Debatte
"Eine ernste Debatte"
Ein epd-Gespräch mit Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue
Frankfurt a.M. (epd). Stefan Raue (59), seit 1. September 2017 Intendant des Deutschlandradios, wünscht sich, dass sich Politiker und Vertreter der Kultur in der Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk deutlicher positionieren: "Ich könnte mir den gesellschaftlichen Rückenwind stärker vorstellen", sagt er. Raue war von 1987 bis 1990 freier Reporter im Landesstudio Düsseldorf des WDR und arbeitete anschließend einige Jahre als Redakteur und Redaktionsleiter bei Rias-TV und Deutsche Welle TV. Von 2005 bis 2011 war er stellvertretender Redaktionsleiter bei "Heute" und stellvertretender Leiter der Hauptredaktionen Innenpolitik sowie Politik und Zeitgeschehen des ZDF. Von 2011 bis 2017 war er trimedialer Chefredakteur des MDR. Diemut Roether und Uwe Gepp sprachen mit Raue über die Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender im Internet und die Zukunft des Radios.

epd Herr Raue, Sie arbeiten seit gut 30 Jahren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass ARD und ZDF der Wind so ins Gesicht bläst wie zurzeit?

Raue: Man vergisst sehr schnell, dass es bei jeder Erhöhung des Rundfunkbeitrags große Debatten gab. Wir hatten auch häufig schon Legitimationsdebatten. Wenn wir uns an die Diskussion über die Berichterstattung zu den Jugoslawienkriegen und die Golfkriege erinnern, ging es schon damals um seriöse Berichterstattung und Fake News, das haben wir nur damals anders genannt. Eine neue Qualität ist, dass sich verschiedene Interessen verbinden und - ohne dass sie es wollen - mit einer gemeinsamen Botschaft enden, nämlich das öffentlich-rechtliche System in Deutschland grundsätzlich infrage stellen. Es gibt Kritik am Rundfunkbeitrag, Kritik an den Tätigkeiten der Öffentlich-Rechtlichen in der digitalen Welt bis hin zur grundsätzlichen Infragestellung durch die AfD. Diese Breite an Angriffen kannten wir bisher nicht.

Wie erklären Sie sich diese Feindseligkeit?

Raue: Man muss da differenzieren, die Feindseligkeit gilt ja nicht nur den Öffentlich-Rechtlichen, sondern vielen Institutionen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk scheint das Objekt zu sein, das am leichtesten zu treffen ist. Da kommt vieles zusammen. Die Feindseligkeit kommt nicht erst seit Pegida. Sie hat nach meinem Gefühl begonnen mit der Diskussion über das Buch von Thilo Sarrazin.

Sie meinen das 2010 erschienene Buch "Deutschland schafft sich ab".

Raue: Das Buch stellt für mich eine gesellschaftspolitische Zäsur da. Da wurden Themen in einer Weise angesprochen, die neu war. Die Themen Rasse, Fremdheit, biologische Wurzeln, Geburtenrate bei Migranten und Nichtmigranten wurden aus gutem Grund über Jahrzehnte nicht angefasst. Thilo Sarrazin hat das mal mehr, mal weniger verquast angesprochen. Dieses Buch ist in allen Leitmedien sehr kritisiert worden, bis ins Detail. Zeitgleich ist eine Gegenbewegung entstanden, das haben wir in den sozialen Netzwerken und in Blogs bemerkt. Ich habe damals beim ZDF gearbeitet und mich gewundert, mit welcher Wucht diese Gegenbewegung kam, mit welchen Argumenten, wie gebildet die Menschen waren, die schrieben. Das waren Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die sich nicht verstanden gefühlt haben, die sagten, dieser Sarrazin ist Ausdruck dessen, was wir viele Jahre gedacht haben und nicht zu sagen gewagt haben und ihr kartätscht den nieder. Da gab es so eine Art Parallelwelt. Nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen, auch die großen Printmedien haben Sarrazin sehr stark kritisiert und gleichzeitig ist das bis heute eines der meistverkauften Bücher, die Lesungen waren voll. Ich glaube, das war die Geburtsstunde dieser Bewegung, die über Pegida, über die Flüchtlingsthematik noch größer geworden ist.

