Interview
"Aktueller denn je"
Ein epd-Gespräch mit dem ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm
Frankfurt a.M. (epd). Auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch den Rundfunkbeitrag bestätigt hat, bleiben ARD und ZDF unter Druck. In den Staatskanzleien wird derzeit eine Konzentration des Auftrags auf Information, Bildung und Kultur diskutiert. Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm spricht sich dagegen deutlich für die Beibehaltung eines breiten Auftrags aus, der auch Sport, Fiktionales und Unterhaltung umfasst. Wilhelm, der in den 90ern in der Bayerischen Staatskanzlei arbeitete und von 2005 bis 2010 Regierungssprecher in Berlin war, ist seit 2011 Intendant des BR. Seit Anfang des Jahres ist er ARD-Vorsitzender. Diemut Roether sprach mit ihm über den Auftrag, den digitalen Umbau in der ARD und über seine Vision für ein europäisches Youtube.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerät derzeit von vielen Seiten unter Druck. In öffentlichen Diskussionen und auch in den sozialen Netzwerken wird er stark angefeindet. Was denken Sie, wenn Sie den Vorwurf hören, das sei "Staatsfunk"?

Wilhelm: Zunächst einmal: Die Öffentlich-Rechtlichen genießen erfreulicherweise ein unverändert hohes Ansehen. Viele Menschen schätzen, dass sie durch uns etwas geboten bekommen, das es an anderer Stelle so nicht gibt, und das verloren gehen würde, wenn wir es nicht bieten. Unsere Programme spiegeln die föderale Vielfalt in unserem Land wider. Der von Ihnen genannte Vorwurf wird ja in der Regel von denen erhoben, die darauf pochen, dass ihr eigenes Weltbild transportiert wird. Es gibt Punkte, die sind nicht verhandelbar: In unseren Rechtsgrundlagen ist festgelegt, dass wir dem Extremismus und der Missachtung der Menschenwürde keine Plattform bieten. Umgekehrt gilt für uns aber, dass wir nicht einem Interesse zu dienen haben, sondern dass wir vielfältig, unabhängig und objektiv berichten und Angebote für die gesamte Gesellschaft machen. Insofern wäre die Wiedergabe von Regierungspositionen unter Vernachlässigung all der anderen Sichten und Argumente, die es dazu gibt, schlicht unzulässig. Auch das Bundesverfassungsgericht hat uns jüngst aufgegeben, "ein vielfaltsicherndes und Orientierungshilfe bietendes Gegengewicht zu bilden." Und das ist gut so.

Der Vorwurf geht ja noch weiter, er erstreckt sich dann auch auf die ganze Presse, die als "Lügenpresse" diffamiert wird...

Wilhelm: ... aber eben unterschiedslos. Da werden sogar Unterschiede, die es beispielsweise allein zwischen "FAZ" und "Spiegel", "Stern" und "Handelsblatt" gibt, in Abrede gestellt. Man sagt, das ist alles eins. Wir haben natürlich eine wachsende Polarisierung in unserer Gesellschaft, die sich vor allem in den sozialen Netzwerken abbildet, wo es gilt, eigene Gruppen einzuschwören durch permanente Mobilmachung und durch immer weiteres Aufputschen mit gleich gelagerten Inhalten oder gar Fake News im Sinne von Desinformation.

Es gibt auch Politiker, die den Medien vorwerfen, dass sie "Fake News" produzieren würden. Aber der Begriff ist vielschichtig: vieles von dem, was heute Fake News genannt wird, hätte man früher Propaganda genannt. Haben Sie das Gefühl, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk angesichts der Situation, in der die Medien sich heute befinden, seine Bewährungsprobe noch bestehen muss?

Wilhelm: Ich glaube, dass alle Weichenstellungen zugunsten einer freien Gesellschaft, also Rechtsstaatlichkeit, Pluralität, Demokratie, ihre Bewährungsprobe bestehen müssen. In vielen Ländern Europas erleben wir unzweifelhaft einen Zug zum Autoritären, zu einfachen Lösungen. Persönlich bin ich überzeugt, dass der Weg, den das Grundgesetz eingeschlagen hat, besser zur Natur des Menschen passt - zu Freiheit und Menschenwürde. Einfache Botschaften sind natürlich verlockend, weil sie vermeintlich vor der Komplexität unserer modernen Welt schützen. Das ist am Ende aber ein Irrweg.

Obwohl Sie sagen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk werde akzeptiert, so wie er ist, haben wir derzeit eine sehr lautstark geführte Debatte über den Auftrag. Die Politik will den Auftrag neu formulieren. Wenn Sie sich etwas wünschen könnten: Wie sollte Ihrer Meinung nach der Auftrag in Zukunft definiert werden?

