Tagebuch
Die große Verunsicherung. Eine Tagung zur Pressefreiheit in Homburg
Frankfurt a.M. (epd). Die sogenannte Innere Pressefreiheit war in den 70er und 80er Jahren ein heiß diskutiertes Thema. Es ging damals um die Unabhängigkeit der Journalisten von den Weisungen des Verlegers, der das Recht hat, die politische Meinung seiner Zeitung festzulegen. Die Pressefreiheit sollte mehr sein als "die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten", wie es einer der Gründungsherausgeber der FAZ, Paul Sethe, einmal beschrieb. In einigen Zeitungen wurden damals Redaktionsstatute erkämpft, die den Redaktionen mal mehr, mal weniger Rechte gegenüber den Verlegern einräumten. Ziel der Redaktionsstatute war auch explizit, die Qualität der Publikation zu steigern.

In den aktuellen Diskussionen um Pressefreiheit wird zwar auch das Thema der Bedrohung der journalistischen Qualität durch Stellenabbau und Sparbemühungen in den Redaktionen immer wieder angesprochen, doch das Stichwort "Innere Pressefreiheit" fällt selten. Dabei wäre es Zeit, sich mal wieder anzusehen, wie es um die Freiheit der Journalisten tatsächlich bestellt ist. Folgt man Silke Burmester, die am 3. Mai bei der Tagung "Demokratie und Medien - Journalismus in der digitalen Welt" in Homburg über die Bedeutung von Qualitätsjournalismus für eine freie Gesellschaft sprach, so braucht der Journalismus mehr denn je mutige Journalistinnen und Journalisten, "die gut bei Kräften sind und das richtige Werkzeug haben". Beim Blick in die Redaktionen stellte Burmester fest, dass die journalistische Arbeit entwertet wird: "Verträge werden vielerorts nur noch für ein Jahr abgeschlossen, statt Einzelbüros gibt es Großraumherbergen, in manchen Redaktionen wurde sogar der verbindliche Arbeitsplatz abgeschafft." Die Journalisten seien geschwächt "durch Verlage und Medienhäuser und auch durch diese eigenartige, sich auf einmal entladende Wut unserer Mitmenschen auf unseren Berufsstand". Den Hass, der Journalisten vielfach entgegenschlägt, sprach auch die Vorsitzende des Saarländischen Journalistenverbands, Ulli Wagner, bei der Tagung der in Homburg an. Sie öffnete den Blick auf die Bedrohungen für die Presse in Europa und stellte fest, in einigen Ländern müsse man hier "von einem akuten Notfall sprechen und ,SOS Pressefreiheit' ausgeben". Wagner verwies darauf, dass vier der fünf Staaten, die ihre Position in der aktuellen Rangliste von Reporter ohne Grenzen am meisten verschlechtert haben, in Europa liegen. Der Direktor der Landesmedienanstalt Saarland (LMS), Uwe Conradt, legte den Fokus auf die Machtverschiebung durch die Digitalisierung. Durch Vernetzung und algorithmengesteuerte Nachrichtenverbreitung könnten Themen auch abseits des medialen Mainstreams ein großes Publikum erreichen. Journalisten könnten nicht mehr allein darüber bestimmen, "welche Themen die Schwelle der gesellschaftlichen Relevanz überschreiten". Diese Rolle werde zunehmend von Sozialen Medien wahrgenommen, die jedoch nicht in gleichem Maße Verantwortung übernähmen wie die klassischen Medien. Wie Journalisten durch die Sozialen Medien mehr und mehr zu Getriebenen werden, schilderte der ARD-Hörfunkkorrespondent in Washington, Marc Hoffmann, im Gespräch. Der Twitter-Account von US-Präsident Donald Trump sei ein "offizieller Kanal", alle Äußerungen, die der Präsident in die Welt twittere, würden dementsprechend ernstgenommen. So gebe Trump den Rhythmus vor, dem sich die Medien anpassen müssten. Die Veranstaltung wurde von der LMS gemeinsam mit dem Saarländischen Journalistenverband und der Siebenpfeiffer-Stiftung organisiert. Wie dokumentieren die Tagung mit freundlicher Genehmigung der Veranstalter und der Referenten. Ergänzt wird die Dokumentation durch die Anfang Mai veröffentlichte "Nahaufnahme Deutschland", in der die Organisation Reporter ohne Grenzen akute Bedrohungen für Journalisten analysiert.
Aus epd medien Nr. 22 vom 01. Juni 2018

Diemut Roether