Kritik
Der Samariter
VOR-SICHT: "Der Polizist und das Mädchen", Fernsehfilm, Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Frédéric Hambalek, Kamera: Armin Golisano, Produktion: Wiedemann & Berg (ZDF, 24.9.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Ich ist ein anderer: Zwei Mal in diesem Film wäscht Dorfpolizeistellenleiter Martin Manz (Albrecht Schuch) seine Hände im Waschbecken und stiert sich danach im Spiegel des düsteren Bades an. Nicht als studierte er ein fremdes Gesicht, sondern ausdruckslos. Das erste Mal, nachdem er sein beschädigtes Unfallfahrzeug durch ein identisches Automodell ersetzt und das Werkzeug der fahrlässigen Tat in der Scheune versteckt hat, da ist Dreck an seinen Händen. Das zweite Mal nach dem Mord an der Person, die seiner Vertuschung mit Logik auf die Schliche gekommen war und statt eines Geständnisses schließlich doch Geld wollte, weil abstrakte Gerechtigkeit hier niemandem genutzt und vielen geschadet hätte. Oder?

Dieses zweite Mal ist Blut an Martins Händen, und es ist nicht der letzte anscheinend kaltblütige, nur gut gemeinte Mord des "Dorfsamariters" Martin im Schulddrama "Der Polizist und das Mädchen". Dazwischen liegt eine weitere Waschung. Martin wäscht seinem senilen Vater Klaus (Friedrich von Thun) auf Knien hockend die Füße, und diese Selbsterniedrigungsgeste ist nicht nur für Eingeweihte der neutestamentlichen Ikonographie ein gewagtes Bild. Spielt hier einer was vor? Einer, der vom "mea culpa" nur das äußere Bild der Jesusnachfolge behält, um die Anmaßung einer selbst erfundenen Dignität von Schuld ohne Sühne oder Verbrechen ohne Strafe scheinreligiös noch zu beglaubigen?

Beim genauen Hinsehen könnte man Schnappatmung bekommen. An manchen Stellen wird die Luft der Gewissheit ganz dünn - wenn der Film, dessen Kriminalpsychologiedramaturgie stark an Patricia Highsmith oder einen Anti-Dostojewski erinnert, den Zuschauer nicht bereits genau an den Punkt geführt hätte, an dem er zwar genau weiß, dass dieser Polizist aus Selbstschutz und zum Eigennutz moralisch empörend handelt, er das Handeln von Martin Manz aber auch als vernünftig und situativ geboten mitverfolgen kann.

"Der Polizist und das Mädchen" ist ein perfides Angebot an die eigene Rechtfertigungsmotivation. Gelegentlich anschwellende symphonische Musik (Richard Ruzicka) vertieft die atmosphärische Stille anderer Passagen. Autor Hambalek spricht von "Heimat noir": Ein Dorf, eine enge Gemeinschaft mit längst verteilten Rollen, der Handballverein, viel soziales Engagement, gewisse Aufplusterungstendenzen bei Berufsvorsitzenden wie Jörg Simianer (Michael A. Grimm).

Der Polizist Martin, ein Bild der Honorigkeit. Ein Leben voller Zukunft. Junge zweite Ehe, Frau Anja (Aylin Tezel) ist hochschwanger, Sohn Tobi (Florian Burgkart) aus erster Ehe spielt im erfolgreichen Handballverein, den Martins bester Freund Frank (Johannes Allmayer) trainiert. Eine Freundschaft unter Ungleichen, so sieht es das Dorf, so sieht es Anja. Martin greift dem wirtschaftlich erfolglosen Elektronikspezialisten unter die Arme, wo es nur geht. "Dein Freund und Helfer", Samariter, Sicherheits- und Stabilitätsgarant: Martin ist für Frank da, als dessen Tochter Miriam (Lilli Biedermann) nachts im Wald angefahren und schwer verletzt liegen gelassen wird. Als im Krankenhaus eine Hirnblutung künstliches Koma notwendig macht, flippt Frank nach und nach aus, wird immer cholerischer, benimmt sich erratischer. Beschimpft seinen Freund wegen polizeilicher Untätigkeit. Schlägt um sich, und wird dem Zuschauer immer unsympathischer, trotz Opferrolle.

Martin, das weiß das Komplizenpublikum von Anbeginn, ist der Täter. Ermitteln und Vertuschen sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Armin Golisanos Bildgestaltung und auch die Dramaturgie sind sachlich, fast dokumentarisch. Daraus bezieht "Der Polizist und das Mädchen" seine umstandslose Wirkung - und sein Unbehagen. In der Fernsehfiktion, in der Überemotionalisierung fast ein Grundgesetz zu sein scheint, ist der Blick, der hier auf den Zuschauer zurückgespiegelt wird, ungewöhnlich - aber durchaus Kaufmann-typisch. Fast sezierend, zumindest beim Mord gar zurückhaltend, beobachtend, abwartend.

Reue versus Rechtfertigung - was führt, gerade in einer kleinen Gemeinschaft, unter gewissen Umständen alltagspraktisch in die Zukunft? Der Film enthält sich nicht nur der fernsehkonventionellen Gefühlserzeugung, er enthält sich auch der bequemen Erleichterung zum Schluss. Statt den Schuldigen zu bestrafen, bedenkt er ihn mit einer Vereinsehrennadel. Im Katz-und-Maus-Spiel des Films bleibt es zum Schluss aber nicht bei moralischer Indifferenz oder einem frivolen Fazit der Amoralität. Es wäre sonst wohl auch keine Produktion von Gabriela Sperl.

Miriam, das erste Opfer, erwacht und wird, gelähmt und stumm als Memento mori fortan weiterleben. Martin nimmt sie zur Pflege auf. Ein Held, findet das Dorf. Sollte seine Verpflichtung auch ein Zeichen der Reue sein, dann trifft es sich doch praktisch in diesem bis zuletzt wirkungspsychologisch raffinierten Gleichnis.

Aus epd medien Nr. 38 vom 21. September 2018

Heike Hupertz