Tagebuch
Geerdetes Luftschloss. Die "Republik" als journalistisches Vorbild
Frankfurt a.M. (epd). Gewaltig große Worte gab es vor dem Start von "Republik": Eine Zukunft für den Journalismus abseits der großen Verlage schaffen. Dem Journalismus seine Rolle in der Demokratie sichern. Journalismus ohne Bullshit machen. Rebellisch sein und Geschichten schreiben, die sich "im Wind, Schmutz, Nebel der Gegenwart bewegen". Drei Millionen Euro sammelte das leserfinanzierte Schweizer Onlinemagazin per Crowdfunding ein. Ein Hype war geboren.

Das Marketing hat super funktioniert. Seit dem Start der "Republik" am 14. Januar ist das Start-up nun dabei, sein Medien-Luftschloss in den Alltag zu holen und seine Versprechen einzulösen. Bisher gelingt das ganz gut: Unter den veröffentlichten Stücken gibt es wahre Longread-Perlen, wie man sie sonst online kaum findet. Zum Beispiel die fünfteilige Serie über gesellschaftliche Probleme in den USA, in der die Autorinnen Anja Conzett und Yvonne Kunz die Leser ganz nah ran bringen an den Alltag eines Amerikas, dessen American Dream ausgeträumt ist. Oder Solmaz Khorsands Stück über rechte Gesinnungen in Österreich, in dem die Journalistin kritisch und ausführlich eine Typologisierung der Wähler aufstellt.

Auch auf der Investigativschiene hat die "Republik" ihren ersten Coup gelandet. Gemeinsam mit der ARD-Dopingredaktion, der britischen "Sunday Times" und dem schwedischen TV-Sender SVT deckte sie staatlich organisierte Dopingprogramme für Olympia auf.

Was dem Magazin bei all den Mammut-Artikeln noch gut stünde, wäre ein bisschen mehr Alltagskompatibilität: mehr kürzere Texte, die man zwischendurch auf dem Weg zur Arbeit lesen kann und für deren Lektüre man sich keinen halben Nachmittag freinehmen muss. Außerdem ist das Themenspektrum stark auf Internationales ausgerichtet. Die Schweiz kommt eher wenig vor.

Die Euro-Krise, die USA, Doping oder Davos: Alles wichtige, manchmal grandios umgesetzte Themen. Aber: Muss in jeder Nummer ein Löwe durch den Feuerreifen springen? Die "Republik" hätte sicher das Standing und das Können, sich auch an abseitigere, unerwartetere, alltäglichere Themen zu wagen, die überraschen und die über das gängige mediale Spektrum hinausgehen.

Angenehm ist die Haltung der Autoren. "Ein Versuch einer Bestandesaufnahme", heißt es zum Beispiel im Vorspann des Artikels "Aufstieg der Maschinen". Damit nimmt Autor Mark Dittli weder Allwissenheit noch Perfektion für sich in Anspruch. Unter den Artikeln gibt es nicht nur kleine Kommentarfelder, sondern gleich ganze Debatten-Threads, denn Feedback ist für die Redaktion nicht nur ein Modewort, sondern Lebens-elexir: Die Community ist das A und O. Klar, sie entscheidet schließlich über Sein oder Nichtsein der "Republik". Aktuell unterstützen sie etwa 19.000 Leser. Um langfristig zu überleben, müssten es allerdings noch 5.000 bis 8.000 Abonnentinnen mehr sein, hieß es zum Start des Magazins in der SRF-"Tagesschau". Rückmeldungen und Anregungen werden wohl auch deshalb mit der "Blattkritik" als eigene Rubrik und Veranstaltungsreihe institutionalisiert. Mit dieser Kultur ist die "Republik" schon nach gut eineinhalb Monaten Vorbild für andere Medien.

Am "Republik"-Konzept wird auch deutlich, dass jede journalistische Geschäftsidee ein gutes Team braucht. Als Journalisten tendieren wir ja häufig dazu, über alles und jedes Bescheid wissen zu wollen. Die "Republik" zeigt aber erfolgreich, wie es anders geht: Das Marketing wird den Marketingfachleuten überlasse, die IT-Abteilung den Programmierern, die Geschäftsführung der erfahrenen Wirtschaftsfrau, die Finanzen dem Manager. Dass das Team den Mut hat, neue Wege zu gehen, von den Lesern zu lernen und sich selbst immer wieder auf die Probe zu stellen und weiterzuentwickeln, das haben die Luftschlossarchitekten schon nach ein paar Wochen bewiesen.
Aus epd medien Nr. 10 vom 09. März 2018

Nora Frerichmann