Welche Rolle haben da die sozialen Medien gespielt? Ist Ihre These, dass es diese Meinungen immer schon gab und die sozialen Medien bewirkt haben, dass sie sich gefunden haben? Tragen die sozialen Medien zu einer Radikalisierung bei?

Raue: Indirekt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen, das ist eine Kommunikationsform, die von vornherein negativ ist. Sie kann auch positiv sein, wir haben das beim Arabischen Frühling erlebt und wir erleben das bei vielen Debatten, wenn Menschen miteinander kommunizieren, die vorher keine Möglichkeit dazu hatten. In der frühen Phase waren die sozialen Medien auch eine Organisationsform. Heute diskutieren wir anders über soziale Netzwerke, Stichwort Echokammer, Filterblase, also eine hermetisch abgeschirmte Kommunikationswelt, die nur ihre eigene Wahrheiten wahrnehmen will.

Sie haben kürzlich gesagt, kein Politiker würde sich mehr für den Rundfunkbeitrag verprügeln lassen. Ist das andererseits nicht kontraproduktiv, wenn sich die Politiker zu sehr mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk identifizieren? Es gibt immer noch zahlreiche Politiker in den Aufsichtsgremien von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Verstärkt das nicht den Eindruck, dass es tatsächlich Staatsmedien sind? Wünschenen Sie sich mehr Unabhängigkeit von der Politik?

Raue: Wenn wir sagen, wir sind unabhängige öffentlich-rechtliche Medien, wir sind kritisch gegenüber allen und wir schauen, dass unser Programm und unsere Finanzierung möglichst unabhängig gestaltet werden, dann können wir von denjenigen, die wir so auf Distanz halten, nicht verlangen, dass sie sich für uns verhauen lassen. Das ist eine nüchterne Feststellung. Wir sollten nicht jammern und sagen: Wo ist unser Schutz, wo ist unsere Kavallerie aus der Politik? Ich fordere allerdings, dass diejenigen, die uns in Hintergrundgesprächen immer wieder sagen, wie wichtig sie uns finden für den demokratischen offenen Diskurs, das auch offen bekennen. Das ist kein Tauschgeschäft mit der Politik: Ihr schützt uns und dafür bekommt Ihr freundliche Beobachtung, sondern das ist eine Sache des demokratischen Diskurses. Wir erleben jetzt in der Schweiz, wie schnell so etwas rutschen kann, wenn keiner in der Öffentlichkeit sagt, es ist gut, dass es die SRG mit ihren vielfältigen Angeboten gibt. Deswegen sage ich den Kirchen, den Gewerkschaften, den Politikern, den Parteien und den Vertretern der Kultur, sie sollen deutlich sagen, was sie an uns gut finden, bei allen Fehlern, die wir machen. Ich könnte mir den gesellschaftlichen Rückenwind stärker vorstellen.

Gesetzt den Fall, die No-Billag-Initiative in der Schweiz hat am 4. März Erfolg, haben Sie Angst, dass das die Diskussion in Deutschland befeuert, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz abzuschaffen?

Raue: Ich sehe das mit Sorge, aber zunächst einmal für die Schweiz. Die Kollegen von der SRG machen ein tolles Programm, es ist nicht einfach, für so viele Sprachkulturen ein adäquates Programm zu machen. Die haben die ganze polemische Kritik nicht verdient. Angst ist nicht der richtige Ausdruck. Ich glaube, es kommt dann bei uns sehr viel schneller zum Schwur. Dann müssen diejenigen, die hier öffentliche Ämter haben oder meinungsbildend tätig sind, sagen, was ist uns das öffentlich-rechtliche System wert? Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Ich bin nämlich der Meinung, dass man es nicht noch einmal aufbauen kann, wenn man es abreißt. Diese Kraftanstrengung wird keiner mehr unternehmen. Das muss man sich gut überlegen.

Sind sie also der Meinung, dass ein Ja zu No Billag möglicherweise einen positiven Effekt für Deutschland haben könnte?

