal, Apple Music, Amazon und Google zählen, den Wettbewerbsdruck auf die unterhaltsamen Radiowellen. Unter anderem erlangen sie durch die neuen Dienste auch neue Zugänge zu den Werbemärkten. Die über Jahrzehnte gut funktionierende Konzeption der Tagesbegleitung durch lineares Radio wird so zunehmend infrage gestellt.

Unsicherheiten

Eine erfolgreiche ARD-Audiothek könnte daher zumindest für die öffentlich-rechtlichen Programme zum Zukunftsanker werden. Ihre Inhalte, die wortbasierten Anteile der Kultur- und Informationswellen (mit einigen Einsprengseln aus anderen Wellen), entsprechen dem Kern des Funktionsauftrags an die öffentlich-rechtlichen Medien: Information, Kultur und Bildung. Für diesen Kern stellt der Markt der Audioangebote in Deutschland keine nennenswerten Substitute bereit.

Für die Zusammenarbeit der Landesrundfunkanstalten im Hörfunkbereich gibt es keinen gesetzlichen Auftrag. Gemeinschaftseinrichtungen wie Das Erste und ARD aktuell kennt nur das ARD-Fernsehen. Die föderalen Strukturen der Arbeitsgemeinschaft haben das Zustandekommen der Audiothek sicher nicht erleichtert, und die App weist vor allem aus Nutzersicht noch Probleme auf, die sich unter anderem aus diesen Strukturen ergeben. Die folgende Durchsicht der Funktionen und Inhalte ist mit dem Wunsch verbunden, dass auf den Start dieses mutigen Projekts schnell weitere Schritte folgen. Der letzte Sichtungstag war der 22. Januar.

Auf der ersten Navigationsebene gibt es vier Optionen: Entdecken - Meins - Themen - Sender. Diese Gliederung ist nachvollziehbar. Neben einem Schnelleinstieg sollen personalisierte und interessenorientierte Zugänge zum Material geboten werden, und auch noch vorhandene Bindungen an Lieblingsprogramme werden bedient. Die in der App verwendeten Begriffe erzeugen dann jedoch Unsicherheiten und Orientierungsprobleme. Die Begriffshierarchie lautet: Sender, Themen, Sendungen, Episoden.

Bis auf "Sender", also die Landesrundfunkanstalten mit ihren Wellen, wird keiner dieser Begriffe so verwendet, wie es dem alltäglichen Sprachgebrauch entspricht. Bei den "Themen" sind Hörfunkgenres, Darstellungsformen, inhaltliche Rubriken und Sammelsurien bunt gemischt. "Sendungen" sind zumeist Namen redaktioneller Sendeplätze, die viele Einzelsendungen und Beiträge enthalten können. "Episoden" sind die kleinsten Elemente der App, in den meisten Fällen würden sie Sendungen genannt werden, jedenfalls fast nie Episoden, also Teile einer Serie. Unter "Episoden" finden sich beispielsweise beim Thema "Sexismus - Der Aufschrei geht weiter" so unterschiedliche Formate wie das Philosophiemagazin "Sein und Streit" von Deutschlandfunk Kultur und ein Interview des Senders HR-Info mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Bundesverbandes Schauspiel, Hans-Werner Meyer.

Das Bemühen, die Fesseln der linearen Senderwelt abzustreifen und adäquate Bezeichnungen zu finden, die in der Online-Welt bestehen können, wird deutlich, hier sind die Bezeichnungen aber einfach misslungen.

Die Option "Entdecken" auf der zweiten Navigationsebene hält im oberen Bereich zehn Bildkacheln mit Beitrags-Teasern bereit. Angeboten wird ein breiter Genremix: Sport, Wirtschaft, Comedy, Hörspiel, Historisches Feature, Reportage, Dokumentation, Beiträge zu Alltagsproblemen. Darunter folgt die auf der dritten Ebene "Im Fokus". Dort finden sich überwiegend Beiträge zu aktuellen politischen Themen. Zur Zeit der Sichtung ging es um das erste Regierungsjahr von Trump, die Grüne Woche, die mögliche Große Koalition und den Antisemitismus.

