Kritik
Bewährtes Thrillerrezept
VOR-SICHT: "Neben der Spur - Sag, es tut dir leid", Fernsehfilm, Regie: Thomas Roth, Buch: Jürgen Werner, Mathias Klaschka nach dem Thriller von Michael Robotham, Kamera: Moritz Schultheiß, Produktion: Network Movie (ZDF, 12.3.2018, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Nachts im Hamburger Containerhafen. Ein Mädchen im weißen Nachthemd mit Flügelärmeln und nackten Füßen flieht in Panik. Ein anderes Mädchen, offenbar traumatisiert, liegt zitternd in einem verdreckten Keller auf einer besudelten Matratze. Durch ein Babyfon dringen knisternd Geräusche. Man hört Schritte. Zur selben Zeit legt jemand Feuer im Ehebett eines anderen Hauses. Glas splittert. Die Nacht ist tiefblau und grellorange vom Feuer.

Die fünfte Folge der Reihe "Neben der Spur" könnte nach diesem harten Auftaktgeschehen leicht ins schräg Voyeuristische abrutschen. Das "Engelchen" wird wenig später erschlagen aus dem Wasser gezogen. In dem Haus, in dem der Brand stattfand, liegen die Leichen eines ermordeten Ehepaares. Zu oft hat man so etwas für den Effekt schon brutal ausgestellt gesehen: Das Mädchen im Verlies, das Vertuschungsverbrechen, der psychisch gestörte Tatverdächtige (der es selbstverständlich nicht gewesen sein kann, das glaubt nur der begriffsstutzige Polizist), der wahre Täter, in der Regel ein unauffälliger Biedermann, der den Ermittlern als Letztes in den Sinn gekommen wäre. "Sag, es tut dir leid" operiert mit diesen Zutaten, setzt sie aber recht überlegt für einen subtileren Spannungsbogen ein.

Das allzu Reißerische vermeidet das Buch von Jürgen Werner und Mathias Klaschka, abgesehen von einer schier unerträglich anzuschauenden Folterszene, in der das Mädchen im Verlies von einem Wasserwerfer niedergestreckt und durch den Strahl misshandelt wird, bis die Fertigmenüschalen und leeren Plastikflaschen ihres Gefängnisses schwimmen wie Papierschiffe. Ansonsten geht es, wie in den Romanen von Michael Robotham, mehr um die Psychologisierung der Figuren - außer, und das ist erstaunlich, bei der final aufgedeckten Motivation des echten Täters. Dieser fällt eher in die Kategorie der "Grundbösen", als hätten Buch und Inszenierung bei der Aufgabe, viele verschiedene Rollen und Figuren psychologisch durchzubuchstabieren, schließlich keine Emphase mehr übrig gehabt. Sabin Tambrea spielt den zuvor zu Unrecht verdächtigten schizophrenen ehemaligen Angestellten der Eheleute, Andreas Schaller, immerhin glaubwürdig.

Die Hauptfigur ist ein Psychiater, im Hauptberuf Universitätsdozent, im Nebenjob Polizeiberater. Ulrich Noethen gibt diesen Joe Jessen zwar gelegentlich etwas überschlau à la Sherlock Holmes ("Ich betrachte ihr Hemd und sage ihnen, was sie im Lauf des Tages gegessen haben"), die Darstellung der Parkinson-Krankheit, die ihn mehr und mehr motorisch einschränkt und zu größerer Distanz zu seinen Mitmenschen zwingt, gelingt ihm aber anrührend. Jessen arbeitet für Kommissar Ruiz, den Juergen Maurer als Kriminal-Haudegen alter Schule - aber nicht ohne emotionale Zwischentöne - darstellt.

Privat hat sich in dieser Folge viel verändert. Nachdem Jessen zuvor seine Frau Nora (Petra van de Voort) und seine Tochter Charlotte (Lilly Liefers) im eigenen Hamburger Heim zur Zielscheibe eines Psychopathen gemacht hat, ist er ausgezogen. Die Trennung wirkt frisch, das getrennt lebende Paar geht mit Irrsinnsrespekt miteinander um. Gleichwohl bahnt sich für Jessen eine neue Beziehung an. Ulrike C. Tscharre ist neu dabei, als behandelnde Psychiaterin von Andreas Schaller, der von der Stimme seines toten Zwillings angetrieben seine eigene Wirklichkeit wahrnimmt und zu kontrollieren sucht. Flugs sitzt jene Julia Allenstein nachts vor Jessens Tür, um den Fall zu diskutieren und liegt schon bald mit ihm im Bett. Tscharres Figur hat eine einzige, ziemlich durchsichtige Funktion: Noch-Ehefrau Nora nachdenklich zu machen. Das wahnsinnige Verständnis, mit dem alle drei der komplizierten Situation begegnen, geht einem schon bald auf die Nerven.

Der eigentliche Fall allerdings nicht. Ruiz und Jessen bemerken bald, dass die Toten miteinander zu tun hatten. Klassische Detektivarbeit wird durch psychologisches Profiling ergänzt, ein bewährtes Thrillerrezept. Die Kamera von Moritz Schultheiß kreiert einen coolen Look, der aber niemanden durch krasse Modernität verschreckt. Das Mädchen im Nachthemd ist eines von zwei in der Presse "Elbemädchen" getauften Teenager, die vor zwei Jahren verschwanden. Dass das zweite Mädchen noch lebt, die Zeit aber knapp wird, weiß der Zuschauer von Anbeginn. Durch ein drittes Mädchen kommen Ruiz und Jessen mit Unterstützung der Polizistin Bartholomé (Marie Leuenberger) auf zwei weitere Verdächtige.

Die parallel geschnittene Einkreisung zum Schluss und die wenig überraschende Auflösung komplettieren das Bild: "Neben der Spur" bleibt neben dem Wiener Psychologen-Krimi "Spuren des Bösen" das gediegene Thriller-Pfund des ZDF. Joe Jessen und Richard Brock (Heino Ferch) sind beide auf ihre Art glaubwürdige Varianten selbst versehrter Seelenklempner, deren Polizeidienst wie Sühne wirkt. Während der letzte Brock-Fall mit Tobias Moretti allerdings atemberaubend war, ist "Sag, es tut dir leid" nur gehobene Thriller-Durchschnittskost.

Aus epd medien Nr. 10 vom 09. März 2018

Heike Hupertz