Interview
"Der Film ist das, was bleibt"
Ein epd-Gespräch mit dem Regisseur Jan Bonny
Frankfurt a.M. (epd). Im neuen "Polizeiruf 110" des Regisseurs Jan Bonny bekommt es Kommissar von Meuffels mit rechten Tätern zu tun, die einen Flüchtling tottreten. Für Bonny (39) ist "Das Gespenst der Freiheit" (Vor-Sicht in dieser Ausgabe) bereits der zweite "Polizeiruf", den er mit Matthias Brandt gedreht hat. Mit seinem ersten "Polizeiruf: Der Tod macht Engel aus uns allen" und dem "Tatort: Borowski und das Fest des Nordens" war Bonny jeweils für den Grimme-Preis nominiert. Sein jüngster Kinofilm, "Wintermärchen", wurde Anfang August in Locarno gezeigt. Bonny studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln und realisiert gemeinsam mit Alex Wissel Experimentalfilme wie "Rheingold" und "Single". Diemut Roether sprach mit ihm über Polizeifilme, die Bedeutung von Orten im Film und die Zusammenarbeit mit Drehbuchautoren.

epd: Sie haben den neuen "Polizeiruf 110" mit Matthias Brandt als Hanns von Meuffels gedreht. Wie bereiten Sie sich auf einen solchen Dreh vor? Schauen Sie sich vorher alle "Polizeirufe" mit Brandt noch einmal an?

Jan Bonny: Die beste Voraussetzung ist, schon einmal einen "Polizeiruf" gemacht zu haben.

Sie haben 2013 den "Polizeiruf: Der Tod macht Engel aus uns allen", ebenfalls mit Matthias Brandt, gedreht.

Bonny: Ich mache da ja jedes Mal einen eigenen Film. Ich gucke die Filme, die mich interessieren und dazu gehört alles Mögliche, nicht nur der letzte Polizeiruf. Ich kenne die meisten Filme, die Matthias Brandt gemacht hat, weil ich mich für ihn interessiere, mehr als für ein Format.

Was bedeutet für Sie die Figur Hanns von Meuffels?

Bonny: Das Interessante ist, dass sie auf eine Art Matthias gehört. Das ist seine Figur. Das ist anders als bei anderen Filmen, die ich mit Matthias gemacht habe, logisch. Und sowieso ist der von Meuffels einfach so da. Der kommt ohne schwiemelige Privatheit aus, er ist eine ernsthafte Figur. Eine angenehme Funktionsfigur. Er ist definiert durch die Funktion Kommissar zu sein und nicht durch zu viel Privatheit aufgeladen. Eine unkitschige Figur.

Als Zuschauerin habe ich das Gefühl, es ist eine Figur, die nicht stark konturiert ist. Man kann viel in ihn reininterpretieren.

Bonny: Das ist eine gute Voraussetzung, wenn man das Genre Polizeidrama ernst nimmt. Das sind schlanke Geschichten, in denen nicht permanent noch etwas miterzählt werden muss, damit die Geschichte funktioniert. Je klassischer und klarer solche Polizeifilme sind, desto besser. Er ist ja auch eine schweigsame Figur.

Eine einsame Figur.

Bonny: Und damit steht er in einer klassischen Tradition von Polizeifilmen, der Maigretfilme, des Film noir. Das macht ihn auch zu einer erwachsenen Figur. Viele Polizeifiguren, die wir so haben, sind ein bisschen infantil angelegt.

Ich hatte beim Sehen das Gefühl, in Ihrem "Polizeiruf" entgleitet allen alles. Es gibt eine Gruppe von jungen Nazis, die haben sowieso keine Kontrolle über das, was sie tun, sie steigern sich in ihre Gewaltexzesse hinein. Der Verfassungsschutz verliert die Kontrolle über die Mitarbeiter, die er eigentlich führen sollte und von Meuffels hat sowieso nichts unter Kontrolle, aber er scheint auch kein Interesse daran zu haben.