Zu "365 Tage Trump - Eine Bilanz" werden auf dieser Ebene sieben Episoden angekündigt, hinter dem Link, also auf der vierten Ebene, finden sich jedoch elf Episoden von insgesamt 3 Stunden und 48 Minuten Länge. Die Auswahl fällt nun schwer, auch wenn durch Tippen auf "mehr" zusätzlich zum Titel, der in der Übersicht meist abgeschnitten erscheint ("Der amerikanische Feind. Ein Jahr Fe…"), auf der fünften Ebene noch ein werblicher Kurztext aufgerufen wird. Hier wäre eine ausführlichere sachliche Information sinnvoll, beispielsweise über die Autoren und das Genre des Beitrags (Feature, Reportage oder ähnliches).

Orientierung und Chaos

Die Option "Entdecken" enthält ferner die Rubrik "Sammlungen". Hier erscheinen themengleiche Beiträge von verschiedenen Sendern. Zum Beispiel 16 "Episoden" zum Thema Armut und Obdachlosigkeit und 21 "Episoden" zum Thema Weltall. Mitte Januar gab es 21 solcher Sammlungen. Der Sinn dieser Sammlungen erschließt sich nicht. Niemand wird 8 Stunden und 34 Minuten hintereinander Beiträge zu Armut und Obdachlosigkeit hören wollen, so dass unbedingt ein Besuch auf der fünften Ebene erforderlich ist, wo dann allerdings sinnvollere Empfehlungen und Angaben als die momentan vorhandenen die Auswahl erleichtern sollten.

"Entdecken" enthält auch eine Liste der zehn "meistgehörten" Beiträge. Mit einer Ausnahme sind es längere Sendungen, darunter vier Hörspiele. Schließlich sind noch "ausgewählte Sendungen" zu entdecken. Hinter dem Titel "Wissen" finden sich 1701 Sendungen des SWR aus unterschiedlichen Themenbereichen, zusammengerechnet 862 Stunden. Vertreten sind auch gemeinschaftliche Produktionsreihen wie der "ARD-Radio-Tatort" und das "ARD-Radiofeature".

Die Option "Entdecken" ist ein gutes Angebot für die Nicht-Spezialisten, die den schnellen Zugriff bevorzugen. Sie entspricht den "Neuigkeiten"-Tischen in Buchhandlungen. Sie scheint auch die einzige Region in der App zu sein, bei der redaktionelle Menschenhände gelegentlich eingreifen, um die Rubriken zu füllen oder zu sortieren. Offenbar bestimmen die Aktualität und eine Mischung aus Aufwand (Produktionskosten) und Popularität die Auswahl. Hörspiel und Comedy-Beiträge sind regelmäßig vertreten. Die Einsortierung wird sonst offenbar automatisch anhand der mitgelieferten Metadaten aus den Datenbanken der Sender vorgenommen. Diese Katalogdaten sind erwartungsgemäß nicht konsistent, da es kein übergreifendes Metadaten-Regime gibt, das auf die Bedürfnisse der Online-Nutzung zugeschnitten wäre. Ohne aufwendige nachträgliche redaktionelle Eingriffe wird es also bei der vorhandenen Mischung von Orientierung und Chaos bleiben.

In der Option "Meins" ist jeder Beitrag mit vier antippbaren Symbolen versehen, die über ein Aktionsmenü noch um zwei weitere ergänzt werden können. Er kann verschiedenen Listen zugewiesen werden: einer Merkliste, einer Warteschlange, einer Downloadliste und einer Playlist. Dies entspricht den von Streaming-Plattformen her bekannten Interaktionsmöglichkeiten. Eine aus den selektierten Beiträgen zusammengebaute Playlist kann auch ohne Internetverbindung abgespielt werden, wenn die Beiträge zusätzlich heruntergeladen werden. Hier scheint es allerdings noch technische Probleme zu geben, es kommt zu Abstürzen und Verlusten der Downloads. Auch Sendereihen können abonniert werden. Eine weitere Interaktionsmöglichkeit ist die Weiterleitung einer Empfehlung an einen E-Mail- oder Social-Media-Kontakt (sogenanntes "Teilen").

