Tagebuch
Ein Meilenstein. Horizontales Erzählen in der "Löwengrube"
Frankfurt a.M. (epd). Von "horizontalem Erzählen" war noch keine Rede, als am 14. November 1989 im Ersten Programm die erste Folge der Serie "Löwengrube" gesendet wurde. Auch 1997, als die ARD die Serie wiederholte, waren amerikanische Erfolgsserien noch nicht zum Vorbild geworden. Und der Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" lag in weiter Ferne. Aber was Willy Purucker (Buch) und Rainer Wolffhardt (Regie) schon damals geleistet haben, war eine über 32 Folgen gespannte, horizontal erzählte bayerische Familiensaga über die Generation unserer (Groß)-Mütter und (Groß)-Väter zwischen den Jahren 1897 bis 1954.

Purucker und Wolffhardt hätten die Serie, die sich um die Münchner Familie Grandauer dreht, gern bis in die 70er Jahre ausgedehnt. Aber es blieb ihnen verwehrt. Vermutlich, weil befürchtet wurde, mit der eher altmodisch langsamen, unspektakulären Dramaturgie ließen sich keine sensationellen Quoten gewinnen. Die mehrfach preisgekrönte "Löwengrube" gilt allerdings längst als "Kultserie".

Erfreulich immerhin, dass der Bayerische Rundfunk im Sommerloch die "Löwengrube" zurzeit nicht nur wiederholt, sondern die Folgen auch in der Mediathek zur Verfügung stellt. So kann man sich, nostalgisch gestimmt, einer modernen Gewohnheit hingeben, von der sich Purucker und Wolffhardt noch nichts hätten träumen lassen: dem Binge-Watching. Und es ist immer noch zum Staunen, mit welch liebevoller Sorgfalt und Stimmigkeit - bis in die durchgesessenen Sofas - das kleinbürgerliche Milieu in dieser Serie ausgestaltet ist, in deren familiären Geschicken sich die politischen, historischen und sozialen Verhältnisse spiegeln.

Zum Staunen ist auch die Zeit, die sich die Inszenierung nimmt, um die Beziehungen der Grandauers zueinander, zu Nachbarn, Verwandten, Kollegen und Eingeheirateten zu entwickeln. Fein austariert die Ambivalenz, die den Charakteren gestattet wird: Obwohl fast jede der Figuren für eine Haltung steht, ob positiv, ob negativ - niemand in dieser Serie wird denunziert, keiner hat Thesen oder belehrende Dialoge abzusondern. Alles bleibt auf einem kunstvoll gestalteten Niveau der Alltagssprache, oft mit trockenem Humor gewürzt.

Traurig stimmt allerdings das Wiedersehen mit Schauspielern, die - wie Willy Purucker und Rainer Wolffhardt - nicht mehr am Leben sind: Jörg Hube als Karl Grandauer, der Kriminalkommissar in der damaligen Polizeiinspektion mit der Adresse "Löwengrube 1", von der die Serie ihren doppeldeutigen Namen hat. Mit ihm und seinen Fällen wurde das Element des Krimis in die Serie integriert. Auch Erich Hallhuber, der "Metzger-Willi", lebt nicht mehr. Sandra White, die Frau des Bäckers Max Kreitmeier, starb während der Dreharbeiten zur zweiten Staffel. Ihr Tod wurde in die Handlung integriert: Der Witwer heiratete in zweiter Ehe Katharina, gespielt von Mona Freiberg. Gestorben ist auch Franziska Stömmer, Karl Grandauers geistig einfach gestrickte Mutter, die sich unvergesslich machte mit ihrem urkomischen Ausruf "Allmächtiger!", den sie bei jedem Anlass ausstieß, der über ihr Begriffsvermögen ging.

Nostalgisch stimmt das Wiedersehen mit der jungen Christine Neubauer als Traudl Grandauer. Denn damals war sie noch nicht die "Vollweib"-Darstellerin, die auf Schmonzetten-Hochzeiten tanzt, sondern eine vielversprechende, mehrdeutige Ausdrucksfähigkeit beherrschende Schauspielerin. Gerd Anthoff dagegen ist seiner Chef-Rolle treu geblieben: damals Karl Grandauers Chef Friedrich Deinlein, heute Senta Bergers Chef-Intrigant Claus Reiter in "Unter Verdacht". In der Zwischenzeit ist in Fernsehfilmästhetik und Seriendramaturgie viel passiert. Aber als horizontal erzählte Serie ist "Löwengrube" ein - wenn auch etwas altertümlicher - Meilenstein.
Aus epd medien Nr. 27 vom 6. Juli 2018

Sybille Simon-Zülch