Raue: Ich sollte nicht so verstanden werden, dass ich das möchte, aber eine panische Haltung wäre falsch. Wenn es tatsächlich so kommen sollte - ich hoffe für die Schweiz und für das gesamte öffentlich-rechtliche System, dass es nicht so sein wird -, bedeutet das nicht automatisch, dass hier der nächste Dominostein fällt, sondern das bedeutet für uns noch einmal eine ganz andere ernste, grundsätzliche Debatte. Und da wird sich keiner raushalten können.

Es gibt ja durchaus Unterstützer des öffentlich-rechtlichen Systems, die an einzelnen Hervorbringungen Kritik haben, die also sagen, warum müssen ARD und ZDF Unterhaltung machen, warum müssen sie so viel Geld ausgeben für Sportrechte? Lehnen Sie sich in dieser Diskussion entspannt zurück und sagen: Wir im Deutschlandradio erfüllen den Kernauftrag, wir bleiben auf jeden Fall, auch wenn anderes abgeschafft werden sollte?

Raue: Damit würde ich es mir sehr einfach machen. Ich bin ja zeit meines Lebens im öffentlich-rechtlichen System unterwegs, in verschiedenen Funktionen. Ich habe es als sehr positiv erlebt, wie viel Durchschlagskraft man mit seinen kulturellen und politischen Informationsangeboten hat, wenn man in einem Vollprogramm stattfindet. Wir haben durch das Vollprogramm die Möglichkeit, Menschen mit Informationsangeboten zu erreichen, die wir mit einem Spartenprogramm niemals erreichen. Deswegen hat das Bundesverfassungsgericht gesagt, zum öffentlich-rechtlichen Angebot gehören nicht nur die Kernaufgaben Kultur und Information. Und wir sehen in den USA, dass die öffentlichen Angebote, die sehr klar reduziert sind auf den Kernbereich, im Gesamtmarkt kaum Chancen haben. Deutschlandradio ist mit seinen drei Programmen sehr klar profiliert: Information, Kultur und ein junges Angebot. Aber auch bei Deutschlandradio glaubt niemand, dass wir ohne die anderen öffentlich-rechtlichen Sender eine sorgenfreie Zukunft hätten und der Rest zur Diskussion stehen kann. Wir sind da alle in einem Geleitzug und haben unsere Aufgaben.

Glauben Sie, dass der Rundfunkbeitrag im Jahr 2021 tatsächlich erhöht wird, wie Sie gefordert haben?

Raue: Ich wünsche mir, dass wir in der nächsten Finanzierungsperiode zumindest eine Anpassung an die Kostensteigerungen haben. Wir haben es mit jährlichen Kostensteigerungen von zwei bis drei Prozent zu tun, bei den Sachkosten und den Personalkosten. Der Rundfunkbeitrag ist seit zehn Jahren eingefroren, er wurde sogar einmal abgesenkt, da stößt man irgendwann an die Grenzen. Wir merken das auch bei Deutschlandradio: Das beschränkt uns in einer Weise, auch was die Zukunft angeht, dass ich auf die weise Erkenntnis hoffe, dass eine Anpassung an die allgemeine Kostensteigerung möglich sein wird.

Wenn es um die Zukunft geht, stellt sich auch die Frage, was die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet machen dürfen. Die Privatsender sind der Meinung, dass ARD und ZDF Beiträge nicht für längere Zeit in die Mediatheken stellen sollten, weil das Aufmerksamkeit von ihren Angeboten ablenkt. Die Verlage wiederum wollen, dass die Textbeiträge im Internet begrenzt werden. Was sollten die Öffentlich-Rechtlichen im Internet dürfen?

Raue: Sie sollten alles machen dürfen, was nicht nachweislich den Verlegern in ihren Geschäftsmodellen schadet.

Bisher gibt es keine Studie, die nachweist, dass die öffentlich-rechtlichen Angebote den Angeboten der Privaten im Internet schaden.

