Debatte
"Erzählerisches Potenzial"
Ein epd-Gespräch mit der Regisseurin Nina Grosse
Frankfurt a.M. (epd). Die Serie "Die Protokollantin", die am 20. Oktober beim ZDF startet, ist die erste Fernsehserie der Regisseurin Nina Grosse. Iris Berben spielt darin eine ambivalente Figur, die die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nimmt. Grosse wurde 1987 für ihren ersten Spielfilm, "Der gläserne Himmel" mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. In den 90er Jahren drehte sie unter anderem "Tatorte" für den SWR, 2012 sorgte ihr Film "Das Wochenende" über einen früheren RAF-Terroristen für Aufsehen. Diemut Roether sprach mit der Regisseurin über ungewöhnliche Frauenfiguren und die neue Lust am Erzählen.

epd: In Ihrer ZDF-Serie "Die Protokollantin" spielt Iris Berben eine besondere Frauenfigur: Sie protokolliert Verhöre bei der Polizei und hört zu, wie Täter davon erzählen, wie sie Frauen gequält haben, wie sie ihre Opfer geschlagen haben, umgebracht haben. Sie hört die Ausflüchte der Täter und schreibt alles mit, zeigt dabei keine Emotionen. Was hat Sie an dieser Figur fasziniert?

Nina Grosse: Die wenigsten wissen, dass Protokollantinnen immer dabei sein müssen, wenn es um Kapitalverbrechen geht. Alle denken, Verhöre würden nur auf Tonband oder mit Videokameras aufgenommen. Diese Frau sitzt also in einem kargen, dunklen Verhörraum und hat ein Leben lang nichts anderes zu tun als Gewalttaten zu protokollieren, meistens sind es Gewalttaten von Männern gegen Frauen oder Kinder. Weiterzuspinnen, was mit so einer Frau passiert, die das aufschreiben und passiv bleiben muss, das fand ich spannend. Bei Friedrich Ani, von dem die Idee zu der Serie stammt, war das eher komödiantisch gedacht. Ich habe zu den Produzenten Oliver Berben und Jan Ehlert gesagt, lasst uns das ernst nehmen, lasst uns mal eine schwarze Frauenfigur erzählen.

Können Sie diese schwarze Frauenfigur der Freya Becker noch genauer beschreiben?

Grosse: Auf ihr lastet ein schweres Trauma. Ihre Tochter ist vor elf Jahren verschwunden und man weiß nicht genau, was passiert ist. Man hat nie eine Spur gefunden, keine Leiche, und die Sehnsucht, die Hoffnung, dass die Tochter irgendwann wieder auftaucht, macht den Kern dieser Figur aus. Freya lebt immer noch in der Wohnung, in der sie mit ihrem Mann und der Tochter gelebt hat. Die hat nie ein neues Leben angefangen, keine neue Beziehung. Sie lebt in der Vergangenheit und hat wenig Kontakte, außer zu ihrem Bruder, der ein berühmtes Restaurant leitet und eher ein extrovertiertes Leben führt. Freya hat eine komplett abgespaltene dunkle Seite, von der niemand weiß. Wenn sie es für richtig hält, nimmt sie die Gerechtigkeit in die eigenen Hände.

Sie versucht also selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Selbstjustiz ist ein sehr problematisches Thema. Hatten Sie davor keine Angst?

Grosse: Richtig gute Stoffe sind oft grenzgängerisch. Nehmen wir "Breaking Bad", da wird ein braver Chemielehrer zum Chrystal-Meth-Verkäufer. Ich finde das sehr reizvoll. Männern werden solche Grenzüberschreitungen oft zugestanden, Freya ist eine der wenigen Frauenfiguren, die solche Grenzen überschreitet. Trotz der Problematik fand ich es interessant, das zu erzählen. Die Kunst war: Wie schaffe ich es, Empathie für diese Figur herzustellen?

Es geht Ihnen also nicht um Kritik am herrschenden Rechtssystem?

Grosse: Das herrschende Rechtssystem zu kritisieren, wäre mir eine Nummer zu groß. Dass in der Justiz immer wieder brutale Ungerechtigkeiten passieren, dass Leute zu Unrecht verurteilt oder freigesprochen werden, wissen wir. Die Lösung kann nicht sein, dass wir es selber in die Hand zu nehmen. Aber in "Die Protokollantin" habe ich mir die fiktionale Freiheit genommen, genau das zu erzählen.

