Kritik
Ein einziger Krampf
"Live nach neun", wochentägliche Servicesendung (ARD/WDR, Montag bis Freitag 9.05-9.55 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Raus ins Leben, oder doch besser ab ins Studio, das aussieht wie ein mit schmalem Budget ausgestattetes Wohnungsambiente mit Billig-Textilien vom Grabbeltisch bei Poco? Beim federführend produzierenden WDR fürchtete man zur Auftaktsendung der neuen werktäglichen Mitmach-Service-Wetter-Hobby-Moderatorenfrotzel-Nahdranamleben-Show mit WhatsApp-Anschluss, "Live nach neun", wohl die Verwirrung der Zuschauer - und entschloss sich kurzerhand, für noch mehr Verwirrung zu sorgen. Moderatorin Isabell Varell bekam zum Start von ihrem Sidekick Tim Schreder rote Rosen überreicht und verkündete strahlend, dass das ja toll passe in diese tolle neue Sendung mit tollen Zuschauern, weil sie ja auch ein Jahr lang eine Hauptrolle bei dem Telenovela-Dauerläufer "Rote Rosen" gespielt habe, und nun weiter in einer anderen Daily Soap mitspiele - was gar nichts zur Sache tat.

Fünf Minuten nach neun Uhr morgens im Ersten, das war bislang der Sendeplatz für die Wiederholung der Endlos-Telenovela "Rote Rosen" (zurzeit ungefähr bei Folge 2.600, Wiederholungen laufen in den Dritten Programmen). Nun aber ist "Rote Rosen" passé, das wahre Leben, live und auch digital, hebt nun den Soap-Morgen im Ersten auf eine ganz andere Ebene des Mitmachens beim Einseifen. Oder so ähnlich.

Glauben konnte das freilich nur, wer noch nie zur selben Zeit ZDF geschaut hat, wo die frappierend ähnliche, aber mit ansehnlicherer Studiodeko ausgestattete Servicesendung "Volle Kanne" schon seit ewigen Zeiten läuft. Wer solch einen Einstieg für gelungen hält, könnte auch einen plötzlichen Windzug im Studio für eine prima Überleitung halten - sofern im Anschluss "Sturm der Liebe" gesendet wird. Allen anderen mögen in den 50 Sendungsminuten zur Premiere am 14. Mai die Haare auch ohne Böen zu Berge gestanden haben. Und das hat sich seither nicht gelegt.

Um von den Themen zunächst zu schweigen und mit der Interaktivität anzufangen: Was soll man von einer Live-Sendung halten, in der die beiden Moderatoren - neben Isabell Varell und Tim Schreder Birgit Lechtermann und Marc Weide, später im Sommer auch noch Alina Stiegler und Heinrich Schafmeister, über die man jetzt also noch nichts sagen kann - einander ständig und aus Prinzip ins Wort fallen? In der so lange gnadenlos dialogisiert wird, bis aus einer schlechten Überleitung eine geworden ist, bei der man nur noch "autsch" sagen kann? Bei der die Interaktion mit Zuschauern mit Zugang zu sozialen Medien alle fünf Minuten regelrecht erbettelt wird - bis nach einiger Zeit drei glücklicherweise eingegangene WhatsApp-Botschaften eingeblendet werden, die beispielsweise nach dem Wetter auf Lanzarote und am Sonntag in Bremerhaven fragen? Moment, wer ein Smartphone hat, der hat doch eine Wetter-App vorinstalliert. Wäre es da nicht einfacher …? Egal!

So egal wie die auf gänzlich interesselähmende Weise behandelten Themen der Sendungen. Ein 83-jähriger Turmspringer zeigt seine Medaillen und kichert darüber, dass die Konkurrenz verstorben ist. Bei der Schalte zum WM-Quartier hoppelt ein Hase erst auf den Deutschland-, dann auf den Mexiko-Blumenschmuck zu. Die Reporterin ist verwirrt - wer wird denn nun siegen? Bei der Eröffnung des Michael-Schumacher-Museums erklärt seine Managerin eine gefühlte Ewigkeit lang, warum man sich mit dem "Hintern" besser nicht in einen Formel-1-Ferrari setzt: man könnte feststecken. Echt jetzt?

In der Promi-Rubrik "Spot an" werden Meghan Markle und die Queen "Mädels" genannt. Bei den WM-Tipps werden Edamame-Bohnen statt Chips zum Knabbern empfohlen. Nur eine von vielen Pannen: Das Zeug ist roh und damit ungenießbar. Das begeisterte Probieren lassen Varell und Schreder schnell wieder sein.

Pausenlos palavern die Moderatoren über die Herausforderungen ihrer Aufgabe. Wie schwierig es ist, beim Ansagen zu essen. Wie aufgeregt man sei und wie schön, dass es jetzt diese Sendung gibt. Besonders Birgit Lechtermann und Marc Weide gehen fast im Redeschwall unter, nebenbei heben sie das Flirtspiel zwischen älterer Frau und jungem Mann ("Generation Pop trifft Digital Natives") auf ein ungekanntes Peinlichkeitsniveau. "Tolles Arbeitsklima hier." In punkto Selbstlob kann ihnen keiner was vormachen.

Über Selbstlob geht nur Zuschauerlob. Das Publikum soll es bitte an livenachneun@daserste.de senden: "Das wollen wir unbedingt!" Offensichtlich ist auch Mitte Juni das Format noch nicht so recht warmgelaufen. Deswegen muss nach "Wandern ist schön" der Unterschied zwischen "Recyceln" und "Upcyceln" ("ein spannendes Thema") mit tausend Worten erklärt werden. Die Beispielfotos stammen von Instagram. Richtet sich "Live nach neun" nicht an Besitzer von Smartphones, mithin an Zeitgenossen mit Internetkenntnis? Irgendwas scheint hier nicht zu Ende gedacht.

In der Rubrik "Raus ins Leben" geht der Außenreporter auf ein Seenotrettungsschiff und konstatiert: "Viel los bei dir", als er sich allein mit Retter Ernst Jürgens gemütlich in der Kajüte trifft. Und was macht er so? "Eben retten." Außerdem ist zu erfahren, dass man beim Interrailen das Weißbrot eher meiden soll. Die Verdauung, nicht? Vielleicht würden ein paar von Isabell Varells Edamame-Bohnen aus der Sendung vom Mai helfen, die stehen sicher noch herum, wie all das andere abgestandene Zeug, das hier vorgibt, modisch und zielgruppenverjüngend frisch zu sein.

"Live nach neun" ist ein einziger Krampf. Eine Mischung aus "Apothekenumschau" (Entschuldigung, "Apothekenumschau"), "Volle Kanne", "Stiftung Warentest", "Rote Rosen"-Rührseligkeit, Internet-Bildfunden, E-Mails und völlig grundloser Selbstbegeisterung. Diese Sendung sollte wirklich schnellstens in die ewigen Zuschauer-Jagdgründe verschwinden.
Aus epd medien Nr. 27 vom 6. Juli 2018

Heike Hupertz