Bonny: Insofern ist das doch auch ein ganz gegenwärtiger Film. Dieses Gefühl des Kontrollverlustes passt doch gut in die Zeit. Auch wenn es vielleicht wirklich vor allem ein Gefühl ist.

Ist das eine Gesellschaftsdiagnose, die Sie da anstellen?

Bonny: Nein. Ich finde, als Filmemacher sollte man sich hüten, Gesellschaftsdiagnosen anzustellen. Aber man arbeitet ja zwangsläufig immer mit der Zeit, in der man ist. Man sollte bloß nicht anfangen, Probleme zu verfilmen. Es ist erst einmal eine Geschichte von Figuren. Aber jetzt, wo der Film fertig ist, passt er ganz gut, finde ich.

Es ist ein sehr harter Film…

Bonny: Er ist gar nicht so hart. Es gibt nicht so viel körperliche Brutalität, vielleicht ist das, weil sie gepaart ist mit dem Gefühl des Verlustes von Kontrolle. Es gibt auch eine Melancholie in dem Film, eine Nonchalance. Es passiert alles, wie es passiert.

Aber Sie wollen mit dem Film nicht sagen, wir als Gesellschaft verlieren die Kontrolle über das, was passiert?

Bonny: Ich wüsste gar nicht, was das sein soll. Natürlich verlieren ein paar Figuren die Kontrolle, aber viele haben sie auch nicht angestrebt. Vielleicht ist Kontrollverlust sogar der falsche Begriff. Es stört ja niemanden, dass die Kontrolle verloren geht.

Den Kommissar müsste es stören. Der hätte sich etwas vorzuwerfen.

Bonny: Von Meuffels ist einerseits unheimlich moralisch in dem Film, sieht aber vor allem auch, dass sein Wirken Grenzen hat. Gleichzeitig macht er sich mitschuldig am Zustand der Welt.

Sie haben ja auch einen "Tatort" gemacht, der letztes Jahr im Ersten lief, "Borowski und das Fest des Nordens". Ist es für Sie als Regisseur ein Unterschied, ob Sie einen "Tatort" machen oder einen "Polizeiruf"? Ist der "Tatort" stärker formatiert?

Bonny: Nein, überhaupt nicht. Ich interessiere mich nicht dezidiert für das Format "Polizeiruf" oder "Tatort". Ich glaube, man kann überall was Vernünftiges machen, und das kann auch bei einem "Polizeiruf" der Fall sein oder vielleicht auch bei einem "Tatort". Es kommt letztlich immer auf die Personenkonstellation an, die hinter dem Film steht, mit wem arbeitet man da zusammen. Ich mache keine Serienfolge, sondern ich mache einen Film, der mich interessiert, das kann auch ein "Tatort" sein. Es muss aber stimmen, denn es ist totaler Sport, es sind immer zu wenig Drehtage, und die Zeit, die man reinsteckt, muss sich lohnen.

Über "Borowski und das Fest des Nordens" haben Sie hinterher gesagt, Borowski, der Ermittler, und der Täter seien zwei Seiten einer Figur, sie seien sich in gewisser Weise ähnlich. Aber Axel Milberg, der den Kommissar Borowski spielt, war mit ihrer Interpretation nicht einverstanden.

Bonny: Das ist sein gutes Recht. Das kann er so sehen wie er will.

Fühlen Sie sich als Regisseur frei, mit der Figur so umzugehen, wie Sie wollen?

Bonny: Wenn ich sage, zwei Figuren sind zwei Seiten einer Medaille, heißt das nicht, dass ich mit der Figur so umgehe, wie ich will. Das ist meine Sicht auf die Geschichte, mehr als auf eine Figur. Ich finde nicht, dass ein "Tatort" zwingend eine Serienfolge ist. Er muss in erster Linie als Film funktionieren und interessant sein.

Sie haben einen "Tatort" gedreht und zwei "Polizeirufe". Drei Krimis also. Sie mögen das Wort Krimi aber nicht, sondern sagen, Sie machen Polizeifilme. Was ist der Unterschied?