War es schwierig, diesen Stoff mit einer Heldin, die so ambivalent ist, beim Fernsehen unterzubringen?

Grosse: Ja, da gab es schon Bedenken. Und dann noch in Kombination mit Iris Berben. Sowohl Oliver Berben als auch Iris Berben waren begeistert von dem Stoff. Iris kann hier etwas zeigen, was man so von ihr noch nicht gesehen hat und sie ist mit einem großen Mut in diese Rolle reingegangen, in die Ambivalenz der Figur. Die ZDF-Redakteurin Caroline von Senden war aber am Anfang skeptisch, sie hatte die Befürchtung, dass wir das Image von Frau Berben beschädigen. Da hat vor allem Oliver Berben großartige Überzeugungsarbeit geleistet, und wir haben uns dann angenähert. Das ZDF ist hier ins Risiko gegangen, das rechne ich der Redaktion hoch an.

Hat der Serienboom, der zurzeit auch durch neue Anbieter wie Netflix und Amazon beflügelt wird, dazu beigetragen, dass das ZDF so etwas wagt?

Grosse: Auf alle Fälle. In Deutschland sind wir damit relativ spät dran. Alle haben diese vielen tollen Serien geguckt und gesagt, wir wollen auch so was machen, aber es hat eine Zeit gedauert, bis sie sich getraut haben. Wir hatten einen guten Vorlauf mit Serien wie "4 Blocks" oder "Bad Banks", das hat viel dazu beigetragen, dass ein größerer Mut da war.

Vor gut zehn Jahren gab es bei den deutschen Fernsehsendern einige tolle, gut gemachte Serien wie "KDD" im ZDF oder "Blackout" bei Sat.1, die leider ziemlich floppten. Danach hatte man das Gefühl, die Sender haben den Mut verloren. Wachen sie jetzt endlich wieder auf?

Grosse: Auch Dominik Graf war mit "Im Angesicht des Verbrechens" weit vorn und das ging so daneben, auch weil es im Ersten so schlecht platziert war. Da hatte man den Eindruck: das war's. Aber jetzt müssen sich die Kollegen bei ARD und ZDF aus ihren Komfortzonen rausbewegen, weil die Konkurrenz stark ist, mehr Geld hat und sich mehr traut. Das tut uns allen gut. Da ist plötzlich wieder eine neue Lust am Erzählen, die ich schon lange nicht mehr gespürt habe.

Die Ästhetik Ihrer Serie wirkt sehr düster. War der Sender damit einverstanden?

Grosse: Das war Thema. Der Wunsch war, dass es nicht allzu düster wird. Wir haben intensiv über wichtige Entscheidungen diskutiert, etwa über das Polizeigebäude, das keine Fenster hat. Oliver Berben sagte: das machen wir, weil uns das abhebt vom üblichen deutschen Fernsehkrimi-Format. Durch solche Entscheidungen ist der düstere Look entstanden. Aber die Kamera von Alexander Fischerkoesen hat eine ganz außerordentliche Qualität. Die Wohnung von Freya zum Beispiel, in der es viele dunkle Ecken gibt, wo die Geister wohnen, das hat sehr viel mit dem Charakter dieser Frau und der Geschichte zu tun.

"Die Protokollantin" war Ihr erstes Serienprojekt. Wollen Sie jetzt noch mehr Serien machen?

Grosse: Ich habe Blut geleckt, in der Tat. Aber Gott sei Dank wusste ich vorher nicht, was auf mich zukommt. Fünf Bücher allein zu schreiben und dann fünf Filme fertig zu machen, das ist ein Ritt, den man komplett unterschätzt, wenn man es noch nicht gemacht hat. Wenn was Neues kommt, müsste es ein Stoff sein, der genauso gut trägt wie "Die Protokollantin" und ich würde jetzt mit einem Writers Room arbeiten.

Das ist ja sehr ungewöhnlich, dass Sie als Autorin und Regisseurin allein eine Serie gemacht haben. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Grosse: Die Regie habe ich zusammen mit Samira Radsi gemacht, aber die Bücher habe ich allein geschrieben. An den Büchern habe ich drei Jahre gearbeitet, insgesamt waren es vier Jahre.

Sie machen jetzt seit 30 Jahren Filme. Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in dieser Zeit verändert?

