Debatte
Gunther Witte
© epd-bild / Juergen Blume
Ein Beweger
Ein Nachruf auf Gunther Witte
Frankfurt a.M. (epd). Am Abend des 22. März 1979 wurde in Marl zum 19. Mal der Adolf Grimme-Preis verliehen. Es war die erste Verleihung, an der Gunther Witte in seiner Eigenschaft als der neue Fernsehspielchef des WDR teilgenommen hat. Die Besondere Ehrung teilten sich damals Franz Alt, Günther Jauch und Friedrich Wilhelm Hymmen. Wir waren uns an diesem Tag im Zug von Köln nach Recklinghausen zum ersten Mal begegnet. Mich hat sein jugendliches Aussehen erstaunt. Seine zurückhaltende Art war auffällig. Wenn er sprach, dann leise, wenn er lachte, dann vorsichtig; und irgendwie fragend. Ich dachte bei mir: und das soll der Erbe von Günther Rohrbach sein? Der Beweger in einer Branche, in der damals eher die hemdsärmeligen Mannsbilder den Ton angaben?

Doch wie man sich, prima vista, täuschen kann! Fast auf den Tag genau 22 Jahre später ging die Besondere Ehrung beim Grimme-Preis an eben diesen noch immer eher schüchtern wirkenden, ein wenig verlegen in das helle Licht blinzelnden Gunther Witte, der 2002 schon drei Jahre im Ruhestand lebte.

Witte wurde geehrt für das, was man "Lebenswerk" zu nennen pflegt. Dieses "Werk", ein Leben für und mit den fiktionalen Programmen im Fernsehen, hatte für Witte freilich schon lange vor 1979 angefangen. 1963 kam der "gelernte" Dramaturg aus dem damaligen Karl-Marx-Stadt über die Bavaria zum WDR. Das war in den Jahren, in denen die Autoren ihre Zurückhaltung gegenüber dem Massenmedium Fernsehen aufgegeben hatten und Drehbücher für das Fernsehspiel schrieben; die Jahre, in denen auch die Regisseure des Jungen Deutschen Films sich dem Fernsehen nicht mehr verweigert haben; die Zeit, in der der ARD mit dem ZDF auf alle Feldern des Programms ein veritabler Konkurrent erwachsen ist, nicht zuletzt beim Fernsehspiel, seit 1962 mit Gerhard Prager als Spielchef. Ein Jahr vorher, 1961, hatte Hans-Peter Lange Günter Rohrbach zum WDR geholt. Der baute in Köln das Fernsehspiel auf, zusammen mit Hartwig Schmidt, mit Joachim von Mengershausen, Peter Märthesheimer, Volker Canaris, Wolf-Dieter Brücker, Martin Wiebel. Zusammen mit Gunther Witte, der 1963 dazu kam.

 

Qualität und Quote

Aus diesen ersten Jahren des jungen Redakteurs und Dramaturgen ist es seine Erfindung des Formats "Tatort", an die heute (wenn auch ein wenig penetrant) allenthalben erinnert wird. Doch immerhin: Der "Tatort" wird für die Frage, wie man nicht nur das ZDF in die Schranken weisen, sondern vor allem, wie man Qualität und Quote, intelligente Geschichten und kühne Inszenierungen zusammenbringen konnte - und kann! -, zu einem Referenzmodell bis zum heutigen Tag. Und es ist diese Frage, die Witte - von zwei Seiten unter Druck gesetzt, von den "Künstlern" ebenso wie von denen, die auf die Zuschauer geblickt haben - weiter geduldig gestellt hat. Nicht nur, wenn es um den Krimi ging.

Die Verbindung dieser sich im Urteil vieler ausschließenden Zielvorstellungen wird eines der Merkmale der WDR-Fernsehspiele, die Witte produziert, und um die er sich - lang lebt die "Lindenstraße!" - als Fernsehspielchef jederzeit bemüht hat. Dieser Feststellung nimmt auch der Hinweis nichts, dass das Konzept des so populären wie künstlerisch interessanten, überraschenden Fernsehspiels natürlich auch in andern Häusern wirksam vertreten wurde. Dafür stehen Namen wie Ungureit, Schulze-Rohr, Müller-Freienfels, Janke.

Dass Witte in dieser Hinsicht so hartnäckig wie wegweisend war, verwundert im Rückblick umso mehr, als er sich damit in einer Branche durchsetzen musste, die man, vorsichtig formuliert, als ruppig bezeichnen kann, einer Branche, in der, um es noch einmal vorsichtig zu sagen, der Hang zur Seilschaft und allerlei Netzwerkerei eine besondere Heimstatt hatte. Man hatte, wenn man mit Witte gearbeitet hat, nie den Eindruck, dass er sich darum besonders viel gekümmert hat, geschweige denn dafür anfällig gewesen wäre. Er hatte ein scharfes Urteil in der Frage, was ein gutes Programm werden würde. Und er konnte dieses Urteil so formulieren, dass auch Zurückweisungen von Ideen nicht als kränkend empfunden wurde. Und schon gar nicht als das Resultat einer negativen Begünstigung.

Äußeren Einflüssen gegenüber legte er eine stoisch-sture Haltung an den Tag, mit der er (vermutlich) manche Menschen zur Verzweiflung gebracht hat. Das galt auch für den Umgang mit den "Künstlern", den Autoren und Regisseuren. Ein Autor wie Wolfgang Menge, dem nur wenige und dann auch nur wenig sagen konnten, hat sich nach einem Gespräch mit Witte ohne Widerworte in sein Schicksal ergeben und eine Szene neu geschrieben. Er hat nicht ein böses Wort auf ihn kommen lassen.

Man konnte Witte freilich auch überzeugen. Als wir zusammen an fünf Abenden die neun Beethoven-Sinfonien angehört haben, gespielt von den Berliner Philharmonikern und dirigiert von Simon Rattle, sagte er nach dem ersten Abend mit dem Brustton der Überzeugung: "Das wird nichts! Das kann er nicht!" Aber nach dem letzten Abend sagte er dann eben auch: "Keiner kann es besser!"

Überhaupt: die Musik! Witte hat die Oper vor allem geliebt. Hätte Günther Rohrbach Witte nicht zum WDR geholt, dann wäre er wahrscheinlich Opernregisseur geworden. Ein Glück für das deutsche Fernsehen, dass es anders gekommen ist!

epd medien, 24. August 2018

Norbert Schneider