Bonny: Der Krimi ist ein Konstrukt. Da lässt man sich auch nicht auf Figuren ein und der Begriff weckt falsche Assoziationen. Der Begriff Polizeifilm hat eine viel schönere Tradition, aus dem Französischen kommend, film policier. Wenn ich einen "Polizeiruf" mache oder einen "Tatort" will ich den doch ernst nehmen. Dann muss ich auch versuchen, die Figur des Kommissars ernst zu nehmen und den als eine echte Figur zu behandeln. Wenn ich also bei von Meuffels sage, der ist im besten Sinne eine Funktionsfigur, ist das ein Kompliment, weil das eine grade, schlanke Figur ist, die ihren Job macht. Das zeichnet den Polizeifilm aus, das sind Figuren, die ihren Job machen im besten Sinne. Das ist der zentrale Antrieb von Polizeifilmen.

Den Kieler "Tatort" haben Sie während der Kieler Woche gedreht und Kiel als Stadt im Rausch inszeniert. In Ihren Filmen spielen die Städte immer eine zentrale Rolle. In ihrem Film "Über Barbarossaplatz" zeigen Sie ein sehr nervöses, lautes, vibrierendes Köln, das überträgt sich auch auf die Figuren. Im "Polizeiruf" in München zeigen Sie auch ein spezielles München, das überhaupt nicht leuchtet. Welches München wollten Sie da zeigen?

Bonny: "München leuchtet..." Das hätten die gern! München ist so ein Spezialfall. Das Bild, das öffentlich von der Stadt gepflegt wird, der Viktualienmarkt, der weißblaue Himmel, so ist die Stadt nicht in Gänze. München ist viel mehr Großstadt und rotziger und schmutziger als man denkt. Es ist eine Stadt, die sich ausbreitet, ausmäandert, ganz anders als das Bild, das man im Kopf hat. Nicht einmal die Innenstadt ist so wie sie immer dargestellt wird. Gleichzeitig ist es natürlich eine unheimlich reiche Stadt, und was in München Problembezirk genannt wird, würde in Köln oder Berlin als gute Wohnlage daherkommen. Wenn man einen Film macht, verfilmt man ja grundsätzlich nicht nur eine Geschichte, sondern vor allem auch Orte. Das Sinnliche eines Films liegt auch darin, wie man Orte erzählt, was für ein Vergnügen man als Filmemacher an Orten entwickelt. Orte lösen Dynamiken aus, stellen Stimmungen bei den Schauspielern her. Drehorte sind Hauptdarsteller, sie spielen genau so eine große Rolle wie die Schauspieler. Die Verbindung, die Schauspieler, Orte und Kamera untereinander eingehen, daraus erwächst die Energie einer Geschichte. Orte sind alles in Filmen. Es geht wie bei den Darstellern der Kommissare immer auch um die Frage, wie sorgt man als Regisseur dafür, dass der Zuschauer das noch einmal ernst nimmt. Dass er nicht denkt: "ah, Milberg", oder "ah, Brandt", sondern jedes Mal aufs Neue bereit ist, die Figuren neu zu entdecken und ernst zu nehmen. Und bei den Orten ist es ähnlich, dass ich als Zuschauer bei einem Film, der in München spielt, etwas sehe, das aufregend ist, das auf sinnliche Art Spaß macht.

Dann spielt das Location Scouting, also die Suche nach den Drehorten für Sie als Regisseur eine große Rolle?

