Kritik
Die Insel auf der Insel
VOR-SICHT: "Kruso", Fernsehfilm, Regie: Thomas Stuber, Buch: Thomas Kirchner, Thomas Stuber nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler, Kamera: Nikolai von Graevenitz, Produktion: Ufa Fiction (ARD/MDR/Degeto, 26.9.18. 20.15-21.55 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Edgar Bendler will weg. Das wollen viele in der DDR im Sommer 1989. Bei Ed ist jedoch der Unfalltod seiner Freundin, der vielleicht ein Selbstmord war, der Grund für die Flucht. Er hat sie geplant vom nördlichsten Punkt der DDR, der Insel Hiddensee. Der Ausflugsdampfer fährt ohne ihn zurück, und er lernt das Personal der Gaststätte "Klausner" kennen, das von sich selbst sagt: "Wir sind hier oben die Insel auf der Insel." Es sind Aussteiger und Außenseiter, die hier ein Stück Freiheit leben, angeführt und inspiriert von einem, der seinen russischen Namen Alexander Krusowitsch (sein Vater ist Stabschef bei der Roten Armee, stationiert in Deutschland) verkürzt hat zu Kruso - ein Name, in dem natürlich auch Daniel Defoes "Robinson Crusoe" mitschwingt.

Krusos Charisma schlägt auch Ed in seinen Bann. "Kruso" erzählt von einer Männerfreundschaft zwischen dem 24-jährigen Ed und dem etwas älteren Kruso, zwischen Schüler und Meister. Der Dichter Trakl bringt sie zusammen, als Kruso dessen Gedicht "Sonja" rezitiert und Ed das fortsetzt. Später erfahren wir, dass Sonja auch der Name von Krusos verstorbener Schwester war, deren Erinnerung für ihn ebenso wichtig ist wie für Ed die an seine tote Freundin.

Um diese beiden Hauptfiguren gruppiert sich das Ensemble der Mitarbeiter im "Klausner", im Kontrast zwischen dem mit souveräner Gelassenheit agierenden Chef und seinen eher hitzköpfigen männlichen Mitarbeitern. Der Film erzählt anhand seiner Figuren von der Auflösung eines Staates, dem letzten Sommer der DDR mit der massenhaften Flucht über Ungarn und der Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Davon künden hier fortwährend die Radionachrichten des Deutschlandfunks.

Mit "Kruso" setzt der produzierende MDR seine Bemühungen um die Aufarbeitung ostdeutscher beziehungsweise deutsch-deutscher Geschichte fort, für die schon Fernsehproduktionen wie "Bornholmer Straße", "Weissensee" oder "Der Turm" standen. Wie "Der Turm" basiert auch "Kruso" auf einer hochgelobten literarischen Vorlage, dem 2014 erschienenen gleichnamigen Debütroman von Lutz Seiler. Die Vorlage wurde für das Fernsehen adaptiert von Thomas Kirchner, der dies bereits für Uwe Tellkamps "Der Turm" gemacht hat. Drehbuchbearbeitung und Regie lagen in den Händen von Thomas Stuber, der in den letzten Jahren mit herausragenden Filmen von sich reden machte.

Stuber wurde 1981 in Leipzig geboren und schloss sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg 2008 mit "Teenage Angst" ab. Mit "Herbert" legte er 2015 ein starkes Kinodebüt vor, sein zweiter Kinofilm "In den Gängen" schaffte es im Februar dieses Jahres in den Berlinale-Wettbewerb und anschließend in die Kinos. Wie dort überzeugt er auch hier durch eine präzise Darstellung der Arbeitswelt und der Gemeinschaft der dort Arbeitenden, in deren Zusammenhalt ein utopisches Element enthalten ist, das allerdings am Ende den von außen kommenden Belastungen beziehungsweise dem individuellen Druck, der auf Einzelnen aufgrund ihrer persönlichen Geschichte lastet, nicht standzuhalten vermag.

"Kruso" erzählt von einer selbst geschaffenen Nische innerhalb der autoritären Ordnung der DDR, einer Nische, die älter war als der Staat, denn Hiddensee galt schon Anfang des Jahrhunderts als Paradies für Künstler und Aussteiger. Das Ende des Staates hat diese Nische allerdings nicht überlebt. Der Film zeigt, wie sich das Personal des "Klausner" nach den Mühen des Tages mit seinen unzähligen Tagesausflüglern allabendlich um die "Schiffbrüchigen" kümmert, die tagsüber den Strand bevölkern, sie mit heißer Suppe (gekocht aus den Resten, die die Restaurantgäste zurückließen) und geistiger Nahrung in Form von abgegriffenen Taschenbüchern versorgt.

Manche von ihnen suchen hier nur einen zeitlichen begrenzten Rückzugsort, andere planen von hier die Flucht durch die Ostsee, auch wenn sich längst herumgesprochen haben müsste, dass die selten gelingt. Die Menschen vor diesem Fehler zu bewahren, ist die selbst gesetzte Mission von Kruso. Er hat dafür ein Dreitagesprogramm entwickelt, das die nächtliche Unterbringung als Schutz vor den überall präsenten Grenztruppen ebenso einschließt wie die Wahl eines Sexualpartners durch die "Klausner"-Mannschaft. "Wir geben ihnen drei Tage. Dann schicken wir sie zurück: gereinigt und befreit", erklärt er Ed. Am Ende wird diese Mission von der rasant anwachsenden Fluchtwelle mitgerissen, statt Hiddensee heißt das Ziel der Ausreisewilligen jetzt Ungarn. Auch die "Klausner"-Mannschaft reduziert sich rapide, zurück bleibt Kruso, der dabei ist, dem Wahnsinn zu verfallen. Den kann auch sein letzter Getreuer Ed nicht aufhalten.

Wer die Romanvorlage von Lutz Seiler schätzt, der im Sommer 1989 selbst im "Klausner" gearbeitet hat, wird die langen, atmosphärisch dichten Beschreibungen der Stimmung an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit vermissen, die häufigen surrealen Momente - etwa die kontinuierlichen Dialoge Eds mit einem Fuchs. Das war nicht zu vermeiden, wenn 483 Buchseiten auf 100 Minuten Film heruntergebrochen werden. Aber der Film fängt in seinen Verknappungen vieles vom Geist der Vorlage ein. Und die kann man ja im Anschluss lesen.

Aus epd medien Nr. 38 vom 21. September 2018

Frank Arnold