Kritik
Atemberaubend
VOR-SICHT: "Spätwerk", Fernsehfilm, Regie: Andreas Kleinert, Buch: Karl-Heinz Käfer, Kamera: Johann Feindt, Produktion: Eikon Media (ARD/SWR, 16.5.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Selbst wer kriminell handelt, hat in der Regel ein gewisses Unrechtsbewusstsein. Religiöser Glaube ist dafür erst einmal nicht nötig. Die normative Kraft des Zusammenlebens mehrerer reicht meist aus, um die Unterscheidung von richtig und falsch in grundlegender Hinsicht festzulegen. Es ist falsch zu lügen. Es ist falsch zu töten. Sanktionierung bei Verstoß ist notwendig. Unrecht Gut gedeihet nicht. Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe" hinterlässt beim Lesen moralisches Kribbeln. Auch Andreas Kleinerts und Karl-Heinz Käfers neuer gemeinsamer Film "Spätwerk" spielt höchst raffiniert mit dem moralischen Juckreiz, den das Handeln der Hauptfigur beim Zusehen auslöst.

Nach allen Regeln der Kunst unterläuft der Film die vom Zuschauer unterstellten Regeln gewöhnlicher Erzähldramaturgie (insbesondere des Krimis). Er wirft seine Spannungselemente gleichsam in die Luft, um sie dann zumindest abstrakt und ethisch höchst unbefriedigend wieder zusammenzusetzen. Nicht genug damit: Auf den konkreten Moralfall bezogen, verstärkt sich das Empörungskribbeln im Zuschauer eher noch. Eine schlimme Tat passiert. Kommt der Täter davon? Wann endlich kommt es zur - hier immer wieder subtil verzögerten - Entdeckung der Umstände und zur Bestrafung? Sie lassen auf sich warten. Noch schlimmer: Der Lauf des Films bringt einem das Opfer fast aus dem Blick, und der unsympathische Täter gewinnt menschliche Kontur und Anteilnahme.

Das moralische Dilemma schließlich überdauert das Ende dieses brillant geschriebenen, atemberaubend inszenierten und berückend ästhetisch gestalteten Films. Dunkel und vorwiegend nachts beginnt "Spätwerk", hellt sich zunehmend auf und zeigt im weiteren Verlauf Ferienhausszenen an einem Meer in einem transparenten Licht, das allein schon glücklich macht (Bildgestaltung Johann Feindt). Man fühlt sich unbehaglich bei so viel Schönheit. Darf das sein?

Eigentlich handelt es sich um eine recht simple Geschichte im Verlagsmilieu: Paul Bacher (Henry Hübchen), versoffener ehemaliger Starautor eines suhrkampähnlichen Betriebes, in dem die geistige Backlist dieser Republik gepflegt wird, konsequenter Berufszyniker, tötet betrunken einen Menschen. Erst fährt er ihn aus Versehen an. Tödlich wird erst der Vertuschungsversuch. Ohne Absicht, alles passiert irgendwie, eine kriminelle Motivation gibt es nicht, der Zufall ist schuld oder vielleicht auch der Lebensekel und die benebelte Wurschtigkeit Bachers, die von seinem Überlebenstrieb abgelöst wird. Man kann an Camus' "Der Fremde" denken. Dann passiert nichts. Jedenfalls nicht das Erwartete.

Denn es passiert, in ruhigem Fluss mit souveränen Auslassungen erzählt, eine ganze Menge an empörender Unfairness. Der Intellektuelle Paul Bacher, von Henry Hübchen sarkastisch mit selbstironischer Note gespielt, wird dank der Tat wieder lebendig. Die Skrupel, die ihn zu Beginn niederzudrücken scheinen, heben sich in neuer Lebenslust und gesteigerter Potenz auf. Und in literarischer Produktivität, die er zuvor seit Jahren vergeblich wiederzufinden hoffte.

Das Opfer, der Anhalter, den der Film perfide als allererste Figur auftreten lässt und der bald verschwinden und doch bis zum Schluss auf dem Schirm bleiben wird, wird für den Autor mit Schreibblockade zu einer Art Menschenopfer, das die Inspiration der Götter aufleben lässt. Der junge Mann, Daniel (Jordan Dwyer), der die Seiten der Bücher entsorgt, sobald er sie gelesen hat - das mag für den bibliophil Empfindlichen schon genug Götterfrevel sein - wird vom provinzlesereisemüden Bacher nachts an menschenleerer Tankstelle aufgenommen. Der Passagier drängt sich auf. Ein Streit über Fotos mit dem Smartphone mündet im Rauswurf. Kein Bild soll gemacht werden von dem, der die Welt im Wort fängt - und der später, als seine Novelle über die Tat auf der Buchpräsentation gefeiert wird, sich im Blitzlichtgewitter der Fotografen sonnt. Verlagsleiter Wolf (Michael Schenk), eine gebildete Dumpfbacke von Gnaden, ist zufrieden mit dem Dichter.

Die Dialoge in "Spätwerk" sind höchst unterhaltsam und voller Esprit, das intellektuelle Buchbranchenmilieu, dem die kaufmännische Geistlosigkeit eingeschrieben ist, ist präzise getroffen und vor allem die Dreiecksbeziehung Bachers mit Teresa (Patrycia Ziolkowska), einer enttäuschten Enddreißigerin, die ihn nicht ganz uneigennützig auf eine Lesereise rettet, und der Verlagslektorin Hannah (großartig: Jenny Schily), die nicht bereit ist, ohne wortgewandten Kampf Bachers Bett zu räumen, machen den Film zum großen Vergnügen. Ein Vergnügen mit eingeschriebenem schlechtem Gewissen.

Aus epd medien Nr. 19 vom 11. Mai 2018

Heike Hupertz