Bonny: Meinen Film "Wintermärchen", der gerade in Locarno gezeigt wurde, haben wir in Köln gedreht, wo ich lebe. Ich kenne die Stadt natürlich, wir haben aber in diesem Niemandsland gedreht, wo die komischen Ikea-Kisten und Versandhäuser stehen, die so aussehen, als hätten Riesen Bauklötzchen an Autobahnkreuze geworfen. In dieser Zwischenwelt zwischen den Wohngegenden, die Moos ansetzen und glänzenden Ikeaklötzen spielt das "Wintermärchen". Hier kenne ich natürlich viel, aber München kenne ich mittlerweile auch ganz gut. In Kiel bin ich einmal durch die Stadt spaziert und habe fotografiert und bin irgendwie auf die richtige Fährte gekommen und später haben wir an vielen der Orte gedreht, die ich damals in drei oder vier Stunden fotografiert habe. Ich halte den Prozess der Motivsuche lange offen. Es ist wichtig, dass die Orte stimmen, dass man da schnell drehen kann, dass sie vom Licht her gut funktionieren. Deswegen suche ich unheimlich lang danach, wenn es sein muss. Zurzeit drehen wir im Vorgebirge zwischen Köln und Bonn, in Bornheim und Hemmerich...

Sie drehen gerade das ZDF-Drama "Endlich leben", auch wieder mit Matthias Brandt…

Bonny: Da haben wir bestimmt zwei Monate nach einem Nagelstudio gesucht, wo alles stimmt. Das ist jetzt ein ganz toller Ort. Andere Sachen sieht man beim Vorbeilaufen.

Ich empfinde Ihre Filme als sehr atmosphärisch. Welche Rolle spielt das Drehbuch für Ihre Filme? Wie viel entsteht erst beim Dreh durch Improvisieren?

Bonny: Im eigentlichen Sinne improvisiere ich nicht so viel. Es kommt vor allem vom Buch.

Aber es geht Ihnen doch darum, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen?

Bonny: Das fällt Ihnen vielleicht mehr auf als mir. Ich meine es ernst mit den Sachen. Das Ernsthafte kann auch unsauber sein. Ich interessiere mich überhaupt nicht für eine abgeschlossene, versiegelte, perfekte Oberfläche, wobei ich das absolut faszinierend finde bei Kollegen, die so arbeiten. Mich interessiert der Prozess insgesamt, auch dass der was Spielerisches bekommt.

Welche Rolle spielen die Schauspieler? Mit Matthias Brandt zum Beispiel arbeiten Sie ja immer wieder zusammen.

Bonny: Wir verstehen uns meistens ganz gut. Schauspieler sind alles, Sie machen den Film aus. Der Film lebt von ihrem Spiel, davon, wie sehr sie sich frei machen können, wie wahrhaftig sie sind. Mich interessiert die Freiheit im Spiel, die Spielfreude, die Körperlichkeit, die Sinnlichkeit und die Lust am Spielen. Ich freue mich immer, wenn das möglich wird, wenn ich mit Schauspielern zusammenarbeiten kann, die daran auch Spaß haben. Mit Matthias Brandt habe ich jetzt sechs Filme gemacht, unter anderem ein ganz tolles Musikvideo, einen Kurzfilm, den ich gern mag, weil er da ganz toll tanzt. Aber da steckt kein Plan dahinter. Es macht keinen Sinn, nur aus Kumpanei zusammenzuarbeiten oder weil man denkt, das wäre jetzt einfacher. Es muss schon stimmen, man muss sich gegenseitig immer wieder beweisen, dass es die richtige Idee ist. Ich mache auch mit Schauspielern, die ich schon kenne und schätze, meistens Besetzungsproben. Nicht um zu schauen, ob die gut sind, das weiß ich ja, sondern um zu sehen, ob die Verhältnisse stimmen, die Konstellationen.

In Ihrem Film "Wintermärchen", der in Locarno im Wettbewerb lief, erzählen Sie von drei Rechtsterroristen - zwei Männer eine Frau - die im Raum Köln Ausländer ermorden. Der Film lehnt sich an die Konstellation des NSU-Trios Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an. Was wollen Sie in diesem Film erzählen?