Wilhelm: Ich halte die Gründungsidee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer noch für zeitgemäß. Sie ist aus schmerzlichen Erfahrungen mit der Staatspropaganda im "Dritten Reich" geboren und hat sich über Jahrzehnte bewährt: Ein sehr breiter Auftrag, der einer großen Mehrheit der Bevölkerung unterschiedlichste hochwertige Inhalte bietet und ihr durch diese Vielfalt Teilhabe am Leben in unserem Land ermöglicht. Der Zusammenhalt einer vielgestaltigen Gesellschaft ergibt sich nie von selbst. Gesellschaften können zerbrechen, können in eine sehr starke Frontstellung geraten. Das Ringen darum, möglichst viele verbindende Themen in einem Land zu erhalten, kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk ganz entscheidend unterstützen. Die schwierigste Aufgabe in Ländern, die immer heterogener werden, ist doch, immer wieder einen fairen Interessenausgleich zu erzielen und Gesamtöffentlichkeit herzustellen. Wenn wir das nicht schaffen, gibt es am Ende wirklich Hass und Gewalt. Ich glaube, der Kerngedanke, neben der freien Printpresse und dem kommerziellen Rundfunk ein öffentliches Gut wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben, ist aktueller denn je.

Es waren ja vor gut 70 Jahren im Grunde die Alliierten, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland erfunden haben. Aus den Staatskanzleien kommt nun die Forderung, das Profil zu schärfen, den Auftrag auf Bildung, Kultur, Information zu reduzieren. Was soll daran falsch sein?

Wilhelm: Eine Verbannung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in eine Nische, mit einem viel kleineren Publikum, dient am Ende nicht der Gesellschaft. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss in der Mitte der Gesellschaft verankert bleiben, daher sollte es bei seinem gesetzlich festgeschriebenen, ungeteilten Auftrag bleiben. Dazu gehören neben Information, Kultur und Bildung auch Sport, Fiktionales und Unterhaltung. Es gibt keine Trennschärfe zwischen Unterhaltung und Information, wir haben keinen genau abgrenzbaren Kulturbegriff, auch Bildung ist sehr breit definiert: "Weissensee" als fiktionales Produkt bildet auch, "Babylon Berlin" unterhält und bildet, ein politisches Magazin ist hoffentlich nicht nur informativ, sondern auch ansprechend gemacht. Klar ist, und das hat auch Karlsruhe in der jüngsten Entscheidung im Juli noch einmal gesagt, dass wir eine Verpflichtung haben, werthaltige Inhalte zu liefern. Wie wir Themen wiederum aufbereiten, ob fiktional oder journalistisch, das ist Teil der Rundfunkfreiheit und kein Feld für staatliche Lenkung.

Das Bundesverfassungsgericht hat den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als "demokratiewesentlich" bezeichnet.

Wilhelm: In der Tat, wir müssen Vielfalt gewährleisten, wie das oberste Gericht sagt, ein Gegengewicht schaffen zur vielfaltsverengenden Wirkung von Filterblasen im Netz. Nur, das kann der Staat nicht inhaltlich steuern. Es gilt die Unabhängigkeit der Medien, das ist der klassische Fall der beiden Seiten einer Medaille, nämlich Freiheit und Verantwortung. Pressefreiheit und Rundfunkfreiheit verpflichten uns, uns immer wieder selbst im Rahmen der Programmautonomie zu überprüfen: Zeigen wir das ganze Bild? Ist die Qualität entsprechend? Wie empfänglich sind wir für Kritik? Wie schnell stellen wir uns dem Dialog? Ich rede also nicht einer kritiklosen Verbreitung unserer Angebote das Wort. Überlegungen, den Rundfunk in seinem Auftrag einzuschränken, überschreiten meines Erachtens jedoch klar die Grenzen, innerhalb derer wir unsere verfassungsrechtlich vorgegebenen Aufgaben erfüllen können. Ich plädiere deshalb leidenschaftlich für die Beibehaltung eines breiten Auftrags. So wie er auch schon in den Grundwerten der BBC verankert ist, nach deren Vorbild die ARD gegründet wurde: "to inform, educate and entertain".

Sie selbst haben aber auch gesagt, es gebe zu viele Krimis und zu viele Talkshows im Programm...

Wilhelm: Ich trete für mehr Vielfalt in der Aufbereitung von Information ein, also: mehr Abwechslung von Talkshows, Thementagen, Dokumentationen, Expertengesprächen und dergleichen, und ich denke, wir sind auf diesem Weg. Nehmen Sie nur das Beispiel der "Weltspiegel-Extra"-Sendungen, in denen wir vertieft einem Thema nachgehen. