Kritik
Charme des Amateurhaften
VOR-SICHT: "Tatort: Babbeldasch", Regie: Axel Ranisch, Buch: Sönke Andresen, Kamera: Stefan Sommer (ARD/SWR, 26.2.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Jetzt hat das Stilmittel Improvisation auch den "Tatort" erreicht. Und wenn einer mit improvisierten Filmen langjährige Erfahrung hat, dann ist es Axel Ranisch. Er hat es bewiesen mit seinen von Kritikern gefeierten Filmen wie "Ich fühl mich Disco" und "Alki Alki". Es gibt also Grund genug für erwartungsvolle Neugier, wie sich Ranisch - der auch als Schauspieler in der ARD-Krimi-Reihe "Zorn" auftritt - das schematische "Tatort"-Format zu eigen machet, wie er die ernste Lena Odenthal/Ulrike Folkerts aus der Reserve lockt und mit einem Ensemble aus Profis und Amateuren einen ganz speziellen Krimi erzählt, besser gesagt: erspielen lässt, ohne ausformuliertes Drehbuch, und ohne dass die Mitwirkenden, Ulrike Folkerts eingeschlossen, vor dem Finale erfahren, wer der Mörder - oder die Mörderin - sein soll.

Dass allerdings das Experiment in der Karnevalszeit gesendet wird, zwischen "Düsseldorf Helau" am Samstag davor und "Karneval in Köln 2017" am Rosenmontag danach, lässt die Stimmung ahnen, auf die dieser "Tatort" abzielt. "Babbeldasch" also, der pfälzische Ausdruck für Plaudertasche oder Quasselstrippe: So heißt im Film das Ludwigshafener Amateur- und Mundart-Theater Hemshofschachtel, dessen Belegschaft sich wacker durch den "Tatort" amateurisiert.

Er beginnt mit der Premiere des neuen Stücks: "Die Oma gibt Gas". Im Foyer, bei Piccolo und Schoko-Croissants, herrscht aufgekratzt mundartliches Durcheinander, auch Lena Odenthal und ihr Chef Becker (Peter Espeloer) sind unter den Premiere-Gästen. Was freilich keiner außer den Fernsehzuschauern weiß: Die Hand einer unbekannten Person hat etwas in die Croissants gespritzt. Später wird man erfahren: Es war nicht etwa Gift, sondern Mohnmasse. Und als Mord war es auch nicht geplant. Irgendjemand aus dem Ensemble wollte der Prinzipalin Sophie Fettèr (Malou Mott) nur eins auswischen. Die nämlich ist, wie alle wissen, allergisch gegen Mohn, und hat deshalb ständig ein "Notfallbesteck" bei sich. Das aber ist aus ihrer Handtasche verschwunden, als Sophie, mit Schaum vor dem Mund, unter lautem Geschrei der Kollegen hinter der Bühne entdeckt wird. Also ist die Person, die das rettende Gegenmittel hat verschwinden lassen, an Sophies "Ableben" schuld. Verzwickte Angelegenheit.

Wer aus dem umfangreichen Ensemble könnte das gewesen sein? War es Manfred (Gerd Rohrbacher), im Hauptberuf Bäcker (und Croissant-Lieferant)? Oder Sascha (Andreas Assanoff), Sophies Mann? Vielleicht sogar Sarah (Petra Mott), Sophies lesbische Tochter, die sich mit ihrer Mutter zerstritten hat? Lena Odenthal beginnt zu ermitteln. Und weil ihr Sophie vor der Premiere das Angebot gemacht hat, dem Ensemble beizutreten ("mir suche immer so Mädle wie Sie"), und Tochter Sarah das Angebot wiederholt, beschließt Lena Odenthal, sich als Sozialarbeiterin auszugeben und sich "undercover", als Schauspielaspirantin, im Ensemble umzuhören. Deshalb bleibt die Hauptarbeit an Lenas Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) hängen.

Die hat es aber auch nicht leicht. Denn sie ist zurzeit alleinerziehend, und ihre Zwillinge leiden an einer Magen-Darm-Grippe. Frau Stern parkt also nicht nur ständig ihre Kinder im Kommissariat und nötigt die gute Seele Frau Keller (Annalena Schmidt) zum Babysitten - die Zwillinge stecken mit ihrer Krankheit Frau Keller auch noch an. Als wäre das noch nicht genug, verdrückt sich Kollege Kopper nach Italien, fällt also als Ermittler aus; die verstorbene Sophie erscheint Lena Odenthal mehrmals in realistisch gefilmten Traumsequenzen, ihr androhend, sie komme jetzt jede Nacht, "bis du’s rauskriegscht".

Und dann soll ja auch noch die Schauspielerin Ulrike Folkerts, als Amateur-Schauspielerin Lena Odenthal improvisierend, ihre - wie sich zeigt - entbehrlichen, peinlich exaltierten Auftritte bekommen. Am Ende darf sie sogar, ebenfalls im realistisch gefilmten Traum, prächtig aus dem Theaterfundus kostümiert und neckisch gestikulierend, als königliche Hoheit auf die Bretter treten, die die Welt bedeuten. Freilich ohne großes Publikum im Saal.

In einem älteren Interview hat Axel Ranisch einmal den Rat seines Professors Rosa von Praunheim zitiert: "Mach einen Film darüber, wo du dich auskennst." Leider muss man sagen: was "Babbeldasch" betrifft, hat Ranisch den Rat nicht beherzigt. Denn bei aller Wertschätzung für seine bisherigen Filme: In einem Krimi-Genre wie dem "Tatort" kennt er sich nicht aus. Zwar hat "Babbeldasch", als Experiment betrachtet, in manchen Szenen durchaus gewissen Charme. Aber es ist der Charme des Amateurhaften, im Eifer des Improvisierens ungewollt Komischen und, auch das muss gesagt werden: rührend schlecht Gespielten.

Wenn der Pastor bei der Beerdigung von Sophie die Worte spricht: "Der letzte Vorhang für Sophie ist gefallen, jetzt gibt sie ihre Abschiedsvorstellung", muss man die Trauergemeinde dafür bewundern, dass niemand in haltloses Lachen ausbricht. Und die Bewunderung über die stoische Ernsthaftigkeit steigt, wenn einer ans Grab tritt, um zu sagen: "Ein Star ist gefallen und kommt nicht mehr. Sie wird euch nie vergessen." Mit einem Drehbuch wäre das nicht passiert.

Die improvisierenden Profis dagegen ziehen sich auf Standardfloskeln zurück, wie "wart ihr da vor Ort?" oder: "wir halten den Ball erst mal flach". Und Lena Odenthal, die sonst sehr ruppig mit Verdächtigen umzugehen pflegt, hier aber noch nicht weiß, wen sie am Ende als Schuldigen vor sich haben wird, schlägt ungewohnt mitleidige, fast mütterliche Töne an im Gespräch mit dem Bäcker, der die Croissants geliefert hat: "Das müssen wir aber aufklären, damit Ihre Backstube nicht auch noch pleitegeht, und dass das Theater die Kurve kriegt." Dieser "Tatort" dagegen schert sich um Kurven nicht. Er zuckelt mit reduzierter Geschwindigkeit immer geradeaus, plumpst ab und zu in ein Schlagloch und fährt einfach weiter. Nett, dass der SWR das Experiment des Improvisierens ermöglicht hat. Aber fortgesetzt werden muss es nicht.

Aus epd medien Nr. 8 vom 24. Februar 2017

Sybille Simon-Zülch