Bonny: Es ist ein Film, der ganz stark vom Zuschauer verlangt, dass er sich beim Sehen immer wieder klar dazu verhält. Er muss sich dazu positionieren. Ich wollte mich noch einmal mit solchen Figuren beschäftigen, also mit rechten Tätern. Rechte Täter als Ausdruck unserer Zeit, das sind heute keine Neunziger-Jahre-Glatzen mehr, sondern ganz andere Figuren. "Wintermärchen" ist nicht nur ein Porträt von drei Figuren, sondern das ist ein Film, der merkwürdigerweise nur jetzt denkbar ist als Erzählung. Jetzt, da Bilder umgewertet werden, Diskurse und alte linke Ideen umgewertet werden. Dazu gehört die Umwertung der Verknüpfung von Gewalt und Sexualität, darum geht es auch. Es ist ein unangenehmer Film. Ich hatte das Gefühl, dass der Zuschauer bei vielen Filmen, die sich mit rechter Gewalt beschäftigen, in Sicherheit gewogen wird. Solche Filme vermitteln ihm: Du, Zuschauer, bist nicht so, Du bist in Sicherheit, Du siehst das gescheiterte Leben der anderen. Damit entzündet man nichts. Damit zwingt man den Zuschauer nicht in die Auseinandersetzung mit dem Film. Jeder muss mit sich selbst ausmachen, was er im Laufe des Films gedacht hat, für wen er sich interessiert hat und warum, das kann man von einem erwachsenen Zuschauer verlangen.

Sie machen ja nicht nur lange Fernseh- und Kinofilme. Sie haben eben schon das Musikvideo angesprochen, Sie machen auch Werbung und andererseits auch künstlerische Kurzfilme. Ist das ein Versuch, sich auch ein anderes Genre zu erarbeiten?

Bonny: Ich muss ja auch von meiner Arbeit leben können. Dazu gehört auch, dass ich Werbung drehe, weil das Aufträge sind. Auch der Werbefilm ist ein Format, das mir Spaß macht, weil es eine andere Erzählform ist, viel knapper. Man kann da andere Erzähltöne ausprobieren als in Spielfilmen. Ich mache gerne lustige Werbung, da sind Grade von Surrealität oder Künstlichkeit erlaubt, die im Spielfilm selten vorkommen. Interessanterweise ist Werbung formal recht stark ausdifferenziert. Die künstlerischen Kurzfilme mach ich seit ein paar Jahren zusammen mit meinem Freund Alex Wissel, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat bei Rosemarie Trockel. Wir machen Arbeiten, die eher in die Bildende Kunst gehören. Von uns beiden ist er der Bildende Künstler und ich bin der Filmemacher.

Sehen Sie sich da eher als Handwerker?

Bonny: Nö, überhaupt nicht, aber wir haben nun mal unterschiedliche Berufe, wenn man so will. Was wir da machen, funktioniert eher in der Bildenden Kunst, das ist für Kunstvereine und Museen, da ist er der Bildende Künstler und ich bin der Filmemacher. Er macht auch zeichnerische und grafische Arbeiten, die das begleiten. Solche Zusammenarbeiten sind wichtig, denn man muss aufpassen, wenn man Filme macht, dass man nicht in Standardlösungen verfällt, dass daraus nicht so eine brave, konfektionierte Angelegenheit wird. Die Umstände, in denen man arbeitet, neigen dazu, den Arbeitsprozess zu konfektionieren. Das sind ja Prozesse, die sich immer gleichen: Entwickeln, Finanzieren, Drehen. Das Handwerkszeug, mit dem man arbeitet, muss man sich zu eigen machen und versuchen, damit jedes Mal was Neues zu machen. Der handwerkliche Prozess hat aber - zusammen mit der Produktion und der Politik, die dazugehört - eine unheimliche Kraft, die immer wieder droht, aus reinen Notwendigkeiten die Filme zu formen. Dagegen muss man sich wehren und dazu gehören Arbeiten, die ganz anders sind. Ich habe von meiner Zusammenarbeit mit Alex Wissel unheimlich viel gelernt und mich damit frei gemacht. Ich habe gelernt, dass es auch geht, dass man selbst wieder die Kamera in die Hand nimmt und noch einmal naiv arbeitet. Das hat auch Rückwirkungen auf Filme wie den "Polizeiruf" oder "Wintermärchen".

