Tagebuch
Angeklagt wegen Pazifismus. Ruslan Kotsaba sitzt zwischen den Stühlen
Frankfurt a.M. (epd). Der ukrainische Journalist Ruslan Kotsaba bezahlt einen hohen Preis dafür, dass er sich für ein Ende des Krieges in der Ukraine einsetzt. "Wäre es nach dem Staatsanwalt gegangen, hätte ich meinen Vortrag hier erst in 13 Jahren gehalten", sagt er bei einem Treffen mit Friedensaktivisten im Januar in Mainz. Für einen Aufruf, den "Brudermord" zu beenden, saß er bereits anderthalb Jahre in Untersuchungshaft. In einem zweiten Verfahren droht ihm eine lange Gefängnisstrafe.

Der Reporter ist ein kräftiger Mann mit sanftem Blick und akkurat gestutztem Bart. Allzu optimistisch klingt der 52-Jährige nicht: Hass sei in der Ukraine zurzeit die Grundlage aller staatlichen Entscheidungen. "Jeder, der versucht, kritisch über den Krieg zu berichten, wird als Moskauer Agent diffamiert", lautet das Fazit des zweifachen Vaters. Eine Friedensbewegung gebe es nicht. Die Staatsführung versuche, alle derartigen Initiativen "mit Stumpf und Stiel auszumerzen". Selbst die Kirchen täten nur wenig für ein Ende des Konflikts und sammelten stattdessen Spenden für die Armee.

Seit mittlerweile fast vier Jahren schreibt und redet Kotsaba gegen den Krieg an, in dem offiziell schon mehr als 10.000 Menschen ums Leben kamen. Für einen landesweiten Fernsehsender war er 2014 in die Donbass-Region aufgebrochen, als nach dem Umsturz in Kiew die Kämpfe im Osten des Landes ausbrachen. Er berichtete von beiden Seiten der Frontlinie und ließ sich als erster westukrainischer Journalist offiziell von den prorussischen Separatisten akkreditieren. Während Kiew von einem Kampf gegen Terroristen oder von einer russischen Invasion sprach, sah Kotsaba überwiegend die Beteiligung der eigenen Landsleute.

Anfang 2015, das erste Minsker Abkommen zur Beilegung des Konflikts war gerade im Geschützdonner untergegangen, veröffentlichte er mit seiner Handykamera einen persönlichen Aufruf und stellte ihn ins Internet: Alle Ukrainer sollten den Wehrdienst verweigern. Für ihn war dies ein "Akt der Verzweiflung", sagte der Reporter im Rückblick, für die Staatsmacht wohl der sprichwörtliche "letzte Tropfen". Kotsaba wurde verhaftet und wegen Behinderung der Streitkräfte und Landesverrats angeklagt.

In erster Instanz erhielt er dreieinhalb Jahre Gefängnis, ein Berufungsgericht sprach ihn frei, doch der Freispruch wurde vom Obersten Gerichtshof der Ukraine kassiert. Nun beginnt das Verfahren in der westukrainischen Region Iwano-Frankiwsk von vorne. Bei seiner Visite in Mainz fürchtete Kotsaba, dass er von der Vorverhandlung direkt wieder ins Untersuchungsgefängnis abtransportiert werden würde. Tatsächlich kommt es wenige Tage später ganz anders: Der Richter erklärte sich selbst für befangen. Nun muss ein neuer Gerichtsort bestimmt werden.

In der Zwischenzeit arbeitet Kotsaba weiter für das Fernsehen. Der Kiewer Sender "NewsOne", hält ihm einen eigenen Sendeplatz frei. In der Sendung "So denke ich" kann er seine Sicht auf das politische Geschehen darlegen. Doch seit er mehrfach von Rechtsextremisten attackiert wurde, wird er zu Recherchen inzwischen nur noch selten vor die Redaktionstür gelassen: "Meine Chefs sagen, draußen bist du kein Reporter, sondern selbst eine wandelnde Nachricht", sagt Kotsaba.

Dass Kotsaba in der Ukraine nur verhältnismäßig wenig Rückhalt erfährt, liegt vermutlich daran, dass er zwischen allen Stühlen sitzt: Für Rechtsextremisten und prowestliche Kiewer ist er wegen seiner pazifistischen Überzeugungen zum Verräter geworden. Zugleich gilt er als ukrainischer Patriot, weshalb ihm auch bei linken und prorussischen Kräften Argwohn entgegenschlägt. Unbeirrt glaubt Kotsaba trotzdem, dass sein Land Spaltung und Bürgerkrieg überwinden kann: "99 Prozent der Ukrainer haben die gleichen Wünsche nach Frieden, familiärem Glück, ein wenig Wohlstand und einem Land ohne Korruption."
Aus epd medien Nr. 6 vom 9. Februar 2018

Karsten Packeiser