Kritik
Fantastisches Abschiedsgeschenk
VOR-SICHT: "Polizeiruf 110: Tatorte", Buch und Regie: Christian Petzold, Kamera: Hans Fromm, Produktion: Claussen+Putz Filmproduktion (ARD/BR, 16.12.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). "Cassandras Warnung" war der erste "Polizeiruf", in dem Matthias Brandt als Hanns von Meuffels aufgetreten ist. Das war im August 2011. In seiner letzten Szene tanzte er damals selbstvergessen zu türkischer Musik in einer Döner-Kneipe und erklärte der Frau hinter dem Tresen: "Ich komme jetzt öfter." Dieses Versprechen hat er eingehalten: Nach "Cassandras Warnung" kehrte er noch 13 Mal zurück. Aber jetzt, mit seinem 15. "Polizeiruf" - nach "Kreise" und "Wölfe" der dritte von Christian Petzold - nimmt Brandt auf eigenen Wunsch Abschied von der Meuffels-Figur.

Damit verschwindet nicht nur einer der interessantesten Ermittler, die es in den Krimis am Sonntagabend gab. Es verschwindet auch eine Figur, die längst noch nicht "auserzählt" ist, weil erstklassige Drehbuchautoren und Regisseure ihr immer wieder überraschende Facetten abgewonnen haben, ohne die Widersprüche im Charakter anzutasten: den melancholischen Grundton, das Unnahbare, Grüblerische, oft auch Cholerische und Sarkastische.

Nun also Hanns von Meuffels' letzter Auftritt im "Polizeiruf", dem Christian Petzold den spottlustigen Titel "Tatorte" gegeben hat, als wolle er den konkurrierenden Sonntagabendkrimi mit einem einzigen "Polizeiruf" ironisieren. Tatsächlich gibt es aber, ganz klassisch, nur einen Tatort: den Parkplatz eines Autokinos, und - genauso klassisch - gleich in den ersten Szenen einen Mord: Eine Frau fährt im strömenden Regen auf den Parkplatz, sagt zu ihrer kleinen Tochter, sie solle im Auto sitzen bleiben, Mama käme gleich wieder.

Mama kommt aber nicht wieder: Sie wird zuerst angeschossen, danach erschossen von einem nicht sichtbaren Autofahrer, mit dem sie verabredet war. Dann wird auch noch auf das Kind, das schreiend aus dem Auto rennt, eine Kugel abgefeuert, die allerdings nicht trifft. Damit wäre der Standarderöffnung, die sonst für einen "Tatort" gilt, Genüge getan. Aber nun sieht man Hanns von Meuffels auf der Autobahn, am Steuer seines Autos sitzend und mit Constanze (Barbara Auer) telefonierend, seiner komplizierten Geliebten, die Petzold in "Kreise" für ihn erfunden hat.

Constanze lebt jetzt in Nürnberg, und aus dem Gespräch geht hervor, dass sie Meuffels nicht sehen will. Sie hat sich offenbar von ihm getrennt, denn sie bittet ihn, zu Hause zu sein, wenn die Spedition kommt, um ihre Sachen aus der gemeinsamen Wohnung abzuholen. Meuffels lässt sich nicht abhalten, aber Constanze empfängt ihn kühl. Und damit ist die emotionale Stimmung etabliert, die zwischen den beiden herrscht und wie ein Schatten über der weiteren Handlung liegt: Constanze, die sich von ihrem Geliebten entfernt, und Meuffels, der darauf nicht nur hilflos rebellierend reagiert, sondern mit seiner Verzweiflung auch jeden tyrannisiert, der in seine Nähe kommt.

Besonders darunter zu leiden hat seine neue Assistentin Nadja (Maryam Zaree). Sie empfängt ihn am Tatort, wo die Spuren bereits gesichert sind und ein pornografisches Foto gefunden wurde, auf dem drei maskierte Männer mit entblößten Hinterteilen zu sehen sind, die eine Frau "gleichzeitig oral, vaginal und anal befriedigen". Aber schon am Gesichtsausdruck des Hanns von Meuffels ist zu erkennen, wie sehr ihn der Übereifer dieser sympathischen, intelligenten jungen Frau nervt ("Ich bin euphorisch, weil ich unbedingt zu Ihnen wollte."). Er krittelt an ihrer Wortwahl herum, macht sich lustig über die Namen der Kollegen, die sie nennt: "Ach, wir haben's mit Vornamen? Das ist ja wie bei Ikea." Und als sie ihm die bisherigen Ermittlungsergebnisse mitteilt, raunzt er sie an: "Sie machen so komische Kunstpausen, damit ich nachfragen soll. Das ist doch scheiße, das ist ja wie im Fernsehen."

Von da an steht Meuffels gewissermaßen zwischen zwei Frauen: die eine, Constanze, ist wortkarg und will offensichtlich nichts mehr von ihm wissen; die andere, Nadja, will er sich vom Leibe halten, weil sie redet wie ein Wasserfall, um seine Anerkennung buhlt, so professionell wie fleißig recherchiert (während er selbst mit seinem Trennungsschmerz beschäftigt ist) und sich auch von seinen giftigen Bemerkungen nicht beirren lässt.

An dieses unbeherrschte Benehmen wird er noch einmal erinnert in einer wunderschönen Szene, die Petzold zum Abschied des Hanns von Meuffels eingewoben hat: Es ist die Begegnung mit seiner ehemaligen Mitarbeiterin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm). Er sitzt auf einer Bank im Park, hilflos fummelnd an seinem neuen Handy, weil er das alte vor Wut in die Ecke gepfeffert hat. Da kommt Anna mit Kinderwagen und Mann vorbei, setzt sich neben ihn, sie kommen ins Gespräch, und sie erinnert ihn an seine Wutanfälle. "Wirklich so schlimm?", fragt er. "Ja, es war nicht schön bei Ihnen", antwortet sie freundlich. "Es ist besser geworden", behauptet er und schiebt spöttisch einen Ausdruck nach, den er von Nadja gehört hat: "Man nennt das jetzt Power-Dialoge."

Natürlich kommen auch die Aufklärung des Mordes und die Identifizierung des Täters nicht zu kurz. Aber dieser dem Krimi geschuldete Handlungsstrang läuft eher nebenher, und er endet so unerwartet schockierend, dass einem der Atem stockt. Man wird diese Szene nicht so schnell vergessen können. Um so tröstlicher ist die Andeutung der Möglichkeit einer vorsichtigen Annäherung von Constanze und Hanns von Meuffels: Immerhin sehen sie sich gemeinsam im Fernsehen einen Film mit Stan Laurel und Oliver Hardy an. Der hat allerdings den vielsagenden Titel "Blockheads", auf Deutsch "Klotzköpfe". Das könnte auch auf unüberwindlichen Eigensinn des komplizierten Paars hindeuten. Aber darüber wird man ja nun leider nichts mehr erfahren. Und das ist nach diesem fantastischen Abschiedsgeschenk von Christian Petzold für Matthias Brandt kaum zu verschmerzen.

Aus epd medien Nr. 50 vom 14. Dezember 2018

Sybille Simon-Zülch