Sie sagen, bei der Werbung können Sie viel lustiger sein. Aber Sie haben noch nie eine Komödie gemacht.

Bonny: Das heißt ja nicht, dass es nicht noch einmal mache. Ich finde aber, in fast allen meinen Filmen gibt es Szenen, die lustig sind. Auch wenn die Filme auf den ersten Blick nicht so lustig sind, gibt es immer was zu lachen. Auch da muss man nicht so sauber sein. Humor steckt ja in der finstersten Falte.

Welche Rolle spielt das Buch für Sie, die Zusammenarbeit mit Drehbuchautoren?

Bonny: Auch wenn die Zusammenarbeit mit dem Autor entscheidend und eine eigenwillige Liebesbeziehung ist, gibt es kein Standardmodell. Man weiß nie, wie sich so eine Idee materialisiert. Ein Film fängt irgendwo an: Es gibt Filme, bei denen das Drehbuch entscheidend ist, es gibt Filme, bei denen der Dreh entscheidend ist, bei manchen werden die wichtigsten Erzählentscheidungen erst im Schnitt getroffen. Manche Filme finden auf der Buchebene schon ihre Form, manche finden sie erst beim Dreh, im Inszenierungsprozess. Bei dem "Tatort" war das Buch von Markus Busch, es gab eine Vorlage von Henning Mankell, so viel war glaube ich am Ende von Henning Mankell nicht mehr da. Das macht aber nichts. Hauptsache, der Film ist gut. Das muss jeder, der an einem Film beteiligt ist, akzeptieren. Es geht am Ende nur um den fertigen Film, dem ordnet sich alles unter, egal, was für Genie-Einfälle man zwischendurch zu haben meint. Wir hatten bei dem Film viel Zeit, um gemeinsam an dem Buch zu arbeiten, das hat Spaß gemacht und gut funktioniert. Da spielte das endgültige Buch eine große Rolle.

Was halten Sie von der Initiative der Drehbuchautoren, "Kontrakt 18", die von Anfang bis Ende mehr Kontrolle über die Filme haben wollen, also auch mehr Mitspracherechte?

Bonny: Wie gesagt: Am Ende steht der Film. Es geht bei Filmen nicht so sehr darum, Kontrolle zu haben, das ist ein Missverständnis. Ich für mich glaube daran: Gute Ideen, die Kraft haben, setzen sich durch. Wer Energie hat, setzt sich durch. Es gibt Filme, die sind buchgetrieben, es gibt Filme, die sind produzentengetrieben, es gibt Filme, die kommen total von der Regie, manche kommen total vom Hauptdarsteller. Und so habe ich "Kontrakt 18" zunächst verstanden: als Aufforderung, einen Austausch zu pflegen. Grundsätzlich finde ich es in Ordnung, wenn dann jeder versucht, seiner Stimme mehr Gewicht zu verleihen. Aber auch Konflikte gehören dazu. Manchmal ist bei einem Projekt die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Drehbuchautor zentral. Bei meinem Film "Wintermärchen" aber war die Zusammenarbeit mit der Produzentin Bettina Brokemper nicht minder wichtig. Es gibt die Idee, man könnte beim Film bestimmte Prozesse verallgemeinern, das stimmt aber nicht. Jeder Film hat seinen eigenen Prozess und man muss immer wieder erkennen und erspüren, welcher der richtige ist. Natürlich hat jeder das Recht, für sich mehr Anerkennung und Gewicht einzufordern, das ist legitim. Aber die Wahrheit liegt auf dem Platz, wie man so schön sagt. Jede Art der Auseinandersetzung, der Reibung ist wichtig. Film ist nun mal ein künstlerischer Prozess, der in Zusammenarbeit entsteht. Aber am Ende geht es nur um den Film. Der Film ist das, was bleibt. Er überlebt alle Auseinandersetzungen und Befindlichkeiten.

Aus epd medien Nr. 33 vom 17. August 2018