Raue: Das ist der zentrale Punkt. Ich halte nichts von taktischen Freiräumen. So sollten erwachsene Menschen und Interessengruppen nicht miteinander umgehen. Das faire Konkurrenzverhältnis von Privaten und Öffentlich-Rechtlichen ist von den Vätern und Müttern unserer Medienordnung gewollt. Es soll einen publizistischen Wettbewerb geben, da kann es keine Zukunftswelt geben, in der diese Konkurrenz nicht mehr stattfindet. Wir wissen aber, dass die Verlage einen schweren Stand haben und versuchen müssen, sich über den digitalen Markt zu refinanzieren. Und wenn der Nachweis da ist, dass wir mit bestimmten Angeboten ihre Refinanzierung erschweren oder zerstören, dann müssen wir Öffentlich-Rechtlichen einen Schritt zurücktreten. Man hat ja schon beim bisherigen Telemedienauftrag darauf geachtet, dass die Öffentlich-Rechtlichen im Lokalen, wo besondere Refinanzierungsprobleme bestehen, nicht wildern sollen. Ich habe angeregt, so etwas nicht über Juristen, Manager und Betriebswirte zu regeln, sondern unter den Menschen, die mit den Inhalten zu tun haben. Es sollte eine Art Clearingstelle geben, wo man sich alle zwei Monate trifft und wo die Verlage die Dinge auf den Tisch legen, die sie stören, und die Öffentlich-Rechtlichen einen Rechtfertigungszwang haben und sagen müssen, warum sie das machen. Wenn das scheitert, kann man immer noch den juristischen Weg gehen.

Was sagen die Verleger zu Ihrem Vorschlag?

Raue: Die nehmen das freundlich zur Kenntnis, aber es ist natürlich im Augenblick eine Hängepartie. Die Länder wollen den Telemedienauftrag für die Öffentlich-Rechtlichen neu definieren und haben da noch keine Übereinkunft gefunden. Aber wir sollten das probieren.

Wie könnte denn der Nachweis aussehen, dass ein Telemedienangebot eines öffentlich-rechtlichen Senders den Verlegern schadet?

Raue: Wenn beispielsweise im subregionalen Bereich ein Verlag nachweist, dass er an einer bestimmten Stelle stark investiert hat und das als bezahltes Angebot sehr gut angenommen wird. Bei einem Ratgeberportal zum Beispiel können Sie den Nachweis führen.

Die sind ja auch nach dem derzeitigen Gesetz nicht erlaubt.

Raue: Mit den Ratgeberportalen verdienen die Verlage sehr viel Geld. Ich kenne aber niemanden, der im Netz mit Nachrichten Geld verdient. Selbst wenn öffentlich-rechtliche Nachrichten in Deutschland im Netz verboten wären und man sich nur durch Verlegerangebote informieren könnte, selbst dann könnten Sie sich über Nachrichten aus anderen Ländern informieren, auch in deutscher Sprache. Zudem gibt es Angebote in der digitalen Welt, die nicht von klassischen Verlagen kommen, aber von Journalisten gemacht werden. Nehmen Sie zum Beispiel das neue Portal T-Online, das stark journalistisch ausgebaut wird. Die brauchen das Werbegeld nicht, die haben 40 Millionen Kunden. Wegen der Nachrichten alleine kauft keiner ein Angebot von "FAZ.net", "Spiegel Online" oder "Sueddeutsche.de".

Es gab ja schon zwei Versuche der ARD, mit den Verlegern zu reden und sich über die Telemedien zu einigen. Das ist aber beide Male daran gescheitert, dass die Forderungen der Verleger dann doch sehr weitgehend waren. Zuletzt hieß es, die Öffentlich-Rechtlichen dürften auf jeder Internet-Seite nur ein Drittel Text machen. Meinen Sie, dass Gespräche angesichts dieser festgefahrenen Situation überhaupt noch was bringen? Brauchen Sie da nicht einen Mediator?

Raue: Ich habe den vielleicht naiven Glauben, dass wir das gemeinsam mit den Verlegern ohne Hilfe von außen hinbekommen können.

Was halten Sie von der Initiative von WDR-Intendant Tom Buhrow zu sagen, wir machen jetzt nur noch kurze Texte in unserem Internet-Angebot?