In der Kategorie "Themen" gibt es 20 Rubriken. Zum Teil sind Darstellungsformen wie "Gespräch & Interview" oder "Doku & Reportage" dort erfasst, zum Teil Inhalte wie Wirtschaft oder Sport, zum Teil Querschnittformate wie "Meinung und Kolumne". Eine ausschließlich auf Inhalten aufbauende Rubrizierung, wie es die Ressorts von Zeitungen vorexerzieren, wäre sinnvoller und schlanker. Das Hörspiel als radiophone Besonderheit verdient selbstverständlich eine eigene Rubrik.

Ebenso problematisch wie die Einteilung der Rubriken ist die Zuordnung von Inhalten. Ein Beispiel: In der Varia-Rubrik "Leben und Gesellschaft" finden sich diese Beiträge: "Fuck vegan: Warum brauchen wir vegane Kondome", "Salon Sophie Charlotte in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stellt die Frage ‚Ist Sprache eine Waffe?'", "Griechisches Filmfestival: Hellas Filmbox Berlin". Nur den ersten der drei Beiträge würden die meisten Nutzer wohl hier vermuten. Der zweite gehört offenbar in "Wissen" oder in "Wissenschaft und Bildung", und der dritte eindeutig in "Theater, Film und Kunst". Dort sind sie jedoch nicht gelistet.

Dass Interessenten die Möglichkeit der Suche in Titel- und Beschreibungstexten haben, bietet zwar Chancen, Fehlkategorisierungen auszugleichen, erweist sich in der Praxis jedoch als unergiebig. Eine Suche beispielsweise nach "Griechischer Film" bleibt erfolglos. Es muss buchstabengetreu nach "Griechisches" (Filmfestival) gesucht werden. Ein fehlertoleranter Suchalgorithmus, der Begriffe auf Wortstämme herunterbricht, ist nicht vorhanden. Ebenso fehlt eine nutzerorientierte Verschlagwortung der Beiträge.

Seit eh und je orientieren sich die Kartei- und Datenbanksysteme in den Sendern vor allem an verwaltungstechnischen Erfordernissen. Autor, Titel, Länge des Beitrags, redaktionelle Verantwortung, Sendedatum und so weiter werden ergänzt durch Stichworte, die der aktuellen Perspektive der Redaktion oder dem jeweiligen Verständnis von Archivmitarbeitern entsprechen. Die Nutzung von digitalen Archiven auch durch externe und nicht-professionelle Nutzer ist seit den 1990er Jahren Gegenstand vieler Konferenzen von Archivaren und Dokumentaren. Auch in die Standardisierung von Archiv-Infrastrukturen sind die Optionen der Online-Nutzung längst eingeflossen. Woran es offenbar mangelt, ist die sachgerechte Nutzung der Datenbank-Register.

Die Aufbereitung und der Transport der eigentlichen Daten, also der Audiodateien, funktioniert in der Regel vorzüglich. In dieser Hinsicht haben die Mediatheken ihre Kinderkrankheiten weitgehend überwunden. Im Argen liegt, wie die ARD-Audiothek offenbart, die Einkleidung der Audiodateien mit Metadaten, mit denen die einzelnen Beiträge für ein breites Publikum überhaupt erst sichtbar werden.

In der Rubrik "Hörspiel" fanden sich zur Zeit der Sichtung 230 Hörspiele von fünf Sendern. Produktionen des BR, HR, SWR und der Deutschlandradio-Programme fehlten hier vollständig. Zehn Tage später waren auch die Hörspiele aus dem "Hörspielpool" des BR über die Audiothek abrufbar. Hörspiele sind im Publikum beliebt, und jährlich werden immer noch fast 300 Hörspiele neu produziert. Viele werden nur ein- oder zweimal gesendet, gelegentlich noch einmal von anderen Sendern übernommen. Unter den Bedingungen des linearen Hörfunks müssen Freunde des Genres die meisten Hörspiele zwangsläufig verpassen. Empfehlungen in der "Süddeutschen Zeitung" oder der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die es für dieses Genre immer noch gibt, erzeugen besonders große Schmerzen, wenn zum Terminkonflikt noch die Erkenntnis hinzukommt, dass das betreffende Stück auch in keiner Mediathek angeboten wird.

Fehlende Online-Rechte

Es gibt dafür zwei nennenswerte Gründe: Zum einen sind in Hörspielen Anteile industriell produzierter Musik enthalten, für die es im Falle eines Online-Angebots keine Abspielrechte und Abrechnungsverfahren gibt. Allzu häufig ist dieser Fall jedoch nicht. Zum zweiten haben Redaktionen und Sender mit Autoren und Mitwirkenden keine Verträge geschlossen, die auch die Online-Rechte einschließen und abgelten. Statt dessen haben sie sich Ko-Produzenten oder andere Partner gesucht, denen diese Rechte überlassen werden. Das ist kostensparend und ermöglicht die hohe Anzahl von Produktionen, aber es nimmt den beitragszahlenden Interessenten vielfach Chance, ein Hörspiel kostenfrei auf Abruf zu hören.

Bei der Durchsicht der Hörspiel-Angebote in der Audiothek lässt sich nur vermuten, welcher Reichtum an Erfahrung und Genuss den Hörern verloren geht. Eine Information über die ihnen vorenthaltenen Hörspiele erhalten sie allerdings nicht. Das gilt auch für viele Feature- und Klangkunst-Produktionen.

Die Kategorie "Sender" enthält "Sendungen", also redaktionelle Sendeplatzbezeichnungen und Sendereihen aller beteiligten Sender und - etwas irritierend - zusätzlich die Rubrik "Sendungen", in der die unübersehbare Masse dieser Sendeplätze noch einmal in alphabetischer Reihenfolge gelistet ist. Ein solcher "Katalog von allem" lässt sich nur durch raffinierte Suchmechanismen oder, was vor allem die Aufgabe der Option "Themen" wäre, durch tagesaktuelle redaktionelle Aufbereitungen aufschlüsseln.

Zentrales Programmangebot

Die Arbeit der Teams, die Konzeption und Technik der Audiothek weiterentwickeln, verdient Lob, auch wenn längst noch nicht alle notwendigen und wünschbaren Elemente vorhanden und stimmig zusammengefügt sind. Die wichtigsten Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge sind:

1. Die Audiothek sollte als zentrales Programmangebot der ARD-Kultur- und Informationsredaktionen verstanden und auch so behandelt werden. Das bedeutet vor allem die Ausstattung mit einer Redaktion, die über die Qualifikationen und die zahlenmäßige Stärke einer Hörfunk-Kulturwelle verfügt. Die Audiothek hat das Potenzial, mit ihrer Nutzung die Reichweite jeder linearen wortorientierten Welle hinter sich zu lassen. Gerade deshalb benötigt sie die sorgfältige Einordnung, Präsentation und Kommentierung ihrer Angebote. Der automatisierte Rückgriff auf zufällig Vorhandenes, zum Beispiel Textbausteine aus dem Programm-Marketing, entwertet letztlich das Angebot.

2. Zu den Aufgaben einer Redaktion zählt auch der ständige Dialog mit den Nutzern. Momentan bietet die Audiothek keinerlei Interaktionsmöglichkeiten an, was auch Autoren und die Redakteure in den beteiligten Anstalten schmerzen dürfte.