Grosse: Ich habe das Gefühl, dass wir schon einmal weiter waren im filmischen Erzählen, im Mut, in der Ästhetik und in den Geschichten. Irgendwann ist das alles sehr konservativ und kleinkariert geworden. Jetzt ändert sich das wieder aufgrund der neuen Anbieter, über die wir gesprochen haben. Ich habe eine Talsohle erlebt und erlebe gerade wieder einen Aufschwung, was Storytelling angeht und ästhetische Wagnisse.

Wann war diese Talsohle?

Grosse: Ich würde sagen, das war die Jahrtausendwende. Es gab die goldenen 70er Jahre, auch im Kino: Dieser große Aufbruch, der nicht nur den Film betroffen hat, sondern auch die Musik. Irgendwann dachte ich, wir hecheln dem hinterher. Es gab großartige Fernsehspiele in den 80er und 90er Jahren, aber das Einzelstück, das Drama, die Komödie, das Gesellschaftsstück, die damals relevant waren, wurden durch die ewigen Krimiwiederholungen, die vielen "Tatorte", die "Polizeirufe" verdrängt. Es gab eine Verengung. Und durch die Serien kommt wieder eine Öffnung.

Ich habe den Eindruck, es gibt viele Produktionen, die gemacht werden, weil bestimmte Sendeplätze gefüllt werden müssen, und es gibt immer weniger Filme, die herausragen. Ändert sich das jetzt?

Grosse: Man muss sehen, ob die Serien abstrahlen. Es ist ja oft so, dass alle sich auf das stürzen, was erfolgreich ist. Jetzt werden lauter Serien produziert, aber es ist zu früh zu sagen, ob sich dadurch eine andere Tür aufmacht.

Das ist ja auch eine Frage der Sendeplätze und Programmschemata. Wann sollen all die Serien gesendet werden?

Grosse: Und wo kommt das Geld her? Die Serien sind ja sehr teuer.

Sie haben als Regisseurin und Autorin viele Frauenfiguren entwickelt und gestaltet. Das ist nach wie vor eher ungewöhnlich. Eine Untersuchung hat kürzlich gezeigt, dass in fiktionalen Geschichten im Fernsehen auf zwei Darsteller nur eine Darstellerin kommt. Sie selbst sind Mitgründerin der Initiative Pro Quote Regie, die heute Pro Quote Film heißt. Wie kam es vor vier Jahren zu der Initiative?

Grosse: Die Initiative ging damals von Katinka Feistl, Annette Ernst und Imogen Kimmel aus. Die hatten den Eindruck, dass zu wenige Frauen hinter der Kamera agieren und wollten aktiv werden. Wir haben uns dann die Programme der Sender vorgenommen und ausgezählt, wie viele Frauen in den einzelnen Produktionen vertreten sind. Wir kamen damals, vor vier Jahren, auf elf Prozent Regisseurinnen und das bei 49 Prozent jungen Absolventinnen, die Jahr für Jahr die Filmhochschulen verlassen. Wir wollten ein Bewusstsein schaffen für diesen Missstand. Das Gute war, dass wir nur mit Zahlen operiert haben. Wir haben ganz nüchtern gesagt, das ist der Fakt. Warum ist das so? Was kann man ändern? Wir haben Gesprächsrunden gemacht, zum Beispiel mit Christine Strobl von der Degeto oder mit dem SWR. Wir haben Briefe geschrieben und wichtige Unterstützer gefunden. Daraus resultierte eine Zielvorgabe von 20 Prozent sowohl bei der Degeto, als auch bei der ARD. Im neuen Filmförderungsgesetz gibt es jetzt einen Paragrafen zur Geschlechtergerechtigkeit und zur paritätischen Besetzung der Gremien. Insgesamt löste die Bewegung einen enormen Schub aus.

Aber allzu viel hat sich noch nicht bewegt.

Grosse: Wenn man genauer hinschaut, sind die großen Prestige-Projekte wie "Babylon Berlin", "Das Boot" oder "Bad Banks" immer noch fest in Männerhand. Ein Projekt wie "Die Protokollantin" ist noch ziemlich einsam. Es bewegt sich was, aber wir sind noch lange nicht bei 50 Prozent.

In vielen großen Sendern leiten Frauen die Fernsehfilmabteilungen. Warum fördern diese Frauen so wenig Frauen?