Raue: Das ist als Geste gegenüber den Verlegern ein nützlicher Schritt, zumal es mit der Regionalberichterstattung viele Friktionen zwischen den Interessen der Lokalzeitungen und der Regionalzeitungen und dem WDR gab. Ich glaube, das war vor allem ein Zeichen in Richtung regionale Verleger. Wir als Deutschlandradio haben eine andere Ausgangslage, wir sagen, eine Regulierung über die Zeilenzahl ist nicht das Richtige. Unsere Textmengen orientieren sich am Ereignis und an unserem Anspruch, Dinge hintergründig zu erklären und dafür braucht es manchmal eben mehr Platz. Fest steht, dass das Telemedienangebot von Deutschlandradio mit seinen drei Programmen immer stark um das Kernangebot herum organisiert sein muss, also um Audioangebote. Wir haben gar nicht das Personal und die Mittel, eine Zeitung im Netz zu machen. Wir sind schon ökonomisch dazu verdonnert, unser Hörfunkangebot ins Zentrum zu stellen. Wir bieten 24 Stunden pro Tag Nachrichten an, wir haben viele Hintergrundinformationen, die auch mal Text enthalten müssen, eine Reduzierung auf eine bestimmte Zeilenzahl halte ich für unpraktikabel und bürokratisch.

BDZV-Präsident Mathias Döpfner wurde kürzlich im Medienmagazin des Deutschlandfunk, "@mediasres" interviewt, das Interview wurde dann in voller Länge in Ihrem Internetangebot veröffentlicht, Döpfner sagte aber, das fände er nicht in Ordnung. Was hätten Sie ihm da entgegnet, wenn Sie ihn interviewt hätten?

Raue: Herr Döpfner hat Sinn für Ironie und er hat sich bestimmt darüber gefreut, dass das Interview als Manuskript auch nachzulesen war.

Sie haben vor Ihrem Amtsantritt als Intendant eine ehrgeizige Verbreitungs- und Marketingstrategie angekündigt und gesagt, Sie brauchen echte Fans. Wie weit sind sie damit? Wie wollen Sie die Fans gewinnen?

Raue: Wir haben seit einem Jahr zwei neue Programmnamen, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova, und setzen bei der Bewerbung auf Testimonials, die sich mit ihrem Gesicht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennen und erklären, was uns für sie unverzichtbar macht. Das sind Prominente und Nicht- Prominente, vom Theaterregisseur über eine Studentin und einen Taxifahrer bis zur Wissenschaftlerin. Die Informationsangebote der Öffentlich-Rechtlichen haben über viele Jahrzehnte gedacht, das läuft von selbst, das ist eine Marke, die weit trägt, die sich nicht erklären muss. In den letzten Jahren mussten wir lernen, dass auch Dinge, die etabliert und angesehen sind, professionell beworben und vorgestellt werden müssen. Wir müssen unsere Qualität darstellen auf allen Ebenen: In Landtagen, bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, bei öffentlichen Veranstaltungen. Ich war kürzlich bei Landräten in Nordrhein-Westfalen, das sind ganz andere Diskussionen als bei den üblichen Medientreffpunkten. Wir klassischen Info-Journalisten müssen lernen, unser Tun transparent zu machen, nur dann können wir auch von anderen erwarten, dass sie uns unterstützen. Ein Medienunternehmen wie Deutschlandradio kann nicht mehr nur aus seinem Programm heraus wirken. Das ist altes Denken. Wir müssen ein Gefühl dafür bekommen, wie wir uns spannend und aufregend und mutig und modern darstellen können.

Sie haben vor einigen Monaten gesagt, dass Deutschlandradio eine Art nationale Denkfabrik werden soll. Wie können wir uns das genau vorstellen?

Raue: Mir ist wichtig, dass wir Gastgeber für eine nationale Denkfabrik werden, wir würden uns überfordern, wenn wir hier zu einer Akademie werden wollten. Aber in kaum einem Sender gibt es so viel Expertise in allen Bereichen und meine Überlegung war, über unsere Programmarbeit hinaus Diskussionen anzustoßen. Wir veranstalten zum Beispiel zusammen mit der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Bundespressekonferenz die Tagung "Formate des Politischen" in Berlin, Deutschlandfunk Kultur arbeitet derzeit an einem ähnlichen Format im Kulturbereich, Deutschlandfunk Nova arbeitet an Formaten zu jungem Wissen. Das möchte ich gern in Kooperation machen, das funktioniert nur, wenn man mit anderen zusammenarbeitet, aber ich wünsche mir, dass wir dazu auch hausintern Schwerpunkte bilden. Die neue Sehnsucht nach der Identität ist zum Beispiel ein wichtiges Thema, ich hatte das in den letzten Jahren gar nicht als Thema auf dem Radar und auf einmal kommt es und alles schweigt betroffen. Das wäre ein Thema für eine bundesweite Denkfabrik, die sich Gedanken darüber macht, warum wir dem ausweichen, warum wir das Thema Extremisten überlassen und warum es nicht gelungen ist, Verfassungspatriotismus so tief und emotional zu verankern, dass er als Identität angenommen wird.

