Kritik
Gelacht wird nur im Keller
VOR-SICHT: "Sarah Kohr - Mord im Alten Land", Krimi, Regie: Marcus O. Rosenmüller, Buch: Timo Berndt, Kamera: Thomas Erhart Produktion: die film gmbh (ZDF, 23.4.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Sarah Kohr (Lisa Marie Potthoff) ist immer in Bewegung. Sie fährt, sie rennt, sie kämpft mit vollem Körpereinsatz, und selbst wenn sie abends bei ihrem Ex-Liebhaber beruflich vorbeischaut und bemerkt, dass er von seiner Frau dauerhaft getrennt lebt, gibt es nur einen einzigen Kuss, dann muss sie rasch weiter. Es gibt ja noch den Fall, und wer sollte ihn sonst lösen? Dazu passt ihr Gesichtsausdruck, der meist besagt: Gelacht wird nur im Keller. Die Kollegen sind langsam oder durch private Probleme wie Eifersucht und Krankheiten wie Parkinson abgelenkt, die ihnen die professionelle Sicht vernebeln und das gezielte Schießen unmöglich machen. Kein Wunder, dass kaum jemand mit ihr zusammenarbeiten will. Sie lässt jeden alt oder blöd aussehen.

Ergänzt wird Kohrs herausragende Fitness durch erstaunlich vernetztes Denken. Umso verwunderlicher ist es deshalb, dass sie die Flucht des Beschuldigten aus dem Gericht nicht vorhergesehen hat. In einer Verhandlungspause nimmt Thomas Lichter (Marcus Mittermeier), dem selbst der Verteidiger die Unschuld am Mord an seiner Laborantin und Geliebten nicht glaubt, Kohr als Geisel. Zurück bleibt Staatsanwalt Anton Mehringer (Herbert Knaup), mit dem die Ermittlerin des KDD vor Jahren eine Affäre hatte. Spontan bietet er sich dem Geiselnehmer zum Austausch an, erfolglos. Zurück bleibt auch der Fahnder Dietmar Liebknecht (Rudolf Kowalski), der bei der Verhaftung Lichters erst lange nach Kohr am Tatort eines biochemischen Labors im Alten Land ankam und nun weiter so statisch herumsteht, als solle durch seine Unbeweglichkeit die Agilität der Kommissarin unterstrichen werden.

Lange bleibt sie nicht im Kofferraum des Fluchtautos eingesperrt. Eine wie Kohr befreit sich selbst - und sondiert dann erst einmal die Lage im Trockendock, sichert Spuren für später und zieht Schlüsse, anstatt umgehend zu fliehen.

"Mord im Alten Land" ist der zweite Kriminalfilm mit Superwoman Kohr, der Lisa Maria Potthoff erstaunlicherweise eine angenehm unaufgeregte Figurenzeichnung zu geben vermag. "Der letzte Kronzeuge - Flucht in die Alpen" nahm seinen Ausgang in Berlin, jetzt sind wichtige Rollen in Hamburg und Umgebung angesiedelt. Statt von Stefan Kolditz ist das Drehbuch nun von Timo Berndt, statt Urs Egger führte Marcus O. Rosenmüller Regie. Thomas Erhart hat Busso von Müller an der Kamera abgelöst. Der Film unterscheidet sich dennoch in der Machart kaum vom Vorgängerprodukt. Zwar präsentiert er mit seiner körperbetont inszenierten Heldin eine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eher selten gesehene weibliche Figur, aber der Fall, der anfänglich wie eine Beziehungstat aussieht und dann immer weitere Kreise zieht, wirkt klischeehaft und lieblos konstruiert.

Im Hintergrund, findet Kohr heraus, zieht ein großer multinationaler Konzern, Leuré Chemicals, die Fäden. Auf die Spur bringt Kohr Bertram Temme (Hannes Hellmann), ein Bildjournalist, der zum Thema Gang-Tattoos brisantes Material gesammelt und ohne weitere Konsequenz veröffentlicht hat. Lichter, der stets angegeben hatte, den auffällig tätowierten Täter im Labor überrascht zu haben, will auf der Flucht seine Unschuld beweisen. In der U-Haft hat ihn ein körperschmuckbegeisterter Mithäftling zuvor mit entsprechenden Magazinen und Temmes Berichten in Kontakt gebracht.

Wenig später ist der Tattoo-Freak tot. Muskelbepackte Schützen in schwarzer Kleidung und mit ebensolchen Sonnenbrillen - also Figuren, denen bloß der Aufnäher "Schurke!" auf der Bomberjacke fehlt -, schießen auf Kohr und treffen Lichter. Sie bringt den Verletzten zum Apfelbauernhof des Freundes Götz Weiler (Martin Feifel) und zieht ihre Mutter Heike (Corinna Kirchhoff), eine Ärztin, zwecks Erstversorgung in den Fall mit hinein. Während Sarah Kohr für ihre Polizeipartnerin, ausgerechnet Mehringers angefressene Noch-Ehefrau Anna (Stephanie Eidt), endgültig die Seiten gewechselt hat und ins Visier gerät, geht diese der Sache rennend, rettend, flüchtend auf den Grund.

Plausible Zusammenhänge sucht man in der Geschichte erfolglos. Tonnenweise toxische Äpfel, Lichters Ex-Frau Ulrike (Katja Studt) und der finstere Sicherheitsdienst von Leuré Chemicals sind Motivationszutaten. Eine beispielhaft misslungene Szene: In Anwesenheit der Presse eröffnet der Vorstandsvorsitzende des Chemieriesen ein hinterwäldlerisches Apfelmuseum, als er unerwartet von Journalist Temme mit peinlichen Fragen konfrontiert wird und ein Interviewaufruhr entsteht, der aus dem Bauplan der Konfrontation für verschüchterte Anfänger zu stammen scheint. Wenn sich kurz vor Schluss quasi aus dem Himmel eine Apfelladung über Bösewichte und Opfer ergießt, die aber nur die Schurken ausknockt, während die Guten verwundert in die Luft starren, geht die Lust an dieser Story vollends flöten. Eine rennende Kommissarin macht noch keinen spannenden Krimi.

Aus epd medien Nr. 16 vom 20. April 2018

Heike Hupertz