Tagebuch
Bemerkenswertes Geschäftsmodell. Das neue "Spiegel Daily"
Frankfurt a.M. (epd). Der heißeste digitale Scheiß ist seit dem 16. Mai "Spiegel Daily": Jeden Nachmittag um 17 Uhr schalten die Kollegen vom Spiegel-Verlag die neue Digitalausgabe frei, mit der sie "einmal am Tag die Welt anhalten" wollen. Nicht mehr und nicht weniger. "Spiegel Daily" soll all denen, die nicht so nachrichtensüchtig sind, dass sie den ganzen Tag bei "Spiegel Online" rumhängen, einmal am Tag eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse des Tages bieten: "An einem Ort der ganze Tag im Überblick."

Eine digitale Abendzeitung, also. "Nur, was heute wichtig ist", steht unter dem orangefarbenen, im "Spiegel"-Design gehaltenen Logo. Eindeutig ein Wort zu viel. "Was heute wichtig ist" hätte auch gereicht. Oder meinen sie "Was nur heute wichtig ist"?

"Spiegel Daily", kündigte der Verlag an, sei ein Gemeinschaftsprojekt der Redaktionen von "Spiegel", Spiegel TV und "Spiegel Online". Sechs Rubriken - bei "Spiegel Daily" heißen sie "Ebenen" - bietet die digitale Ausgabe: "News", "Meinung", "Stories", "Social", "Panorama" und last not least "Mein Abend". Bei jedem Text steht die voraussichtliche Lesezeit dabei: Würde ich alle Texte in einer Ausgabe von "Spiegel Daily" lesen, bräuchte ich insgesamt zwischen 40 und 45 Minuten. Die "Tagesschau" präsentiert mir das, was heute wichtig war, in einem Drittel der Zeit.

Aber dafür habe ich in der "Tagesschau" keine so überraschende Rubrik wie "Mein Abend", die neugierig macht: Was wissen die Recherchefüchse vom "Spiegel" darüber, was ich heute abend vorhabe? Okay, das Ergebnis ist dann doch eher enttäuschend. Es gibt zwei "Empfehlungen für Ihren Feierabend": einen "TV-Tipp", nämlich für die BR-Serie "Hindafing" (haben wir auch bereits empfohlen) und einen "Musik-Tipp" für das neue Album der nahezu unbekannten Sängerin Helene Fischer - eine echte Entdeckung!

Was Andreas Borcholte in den 21 Zeilen schreibt, die mir als Nichtzahlerin als Appetithäppchen geboten werden (mehr kann ich nur lesen, wenn ich Abonnentin bin), ist mit dem Wort Zeilenschinderei noch freundlich umschrieben: Helene Fischers Platte "Atemlos" sei "der Rausch des Sommers 2014" gewesen: "WM-Titel, Weltoffenheit, Diversität". Doch mittlerweile habe das Land sich verändert und scheine sich "in einen regressiven und einen progressiven Bevölkerungsteil" zu spalten. Wer braucht so einen bombastischen Überbau, um das "neue Album der neuen Nationalkünstlerin Helene Fischer" kennenzulernen? Danke, das genügt, den Rest schenke ich mir. 90 Sekunden gewonnene Lebenszeit!

Irgendwo versteckt in der ersten Ausgabe war eine Gute-Nacht-Geschichte: Ich entdeckte sie wie eine Erscheinung auf dem letzten Blatt meiner Ausdrucke (ja, ich drucke das Internet aus!): "Showdown im Waggon". Im Teaser steht "Lesen, einschlafen: Jeden Abend eine Geschichte. Heute: Die Konfrontation mit einem U-Bahn-Kontrolleur". Auf dem Bildschirm konnte ich die Gute-Nacht-Geschichte nicht finden - auch als Abonnentin nicht. Nur über die Suchfunktion gelang es mir einmal, sie wiederzufinden - und über Google.

Faszinierend ist der Umgang mit Inhalten aus dem Netz in den Ebenen "Meinung" und "Social": Die Kolumne "Happy Hour" von Dietmar Wischmeyer gibt es beim RBB umsonst, bei "Spiegel Daily" wird der Link dahin nur für Bezahlkunden freigeschaltet. Ähnlich verhält es sich mit der "Auslese: Von Spiegel-Redakteuren im Netz entdeckt". Wenn ich lesen will, was Joachim Huber im "Tagesspiegel" darüber schreibt, wie die ARD junge Menschen beim ESC verheizt, muss ich bezahlen. Während also "Focus Online" versucht, Werbeeinnahmen im Internet darüber zu generieren, dass die Redakteure hinter der Bezahlschranke versteckte Inhalte von "Bild Plus" zusammenfassen, will "Spiegel Daily", dass ich dafür bezahle, dass es mir Links zu frei online stehenden Texten freigibt. Ein wirklich bemerkenswertes Geschäftsmodell!
Aus epd-medien Nr. 20 vom 19. Mai 2017

Diemut Roether