Das würde bedeuten, Sie machen dazu einen Programmschwerpunkt und tragen das Thema in diverse Veranstaltungen, wo Sie als Kooperationspartner auftreten?

Raue: Deutschlandradio macht pro Jahr über dreihundert Veranstaltungen, kleine und große. Meine Idee ist, dass wir durch eine gemeinsame Planung zwei bis drei Schwerpunkte pro Jahr bilden, die wir im Programm aufnehmen und für die wir Kooperationspartner gewinnen, die das weitertragen. Ich kenne noch Zeiten, in denen kirchliche oder gewerkschaftliche Akademien eine zentrale Rolle spielten. Da ging es nicht nur um kirchliche oder gewerkschaftliche Themen, sondern auch um Friedensforschung, Geschichte und so weiter, das ist auch aus ökonomischen Gründen zurückgefahren worden und da ist ein Vakuum entstanden. Da könnte Deutschlandradio mit seinem Programm hilfreiche Dienste leisten als Gastgeber und Anreger.

Sie haben vor Ihrem Amtsantritt auch die Frage gestellt, ob die Programme von Deutschlandradio den Menschen wirklich wichtig sind. Haben Sie dazu schon Hörer-Befragungen in Auftrag gegeben?

Raue: Es gab eine Studie, die wird jetzt in den Redaktionen diskutiert. Bemerkenswert finde ich, dass die Angebote von Deutschlandradio, auch die des Newcomers Deutschlandfunk Nova, außerordentlich angesehen sind. Ich finde immer wieder überraschend, wie gut sich unsere Hörerinnen und Hörer im Programm auskennen und was sie besonders schätzen. Bei allen Studien stellt sich derzeit heraus, dass es für die Leitmedien - ob Print oder Öffentlich-Rechtliche - eine hohe Wertschätzung ihrer Zuverlässigkeit und Bedeutung gibt. Aber vor allem in der Generation der 30- bis 55-Jährigen gibt es ein paar unterdurchschnittliche Werte bei der Beurteilung einer Abhängigkeit von der Politik oder der kritischen Distanz. Viele sagen: Wir finden euch gut und wir möchten euch nicht missen, aber mehr, als uns lieb sein kann, haben den Eindruck: Ihr seid zu nah an der Macht und zu wenig kritisch. Das muss uns zu denken geben.

Wie kommt so ein Eindruck zustande?

Raue: Ich glaube, das nährt sich aus vielen Wurzeln. Viele Menschen sagen mir, sie schauen "Tagesschau" und "Heute", hören Deutschlandfunk und lesen die FAZ - und alle haben die gleichen Themen. Da sage ich, das ist Nachrichtenrelevanz: Wir diskutieren lange über die Themen und wir stellen die wichtigsten nach vorne. Auch gebildete Menschen sagen dann, das klingt wie verabredet, Euch ruft doch die Kanzlerin an und gibt die Themen vor. Damit kann man in Zeiten, in denen politische Diskussionen nicht so emotional geführt werden, vielleicht noch entspannt umgehen, aber in Zeiten, in denen sich ein aufgewühlter Mensch von Leitmedien umzingelt fühlt, die anderes wichtig finden als er, kommt er zu einer kritischen Haltung. Aber es gibt noch andere Gründe: Natürlich spielen der Staat und die Gerichte eine große Rolle in unserer Medienordnung. Das ist im Prinzip auch richtig, es hat auch seinen Sinn, dass die Medien bei uns Ländersache sind, aber für manche wirkt das zu nah. Und dann spielt auch eine Rolle, dass Journalisten bei ihren Kontakten mit Politikern den Eindruck erwecken, sie gehörten dazu, das geht bis hin zu Empfängen und Pressebällen. In Interviews wirken der Fragende und der Befragte dann manchmal trotz aller kritischen Befragung wie verbündet. Einige denken dann vielleicht, die streiten sich jetzt mal vor der Kamera, aber hinterher gehen sie zusammen ein Bier trinken.