3. Die Nomenklatur der Angebots-Ebenen sollte komplett überarbeitet werden. Die "Episoden" der Audiothek sind keine Episoden, die "Themen" keine Themen, die "Sendungen" keine Sendungen. Es ist sicher nicht einfach, schlagkräftige und allseits verständliche Benennungen für die einzelnen Kategorien zu finden. Die bisherigen Lösungen jedenfalls sind nur seltsam. Das Know-how der vielen klugen Archivare in den Landesrundfunkanstalten könnte hier vielleicht helfen.

4. Die Autoren und Beteiligten der einzelnen Elemente und Beiträge sollten in den Beschreibungen auftauchen. Momentan gibt es nicht einmal bei Hörspielen und Features Autorenangaben.

5. Ein wichtiges Merkmal jedes Beitrags wird den Nutzern ebenfalls vorenthalten: die Verweildauer. Absurderweise taucht ein Hinweis auf die Verweildauer erst dann auf, wenn ein Beitrag aus dem Angebot herausgenommen wurde, jedoch noch in einer Liste enthalten ist. Nutzer dürfen erwarten, dass jeder Beitrag mit einem Verfügbarkeitszeitraum oder -datum gekennzeichnet wird. Das könnte auch die medienpolitische Sensibilität der Hörer und die Unterstützung zur Schleifung des Verweildauerkonzepts erhöhen.

6. Unverständlich und dringend revisionsbedürftig ist die Entscheidung, in der Audiothek die Livestreams der in ihr vertretenen Wellen nicht anzubieten. So schön es ist, dass ARD und Deutschlandradio ihre Streams bei sämtlichen Aggregatoren verfügbar machen, am sinnvollsten ist dies doch im eigenen Angebot. Hinter der Entscheidung lässt sich nur der schon erwähnte regionale Eigensinn vermuten. In diesem Fall stehen nicht nur die Interessen der Nutzer, sondern auch die erzielbaren Reichweiten auf dem Spiel. Sinnvoll wäre die Kombination der Livestreams mit dem Listing des jeweiligen Tagesprogramms und einer mehrtägigen Vorschau.

7. Die schon erwähnte Problematik der fehlenden Hörspielangebote könnte durch redaktionelle Anstrengungen zumindest gemildert werden. In der Hörspielrubrik der Audiothek sollten alle tagesaktuellen Hörspiele mit Links zu den Programmtexten und den Livestreams aufgeführt werden, auch und gerade wenn sie anschließend nicht in der Audiothek erscheinen.

8. Obwohl Smartphones die meistgenutzten Internet-Geräte sind, sind Tablet- und Desktop-Versionen der App natürlich wünschenswert. Diese Gerätekategorien ermöglichen eine bequemere Navigation und können ebenso leicht mit heimischen Audioanlagen verbunden werden.

Die Hörfunk-Verantwortlichen in den Sendern und in der Medienpolitik sollten das Potenzial des großen Wurfs nicht verkennen, das dieses Projekt im Kern zweifellos hat. Es lässt die Hoffnung aufkeimen, dass sich die Gattung Radio in den großen Disruptionen, die sich gerade vollziehen, eine Zukunft erobern kann. Es zeigt, was vom Radio bleibt, wenn das System der linearen Programme zusammenbricht. Die Audiothek sollte nach der Beseitigung der Ungereimtheiten und Hemmschuhe der Startphase in diese Perspektive gestellt werden. Dazu muss sie nicht nur funktional, sondern auch rechtlich nach und nach von der Rolle eines bloßen Annex' zum linearen Hörfunkprogramm befreit werden. Vielleicht könnte über eine ARD-Gemeinschaftseinrichtung "Kulturelles Wort" nachgedacht werden, der die Trägerschaft für das Projekt übertragen wird.

Aus epd medien Nr.6 vom 9. Februar 2018

Hermann Rotermund