Kritik
Exzellentes Spiel
VOR-SICHT: "Die Freibadclique", Fernsehfilm, Regie und Buch: Friedemann Fromm frei nach dem Roman von Oliver Storz, Kamera: Anton Klima, Produktion: Ziegler Film (ARD/SWR/MDR/NDR/SR/Degeto, 28.3.18, 20.15-22.00 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). "Weiß noch jemand, wo wir letztes Jahr stehengeblieben sind?" fragt der Lehrer mit beklommenem Blick auf die leeren Stühle, auf denen im vorigen Jahr noch 15-jährige Buben saßen, von denen er weiß, dass sie im letzten Jahr des Kriegs zum "Volkssturm" eingezogen wurden und umgekommen sind. Aber auch für die beiden, die überlebt haben, klingt der hilflose Versuch ihres Lehrers, am Unterrichtsstoff anzuknüpfen, als sei in der Zwischenzeit nichts geschehen, wie Hohn. "Wir passen doch gar nicht mehr her, wir passen nirgendwo hin."

Die beiden sind die Einzigen, die von den fünf Freunden der "Freibadclique" übrig geblieben sind. Sie gehören zur "verlorenen Generation" der 1929 Geborenen. Wie der Regisseur und Drehbuchautor Oliver Storz, der mit dem autobiografischen Roman "Die Freibadclique" in hohem Alter, kurz vor seinem Tod, in jene Zeit zurückkehrte, die ihn und seine Altersgenossen unwiderruflich geprägt hat. Und Friedemann Fromms freie Adaption dieses Romans ist nicht nur ein posthumes Geschenk an den Autor, sie ist auch in ihrer Bildsprache, den Dialogen, der Inszenierung und dem exzellenten Spiel der jungen Protagonisten als ergreifender Anti-Kriegsfilm ein ästhetisches und emotionales Geschenk.

Noch sitzen sie, 1944, im Freibad und reden über das, was sie am meisten interessiert, über Sex: Onkel, das Alter Ego von Oliver Storz (Jonathan Berlin), Bubu (Andreas Warmbrunn), Hosenmacher (Laurenz Lerch), Zungenkuss (Joscha Eißen) und Knuffke (Theo Trebs), auch Charlie genannt. Knuffke ist der einzige Berliner unter Schwaben. Er hat seine Eltern und sein Zuhause in Berlin bei einem Bombenangriff verloren, jetzt lebt er in Schwäbisch Hall: ein rätselhafter Einzelgänger und Onkels Freund.

Als die blonde Wehrmachtshelferin Lore (Lili Epply) im knallroten Badeanzug im Freibad erscheint, springen Onkel und Knuffke, sich an den ausgestreckten Armen haltend, synchron vom Zehnmeterbrett, um ihr zu imponieren. Es ist ein wiederkehrendes Ritual der beiden: Mutprobe und beiläufig lässig zugleich. Lore hat zwar nicht hingeschaut, aber sie wird es sein, die Onkel auf dem Bahnhof, als es zum "Einsatz" geht, ins Ohr flüstert: "Bleibt übrig." Jetzt wirft sie den Buben einen verführerischen Handkuss zu, der an Marilyn Monroe erinnert - ähnlich wie Knuffke, der nach dem Krieg, als er sich in undurchsichtige, gefährliche Geschäfte mit den Amerikanern und der Liebe zu einer Frau verstrickt, seine Haare so frisiert wie später Elvis Presley.

Aber der "Scheiß Krieg" (Knuffke) ist noch nicht zu Ende, und was sie erwartet, erlebt die Clique, gemeinsam mit vielen anderen, in einer brutalen Szene bei der Musterung: Splitternackt stehen sie in einer Turnhalle vor einem schreienden Untersturmführer (Andreas Lust), der sie als "Abschaum", "Sauhaufen" und "Waschlappen" erniedrigt. An ihrem Einsatzort, wo sie Schützengräben ausheben müssen, geht es mit den Demütigungen weiter. Aber zwischen den Anblicken von Erhängten ("Ich bin ein Feigling") und Tieffliegerangriffen erlebt Onkel seine "Entjungferung", mit einer Frau, die sich während des Sex in das Foto ihres Mannes vertieft, der gefallen ist. Tatsächlich hatte sie einen "Organismus" und "schielte", wie es sich einer der Freunde wünscht, der "einmal im Leben eine Frau mit einem Organismus so glücklich machen will, dass sie schielt".

Die Chance zum Desertieren ist für Onkel gekommen, als er mit einer kläglichen Gruppe von Soldaten "dem Ami den Weg nach Heilbronn abschneiden" soll. Als der Ami mit Panzer und in großer Zahl am Horizont auftaucht, gelingt ihm in diesem Chaos die Flucht mit einem aus der Clique. Ein Dritter schließt sich ihnen an und droht, sie zu verraten, wenn sie ihn nicht mitnehmen. Schon hat die Verrohung durch den Krieg ihre Spuren hinterlassen, denn die beiden knobeln, wer den Erpresser erschießen soll. Aber so tief sind die Spuren doch noch nicht: Sie können - und wollen - nicht schießen, sondern werfen ihre Waffen in den Fluss. Zu Hause ist bereits der Ami einmarschiert, überall werden weiße Tücher geschwenkt. Der Krieg ist zu Ende. Und ihr erster Weg führt die Überlebenden ins Freibad, wo sie auch der totgeglaubte Knuffke überrascht: mit Augenklappe und Narben auf dem Rücken.

Von Beginn an und den ganzen Film hindurch werden immer wieder Szenen eingeblendet in der Schwarz-Weiß-Ästhetik von Gangsterfilmen der 50er Jahre. Diese Szenen im strömenden Regen deuten, in rätselhaftem Halbschatten bleibend, auf das tragische Ende hin, das die Beziehung zwischen Knuffke, seiner polnischen Geliebten Gunda (Vica Kerekes) und Onkel nehmen wird. Denn der Krieg ist zwar zu Ende, aber auch die Anarchie in der unmittelbaren Nachkriegszeit gibt dem Leben dieser Jugendlichen keinen Halt, und die Spuren in der Seele bleiben, die der Krieg hinterlassen hat.

Knuffke, der jetzt "Business" mit den Amerikanern treibt, scheint sich unverwundbar und allzu früh erwachsen zu fühlen, nachdem er den Krieg überlebt hat, während seinem Freund Onkel ein Komplott vorgeschlagen wird, dem er nicht gewachsen ist, weil es seinem Verständnis von Freundschaft widerspricht. Und die beiden jungen Schauspieler, Theo Trebs als Knuffke und Jonathan Berlin als Onkel, sind die große Entdeckung dieses überragenden Films, der gefangen hält und noch lange in Erinnerung bleibt.

Aus epd medien Nr. 12 vom 23. März 2018

Sybille Simon-Zülch