Den Interviews in den "Informationen am Morgen" kann man wohl kaum eine unkritische Haltung vorwerfen. Die sind ja meistens sehr konfrontativ.

Raue: Man muss unterscheiden zwischen substanzieller Kritik, die unser Handwerk auf den Prüfstand stellt und einem Eindruck. Der Eindruck kann sich schon dadurch vermitteln, dass wir eine ähnliche Sprache sprechen. Die Interviews am Morgen sind häufig konfrontativ und sehr beharrlich, aber sie nehmen sich genug Zeit und sind daher fair für den Befragten und für den Zuhörer gut nachzuvollziehen. Wenn konfrontative Gespräche zu kurz sind, kann der Eindruck entstehen, da werde etwas verheimlicht.

Ist der Journalismus nicht zu selbstreferenziell und befördert damit genau diese Kritik?

Raue: Ein preisgekrönter Film hat die "Nervöse Republik" zum Thema gemacht und diese Nervosität macht ja vor niemandem Halt - genauso wie die Angst, etwas falsch zu machen. Die Diskussion über die unglücklichen Umstände der Berichterstattung über die Silvesternacht in Köln hat viele Facetten. Manche Beobachter wollten nicht wahrhaben, was da passiert ist, manche haben die Faktenlage als nicht ausreichend empfunden und wollten sich nicht von der Hysterie in den sozialen Netzwerken anstecken lassen. Im Endeffekt haben wir alle nicht adäquat berichtet in den ersten Stunden. Nach zwei, drei Tagen hatte sich das eingepegelt, aber das hatte auch damit zu tun, dass Menschen in den Redaktionen erst einmal auf gefestigte Fakten gewartet haben, von Polizei, Zeugen und so weiter. Da kommen wir nicht raus, das wird auch keiner für uns lösen. Der zentrale Punkt ist, wir müssten mehr auf die Reporter hören. Wir müssten mehr Reporter losschicken und ihnen sagen, da könnte ein Thema sein, schau mal, was Du zurückbringst.

Dass man die Themen also nicht am Grünen Tisch in der Redaktion plant und schon weiß, was für eine Geschichte am Ende dabei herauskommen soll?

Raue: Die berühmten Reporter wie Egon Erwin Kisch oder Joseph Roth zogen ohne Ahnung, was für eine Geschichte sie mitbringen, durch Berlin oder Wien. Das kann eine Legende sein, aber die Idee ist natürlich toll. Und ich würde mir wünschen, dass mehr Kolleginnen und Kollegen in die Redaktion kommen und sagen, da habe ich das oder jenes erlebt, dem müssen wir mal nachgehen.

Haben Sie solche Formate beim MDR angestoßen?

Raue: Im Regionalen ist das häufiger der Fall, weil die Reporter ja dort leben und für die Nachbarn senden. Natürlich ist unsere Agenda bei Deutschlandradio und anderen Leitmedien sehr stark bundespolitisch geprägt. Neulich beklagten die Inlandskorrespondenten bei einem Treffen, dass sie mit ihren Geschichten aus den Ländern nicht durchdringen, dass sie nur dann interessant seien, wenn sie Themen spiegeln, die in Berlin wichtig sind. Wir müssen also eine Diskussion anregen, wie wir die Möglichkeiten nutzen, die wir haben, um neue Trends und neue Themen stärker ins Programm zu bringen.

Sie fordern, die Sendungen von Deutschlandradio müssten nahbarer werden. Wie wollen Sie das erreichen?

Raue: Man muss sich dessen erst einmal bewusstwerden und sich beobachten: welche Sprache sprechen wir? Der Redakteur, der mit dem Moderator nach einer Sendung spricht, muss also auch das ansprechen. Wir müssen schauen, dass wir eine andere Hörer- oder Nutzerbindung hinbekommen als bisher. Da helfen die sozialen Netzwerke. Wir sehen, dass es bei Deutschlandfunk Nova in den jungen Formaten einen sehr lebendigen Dialog zwischen Nutzern und Machern gibt. Wenn man häufig mit seinem Publikum redet, schleift sich manche Künstlichkeit ab. Auch Öffentlichkeitsarbeit ist ja nicht nur PR in eigener Sache, sondern Kommunikation mit den Menschen.