Grosse: Das ist ein heikles Thema. Es gibt ja auch Redakteurinnen, die sich offen dazu bekennen, dass sie lieber mit Männern arbeiten. Sie sagen offen, dass sie Männer für stressresistenter und leidenschaftlicher halten. Diese Stereotypen sind bei Frauen und Männern dieser Generation leider sehr verankert. Ich kann nur hoffen, dass eine jüngere Generation von Frauen damit anders umgehen wird. Ich glaube, die 50- bis 60-Jährigen haben Angst, Frauen große Projekte anzuvertrauen.

Wie erklären Sie sich das?

Grosse: Da geht es um viel Geld. Kann eine Frau ein großes Budget verwalten? In unseren Gesprächsrunden mit Redaktionen wurde das ganz offen ausgesprochen. Es gibt Berührungsängste, wenn Frauen viel Geld und große Verantwortung übernehmen sollen. Frauen und großer Stress - da schreckt man zurück.

Sie selbst sind schon 30 Jahre im Geschäft, Sie haben in den 90er Jahren schon "Tatorte" gedreht, waren damals eine der wenigen Frauen, die das machen durften. Wie haben Sie sich durchgesetzt?

Grosse: Ich hatte eine Mentorin. Meinen ersten Film habe ich mit Susan Schulte vom SWR, damals noch SWF, gemacht. Die hat mich unter ihre Fittiche genommen und gefördert. Ich habe für den SWF "Tatorte" gemacht, mit der ganz jungen Ulrike Folkerts. Das hat sich aber nicht so ausgewirkt, dass andere ARD-Anstalten auch auf mich zugekommen wären. Daran sieht man, wie eng die Systeme sind.

Gab es Momente in Ihrer Karriere, an denen Sie das Gefühl hatten: Hier komme ich nicht weiter, weil ich eine Frau bin?

Grosse: Immer wieder. Die großen Prestige-Projekte gehen nach wie vor hauptsächlich an die männlichen Kollegen. Jetzt kommt auch das Alter dazu, es gibt jüngere Kolleginnen, die nachrücken. Ich hatte nie den Eindruck, dass meine Laufbahn derart kontinuierlich ist wie die der Männer. Ich dachte immer, ich muss doppelt so viel arbeiten, doppelt so präsent sein wie die erfolgreichen männlichen Kollegen.

Im Filmbusiness geht ja viel über Beziehungen. Man kennt sich, man gibt sich einen Auftrag. Sind die Männer da besser vernetzt als die Frauen?

Grosse: Ja, die Männer können es auch besser. Da müssen wir Frauen viel lernen. Das haben wir auch bei unseren Pro-Quote-Diskussionen immer wieder gesagt. Auch die Streitkultur bei Männern ist besser. Die können sich sehr vehement streiten und dann ist das aber ad acta gelegt und man geht am Abend einen trinken. Bei uns Frauen ist das oft nachtragend, dadurch ist das Networking komplizierter. Frauen sind auch leider ein bisschen neidischer als Männer, habe ich den Eindruck. Wenn eine oben ist, ist es nicht gewährleistet, dass sie anderen Frauen hochhilft. Wie hat Madeleine Albright gesagt? Wenn eine Frau einer anderen nicht hilft, soll sie in der Hölle schmoren. Da müssen wir geschickter werden und lernen. Aber wir sind nicht so sozialisiert worden, es wird noch dauern, bis wir in diesen Themen so eine Selbstverständlichkeit bekommen wie Männer.

Warum haben Frauen Probleme, Frauen zu fördern?

Grosse: Ich glaube, dass Frauen in einer mächtigen Position so viel damit zu tun haben, diese zu verteidigen oder sich anzupassen an den Männerklüngel, dass sie gar nicht daran denken, sich Frauen dazu zu holen, vielleicht weil ihnen das als Schwäche ausgelegt würde. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wenig Frauen Frauen helfen. Ich habe noch nicht alle Gründe ausgelotet, warum das so ist. Vielleicht ist es eine Konkurrenzfrage. Wie mit Müttern und Töchtern. Auf alle Fälle gibt es hier noch keine Selbstverständlichkeit. Die echte Gleichstellung der Frau ist immer noch ein schwieriges Thema, und viele Männer reagieren sehr allergisch darauf. An der "Me-Too"-Debatte und an der Pay-Gap-Debatte sieht man, wie weit wir davon entfernt sind, darüber reden zu können, dass Frauen wirklich gleichberechtigt sind. Wir dürfen nur behutsam kleine Schrittchen machen.

