Tagebuch
Geniekult. Soll man Dieter Wedels Filme noch zeigen?
Frankfurt a.M. (epd). Am 26. Januar war in der "Süddeutschen Zeitung" über Dieter Wedel zu lesen: "Seine Fernseh-Mehrteiler waren Straßenfeger, aber sie waren es zu einer Zeit, als die Konkurrenz nicht sehr groß war... ‚Der große Bellheim' oder ‚Der Schattenmann' waren erfolgreich, aber dass sie das Fernsehen neu erfanden, darf man bezweifeln. Sie waren gute Unterhaltung, mehr nicht." Eine Woche später stand in derselben Zeitung: "Es war eine spießige Welt damals, als Wedel seine Mehrteiler herstellte. Wedel gab das irre Genie und schuf keine große Kunst, sondern Kartonware, die zum Event aufgeblasen wurde."

So kann man das sehen, im Nachhinein. Allerdings waren in derselben Zeitung 1994, aus Anlass einer Wiederholung des Dreiteilers "Einmal im Leben" von 1976 die Worte zu lesen: "Dieter Wedels wunderbarer Film kann auch noch nach zwanzig Jahren vor allen Ansprüchen an intelligente Unterhaltung bestehen." Aber wenn der Regisseur Simon Verhoeven Gehör findet bei den Verantwortlichen von ARD und ZDF, soll künftig niemand mehr überprüfen können, ob Wedels Mehrteiler schon damals verachtenswerte "Kartonware" gewesen, oder ob sie auch aus heutiger Sicht noch bestehen können und womöglich mehr als nur "gute Unterhaltung" sind. Verhoeven hat ja bekanntlich gefordert, die Filme dieses Regisseurs überhaupt nicht mehr auszustrahlen, wegen der abscheulichen sexuellen Übergriffe, deren Wedel beschuldigt wird.

Diese Forderung müsste freilich, analog zu Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters", zu Fragen eines denkenden Zuschauers führen: Dieter Wedel war Regisseur und Drehbuchautor zahlreicher Filme - hatte er keine Schauspieler, Kameraleute, Cutter, Szenen-, Kostüm- und Maskenbildner dabei? Sie alle wären von einem Wiederholungsverbot ja auch betroffen. Und nicht nur das: Nachdem sich schon Wedel selbst immer als Genie gerierte, bestärkt Verhoevens Forderung genau das obsolete Bild vom Genie, indem er Wedels hochprofessionelle Teams, ohne die seine Filme nicht entstanden wären, unterschlägt und in Mithaftung nimmt.

Andererseits: Warum ein Ausstrahlungsverbot, wenn Wedels Filme doch angeblich schon immer so schlecht waren, wie sie jetzt, da man von seinen Schandtaten erfahren hat, gemacht werden? Zwar hatten die Mehrteiler "Der Schattenmann", "Der König von St. Pauli", "Wilder Westen inclusive" und "Die Semmelings" schon bei der Erstausstrahlung keineswegs nur positive Kritiken. Und Wedel selbst, der eitle "Regie-Tyrann", der Szenen aus berühmten Filmen "klaute" (was er immer zugegeben hat), wird seit Jahren in der Presse als größenwahnsinnige, weil kleinwüchsige Witzfigur dargestellt. Aber auch wenn er "das Fernsehen nicht neu erfunden hat" - wem gelingt das schon? -, so hat er doch mit seinen Mehrteilern das Fernsehen als Medium des Erzählens großer Geschichten nicht nur souverän genutzt (manche nennen es auch: Unsummen Geld verschleudert), sondern vor allem gut recherchierte, unterhaltsame Geschichten aus der deutschen Wirklichkeit erzählt.

Allenfalls wirkt die Dramaturgie inzwischen altmodisch und die Filme haben Patina angesetzt. Aber wenn sie jetzt im Nachhinein als schon immer überschätzt gehandelt werden, dann nur deshalb, weil die Trennlinie überschritten wird zwischen dem Urteil über die Qualität der Filme und dem Abscheu über den als Person disqualifizierten Wedel. Aber warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, anstatt die Filme nicht mehr auszustrahlen, mit Wedel so zu verfahren, wie es der Regisseur Ridley Scott in Hollywood mit Kevin Spacey machte? Man könnte doch Wedels Cameo-Auftritte aus jedem Film herausschneiden.
Aus epd medien Nr. 8 vom 23. Februar 2018

Sybille Simon-Zülch