Kritik
Die Leichtigkeit des Seins
VOR-SICHT: "Rabbi Wolff", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Britta Wauer, Kamera: Kaspar Köpke, Produktion: Britzka Film (ARD/RBB/Arte, 25.7.18, 22.45-0.15 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Dieser Mann lächelt. Und zwar recht häufig. Es ist kein aufdringliches oder überhebliches Grinsen. William Wolff lächelt von innen heraus. Der Mann, der sich am Telefon mit "Landesrabbiner Schwerin" meldet, strahlt eine ansteckende Lebensfreude aus. Und zwar in fast jedem Moment seines Wirkens. Egal, ob er aus der Tora liest, Kinder über eine Brücke rennen sieht oder beim Pferderennen im pikfeinen englischen Ascot 50 Pfund wettet, deren Verlust er einkalkuliert: Der große kleine Mann scheint stets die Leichtigkeit des Seins im Blick zu haben.

Diese vitale Lebensfreude, die Britta Wauer in ihrem Porträt über William Wolff einfängt, wirkt ansteckend. In ihrem vorangegangenen Projekt über einen jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee hatte der charismatische Jude nur einen kleinen Auftritt. Nun hat die Regisseurin ihm einen ganzen Film gewidmet. Wie beim Entblättern der Häute einer Zwiebel eröffnet die beschwingte Langzeitbeobachtung immer neue Aspekte der ereignisreichen Lebensgeschichte dieses bemerkenswerten Mannes, der 1927 geboren wurde und zur Drehzeit im Jahr 2016 immerhin schon 89 Jahre alt war.

Auf der ersten Station dieser filmischen Reise durch ein langes Leben wird Rabbi Wolffs Arbeit in der jüdischen Gemeinde Schwerin gezeigt. 99 Prozent der Gläubigen sind hier russische Juden. In der früheren Sowjetunion durften sie ihren Glauben nicht praktizieren. Deutsch beherrschen nur wenige von ihnen. Für den Rabbi, der Englisch, Deutsch, Hebräisch und Holländisch spricht, ist das Grund genug, im hohen Alter auch noch Russisch zu lernen. Im nächsten Schritt zeigt der Film, wie der in Berlin geborene Rabbi permanent zwischen Deutschland und seiner englischen Wahlheimat pendelt. Auf eine liebenswürdige Weise wird man hineingezogen in die Welt dieses Eigenbrötlers, dessen kleines Haus in der Nähe von London mit wild wuchernden Zeitungs- und Bücherstapeln ein wenig wie die Höhle eines Messies erscheint.

Diesen unkonventionellen Lebensstil fängt der Film mit überraschenden Schnitten ein. So ist beispielsweise blitzlichtartig zu sehen, wie der Rabbi mit einem Mikrofon kämpft. Dann sehen wir, wie er vor der Kamera einer Fotografin ins Schofar bläst, das Widderhorn, das an die alttestamentarische Opferung eines Tieres anstelle von Abrahams Sohn erinnert. Der vom Schofar hervorgebrachte Ton gilt in einigen Interpretationen als Stimme Gottes. Der Rabbiner erscheint in diesem Moment aber eher wie ein kleines Kind, das in eine Plastiktrompete pustet. In solchen slapstickartigen Szenen hat Wolff Ähnlichkeit mit Louis de Funès und dessen komödiantischer Darstellung des Rabbi Jacob im gleichnamigen Kinofilm. Durch diese Brechungen hindurch vermittelt sich aber stets eine Spiritualität, die in der sukzessive entfalteten Geschichte dieses Mannes verwurzelt ist.

Im Zuge einer spannenden erzählerische Bewegung ist zu erfahren, dass nahe Verwandte des Rabbiners in Israel leben, wo sie einen streng orthodoxen Glauben praktizieren. Das liberale Judentum, das Wolff dagegen lebt, resultiert aus der ungewöhnlichen Biografie dieses Mannes, die der Film erst allmählich enthüllt. So musste er 1933 als Fünfjähriger mit seinen Eltern vor den Nazis zunächst nach Holland, dann nach England fliehen, wo er ab seinem zwölften Lebensjahr wohnte. Beiläufig wird erwähnt, dass der heutige Rabbiner vor seinem 50. Geburtstag bereits auf eine Karriere als international angesehener Politikjournalist zurückblickte. Mit einer Szene aus dem "Internationalen Frühschoppen", die Wolff Anfang der 70er Jahre an der Seite Werner Höfers zeigt, rekonstruiert der Dokumentarfilm nebenbei ein Stück Medienhistorie.

Mit "Rabbi Wolff" gelingt Britta Wauer ein bemerkenswerter Spagat zwischen einer Homestory, die den Gentleman-Rabbiner zuweilen als Entertainer erscheinen lässt, und dem Porträt eines besonnenen Geistlichen, der sich bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht dafür bedankt, dass Juden sich in Deutschland wieder sicherer fühlen können. Eingeflochten in die zuweilen recht humorvoll dargestellte Lebensgeschichte sind mehrere ausführliche Erzählungen von Zeitzeugen, darunter der ehemalige britische Außenminister Lord David Owen. Diese aufschlussreichen Passagen spiegeln Wolffs polyglotte und kosmopolitische Lebensweise wider.

Wenn der Rabbi, der sich im digitalen Zeitalter beharrlich dem Handy verweigert, schließlich in den Ruhestand geschickt wird, so erhalten die Betrachtungen am Ende noch eine melancholische Tönung. Trotz seines biblischen Alters empfindet Wolff seine Abdankung als vorzeitig, denn er ist dank Yoga und Gehirnjogging fit wie ein Turnschuh. "Rabbi Wolff" ist ein Film über einen Mann, der in keine Schublade passt. Hätte die Regisseurin ihre Musikuntermalung, die eine beschwingte Stimmung forcieren soll, etwas zurückgefahren, so wäre ihr ein noch größerer Wurf gelungen.

Aus epd medien Nr. 29 vom 20. Juli 2018

Manfred Riepe