Beim Pay-Gap geht es um die schlechtere Bezahlung von Frauen. Was raten Sie jungen Regisseurinnen? Wie sollen sie sich verhalten?

Grosse: Ich finde, wir müssen extrem selbstbewusst auftreten. Selbstbewusst auftreten und uns den Raum nehmen, der uns zusteht. Nicht zurückstecken. Alle sagen immer, ich rede zu laut - ja und?! Jetzt ist der Moment, wo Frauen sich Raum nehmen können und ich kann nur sagen, macht das.

Wie sind Sie Regisseurin geworden?

Grosse: Ich habe nach dem Abitur angefangen, Theater zu studieren und Philosophie und Germanistik und habe gleich gemerkt, dass die Uni nichts für mich ist. Ein Freund von mir studierte in München an der Filmhochschule Dokumentarfilm und sagte, geh zum Dokumentarfilm, dann kannst Du immer noch Spielfilme machen. Und genau so war’s. Ich habe mich beim Dokumentarfilm beworben und habe sehr früh angefangen, Spielfilme zu machen.

Regisseurin zu sein heißt ja auch, diejenige zu sein, die die Ansagen macht. War das von Anfang an ein Wunsch?

Grosse: Nein. Ich wollte immer Geschichten erzählen. Als Kind wollte ich Schriftstellerin werden und habe sehr viel geschrieben. Das hat mit Ansagen nichts zu tun, sondern damit, eigene Räume und Geschichten zu gestalten und zu erzählen. Ich hätte auch Schriftstellerin werden könne oder Drehbuchautorin, aber ich finde es so großartig, mit einer Gruppe von Leuten etwas zu gestalten! Wenn es von der Vision ins Konkrete geht, das ist das Schönste.

Verändern sich durch die "MeToo"-Debatte auch die Frauenrollen?

Grosse: Ich weiß nicht, ob man das verknüpfen kann. Interessant finde ich, dass jetzt die bösen Frauen kommen. Das ist auch eine Form der Emanzipation, dass Frauen böse sein dürfen.

Dass sie Macht wollen…

Grosse: ... und dass sie ambivalent sein dürfen. Da gibt es neue Rollenmodelle. Ich habe den Eindruck, dass es in den letzten Jahren noch einmal einen großen Emanzipationsschub gegeben hat. Wichtige Schauspielerinnen in Hollywood haben dazu aufgerufen, über Frauenrollen nachzudenken: Was spielen wir? Reden Frauen über andere Themen als über Männer? Gleichzeitig kam das Thema des sexuellen Machtmissbrauchs auf, das ist eine interessante Verquickung. Auf jeden Fall machen Frauen jetzt mehr den Mund auf.

Wenn man sich die Zahlen anschaut und sieht, nur elf Prozent der Produktionen bei den Öffentlich-Rechtlichen werden von Regisseurinnen gemacht, fragt man sich doch: Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Grosse: Die Filmarbeiterinnen hatten schon in den 70er Jahren ähnliche Themen, wie wir mit Pro Quote Film heute. Das ist jetzt 50 Jahre her und wir machen immer noch an den Minimalforderungen rum. Ich finde es traurig, dass man immer noch darum kämpfen muss, dass Fördergremien paritätisch besetzt werden. Es ist traurig, dass nur zehn Prozent der Fördergelder an Frauen gehen. Das sind ja öffentliche Gelder! Das ist sehr ernüchternd. Man wird sehen, ob sich jetzt wirklich etwas verändert. In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass die Männer, mit denen ich darüber geredet habe, anders reagieren, dass sie etwas verstanden haben. Auch die Neugier auf andere Geschichten wächst. Andere Frauenrollen bedeuten auch andere Geschichten. Wir erzählen uns seit Jahren immer dieselben Stories, und eine Geschichte wie "Die Protokollantin" gab es so bisher noch nicht. Das ist auch ein ökonomischer Faktor. Man muss aus den Frauen das Potenzial herausholen, andere Geschichten zu erzählen. Es geht um erzählerisches Potenzial und nicht um Verdrängungskampf. Es geht um gleichberechtigte Teilhabe.

Aus epd medien Nr. 42 vom 19. Oktober 2018