Kritik
Durch die Wände
VOR-SICHT: "Magische Momente: Pauls Weihnachtswunsch", Fernsehfilm, Regie: Vivian Naefe, Buch: Silke Zertz, Kamera: Peter Döttling, Produktion: Neue Schönhauser Filmproduktion (ZDF, 23.12.18, 15.30-17.00 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Niemand hat Paul (Jeremy Miliker) gefragt, ob er ausziehen will. Oder sein Leben nach neun Jahren Geborgenheit im großzügigen Traumhaus, mit pelzigen Haustieren und beiden Eltern, gegen eine Berliner Kiez-Altbauwohnung mit Rumpelkammeranmutung und biestiger "Bonus-Schwester" eintauschen. Und vor allem nicht, ob er einen "neuen Papa" möchte, einen Mann mit krasser Tierhaarallergie, weswegen nur noch Goldfische als Kummergenossen in Betracht kommen. Sein echter Papa, Matz Wohlgemut (Matthias Koeberlin), mag zwar mehr mit seiner Arbeit als Orthopäde verheiratet sein als mit Mama Maya (Petra Schmidt-Schaller), die vor kurzem ihre Berufung als holzbildhauende Künstlerin entdeckt hat, aber dem Sohn hat er immer Zeit gewidmet. Jetzt aber will Papa Matz auch noch über Weihnachten nach Sri Lanka fliegen. Zu allem Überfluss ist Mama Maya hochschwanger vom "neuen Papa" Julius (Axel Stein), einem Bademeister mit Unterwasserpassion. Aber Paul fragt niemand, obwohl alle ständig um sein Wohl besorgt sind und helikoptermäßig um ihn herumscharwenzeln.

So paradox sind sie, die Erwachsenen. Voll mit Weisheitssprüchen ("das Neue muss nicht schlecht sein, es ist bloß neu") und arm an Konsequenz. Auf dem neuen Balkon teilt Paul Gesellschaft und Ohnmachtsgefühle mit einem menschengroßen Engel, einer Holzskulptur von Maya. Der Engel hat einen lädierten Flügel, eben moderne Symbolkunst. Er leuchtet von innen, als das Kind immer verzweifelter wird. Pure Magie, so scheint es. Aus Paul ist plötzlich ein Superheld mit Superkräften geworden.

Ab jetzt kann Paul durch Wände gehen. Seine neuen Fähigkeiten nutzt er für grenzwertigen Pumuckl-Schabernack. Seiner Patchworkschwester Lilly (Nele Trebs) schüttet er Chilipulver in die Mascara. Weihnachtsgeschenke klaut er ungehemmt aus dem verschlossenen Abstellraum. Die goldene Kette mit "endless love"-Aufschrift von Julius für Mama deponiert er strategisch bei dessen dauerbesoffener Ex-Frau (Anna Julia Kapfelsberger). Der Späti-Verkäufer (Jerry Hoffmann) kommt Paul gleich auf die Spur, weil er eine Großmutter mit übersinnlicher Begabung hat, und warnt, Magie dürfe nur zum Guten verwendet werden. Doch Paul geht weiter durch die Wände, jedes Mal aufs Neue erstaunt und begeistert. Das Erstaunen steht ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Immer wieder. Und wieder. Und wieder. Bis am Ende ein Christkind geboren wird und sich jeglicher Zwist in harmonischem Verständnis für die Probleme der anderen auflöst. Zack, Pauls Gabe ist weg. Die Liebe aber währet immerdar.

Noch nach einer Stunde weiß man in "Magische Momente: Pauls Weihnachtswunsch" nicht recht, worauf die übersinnliche Kitschattacke auf den Zauber der Weihnacht hinauswill. Die Schauspieler, besonders der Darsteller des kleinen Paul, wirken wie von der Regie im Stich gelassen. Von diesem kleinen Superhelden geht kaum glaubwürdige Magie aus. Schmidt-Schaller, Koeberlin und Stein dagegen spielen ihr Beziehungsdreiecksdrama ernsthaft durch wie in einem Mittwochsfilm der ARD. Für Kinderzuschauer eignet sich das als Patchworkgelinggeschichte nur bedingt. Nele Trebs als pubertierende Neu-Schwester ist ein Lichtblick, muss aber gegen Ende drehbuchgemäß so viel weinen, dass man in ihr eher die Exemplifizierung von dramaturgischer Klimax und Antiklimax zu sehen meint als einen leidenden Teenager, der sich zudem am Schluss noch urplötzlich gelassen-heiter und verantwortungsvoll gibt.

Das Drehbuch von Silke Zertz hat zwar eine weihnachtlich rührende Grundidee, verspielt auf der Strecke aber den Charme seiner Geschichte komplett. Wollte man nun Gefühlsnostalgie in modern darstellen? Oder ein Beziehungsdrama mit Glöckchengeklingel zeigen? Oder eine Reminiszenz an Kinderfilme, in denen freche Früchtchen den Erwachsenen die Flausen austreiben, verwirklichen? "Magische Momente: Pauls Weihnachtswunsch" ist wie Kinderpunsch ohne Zucker - zum sauren Aufstoßen.

Aus epd medien Nr. 51/52 vom 21. Dezember 2018

Heike Hupertz