Inland
Bedford-Strohm: Marktmacht der US-Internetkonzerne begrenzen
Evangelischer Medienkongress diskutiert auch über Künstliche Intelligenz
München (epd). Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, wünscht sich europäische Initiativen, um der Marktmacht der US-Internetkonzerne zu begegnen. "Es geht um die Rückeroberung des sozialen und öffentlichen Raums", sagte Bedford-Strohm am 16. Oktober zur Eröffnung des Evangelischen Medienkongresses in München. Derzeit fehle es an Transparenz und Regulierung. Der Diskurs von mehreren Milliarden Menschen werde von einigen wenigen mächtigen Unternehmen wie Facebook kontrolliert. Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm erneuerte bei dem Kongress seine Forderung nach einer europäischen Plattform als Alternative zu amerikanischen Plattformen wie Facebook und Youtube (epd 41/18).

Bedford-Strohm sagte, derzeit fehle es an Transparenz und Regulierung in den Angeboten der US-Konzerne im Netz. Er fragte, warum Straßen und Schienen aus guten Gründen in öffentlicher Hand seien, die digitale Infrastruktur des Netzes, in der Menschen täglich viel mehr Zeit verbrächten, aber nicht. Er sei dankbar für den Vorschlag des ARD-Vorsitzenden und Intendanten des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, dass Sender und Verleger in Europa eine gemeinsame Plattform im Internet aufbauen sollen.

Der evangelische Medienbischof Volker Jung forderte eine breite gesellschaftliche Debatte über das Thema der Künstlichen Intelligenz in der Gesellschaft. "Wir brauchen Dokumentationen dazu, auch die Politik muss sich viel mehr mit dem Thema beschäftigen", sagte er. Es müsse vermieden werden, dass durch die Künstliche Intelligenz neuer Totalitarismus entstehe. "Was wird aus unserer Gesellschaft, wenn hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?" fragte er.

Der Informatiker Jürgen Schmidhuber sagte, es sei leicht, Künstliche Intelligenz zu einem "sozialen Wesen" zu trainieren. Langfristig werde die Künstliche Intelligenz die Welt besser machen, davon sei er überzeugt. Die Künstliche Intelligenz werde lernen, Probleme zu lösen, die die Menschen nicht lösen könnten, sagte der Direktor des Schweizer KI-Forschungszentrums IDSIA. Auch könnten Lernprogramme für Roboter so programmiert werden, dass diese keine Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen in der Gesellschaft lernen. Manche Aspekte menschengemachter Ethik seien leicht programmierbar. Schmidhuber forderte mehr Investitionen von Bund und Ländern in die Entwicklung Künstlicher Intelligenz.

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar warnte vor den Gefahren durch die Präsentation von Nachrichten in sozialen Netzwerken wie Facebook. Die Frage sei, ob die Algorithmen, die Nachrichten sortieren, Vorurteile verstärken. Untersuchungen hätten gezeigt, dass falsche Nachrichten sich in diesen Netzwerken viel schneller verbreiten als die Wahrheit. Dadurch zerbrösele derzeit das Vertrauen in die Institutionen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei zur Aufklärung verpflichtet, die sozialen Medien hätten im Gegensatz zum Rundfunk keinen Auftrag.

Wilhelm sagte, wenn sich die Meinungsbildung ins Netz verlagere, müssten die Medien dort auch präsent sei. Die Regeln, nach denen in sozialen Netzwerken wie Facebook Nachrichten sortiert und empfohlen werden, seien jedoch andere als die, nach denen Redaktionen Nachrichten auswählten. Hoch emotionale Botschaften würden sich schneller verbreiten als solche, die sachlich informieren. So werde die Polarisierung der Gesellschaft gefördert.

Umso wichtiger seien Medien, die in der Lage seien, die Vielfalt verlässlich abzubilden, sagte Wilhelm. Europa müsse seine kulturelle Souveränität durch eigene Plattformen mit eigenen Inhalten schützen, die konkreten Absendern zugerechnet werden könnten. Für diese Angebote müssten die gleichen Rechtsgrundlagen gelten wie für Medien. Das gehe nur mit Hilfe der Politik.

Beim Evangelischen Medienkongress unter dem Titel "Mensch oder Maschine: Wer programmiert wen?" diskutierten am 16. und 17. Oktober rund 250 Teilnehmer aus Medien, Kirchen und Wissenschaft über die Frage, welche Folgen der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz für die Gesellschaft hat (vgl. weitere Meldung in dieser Ausgabe).

Aus epd medien Nr. 42 vom 19. Oktober 2018

dir/kfr/lbm