Ist es die Nachrichtensprache, die Ihnen zu abstrakt ist?

Raue: Mit der Nachrichtensprache habe ich kein Problem. Die Nachrichtensprache ist sehr ausgefeilt und präzise, sie gehört zur Glaubwürdigkeit unseres Mediums, erst recht beim Hörfunk, wo man nicht die Möglichkeit hat, etwas direkt nachzulesen. Es gibt die Gefahr einer Fachsprache, etwa beim Feuilleton, bei der Wissenschaft oder beim Sport. Es gibt die Gefahr, Pirouetten zu drehen, das betrifft alle Medien, die sich an ein Publikum wenden, das gebildet ist und sich für Kultur und Information interessiert. So reden wir nicht mit unseren Kindern und nicht mit unseren Nachbarn.

Was macht Deutschlandradio mit Alexa?

Raue: Nachrichten, Presseschau und Sportmeldungen vom Deutschlandfunk kann man bereits unkompliziert über den Sprachassistenten von Amazon hören, ebenso die Livestreams aller drei Programme. Auch beim Google-Assistenten finden Sie unsere Inhalte. Natürlich ist diese neue Technologie nicht ohne: Was hört und spricht, kann auch etwas aufnehmen. Ich gehöre zu der Generation, die noch in den 80er Jahren gegen die Volksbefragung war, und lasse mich nicht so gerne abhören und registrieren und mag es nicht, wenn die eigenen Daten gesammelt werden. Doch man muss feststellen, dass sich da in den Generationen einiges getan hat. Die Menschen treten in Offenheit in Dialog mit Anonymen, das erstaunt mich manchmal. Im Medienmarkt muss man stark um Aufmerksamkeit kämpfen. Wir als Deutschlandradio müssen mit unseren drei Programmen sehr stark darauf achten, dass wir gefunden und überhaupt gesucht werden. Wir nutzen alle Möglichkeiten und deswegen lassen wir uns auch auf soziale Netzwerke ein und versuchen Menschen dort zu erreichen, damit wir in dieser Welt präsent sind. Das trifft auch für diese Technologie zu, aber wir sind auch nicht die Tempomacher in diesem Punkt.

Wie wird in zehn Jahren Radio gehört? Wird es noch Programme geben oder hören wir nur noch Podcasts über das Internet?

Raue: Vor einigen Jahren wurden ähnliche Fragen ans Fernsehen gestellt, als die Streaming-Dienste anfingen. Und wir stellen fest, dass mehr denn je ferngesehen wird, fast vier Stunden am Tag durchschnittlich. Die Hörfunknutzung hat im Linearen auch nicht abgenommen in den letzten Jahren. Daneben gibt es aber neue Angebote mit zeitsouveräner Nutzung, die sehr attraktiv sind und eine ganz bestimmte Klientel, vor allem Jüngere, erreichen. Meine Einschätzung ist, dass es das lineare Radio weiter geben wird. Es ist ein gelernter, vertrauenswürdiger Wegbegleiter durch den Tag. Es hat eine klare Taktung, es lässt den Menschen Zeit und Gelegenheit, eigene Gedanken zu entwickeln, während sie die Programme hören. Es hat eine ganz eigene Kraft. Die neuen Angebote haben mich aber durchaus verblüfft mit ihrem Vormarsch. Ich staune darüber, welche Dynamik die Podcasts haben. Die Verlage arbeiten auch an Podcasts, sagen aber in aller Offenheit, was ihr da hinbekommt mit euren jungen Leuten, das ist hohe Kunst, das sind gute Ideen, eine gute Ansprechhaltung, eine ganz eigene Art von Hörfunk. Es sind junge Teams bei diesen Produktionen, die uns sehr viel Freude machen und zu Recht Erfolg haben.

Aus epd medien Nr. 8 vom 23. Februar 2018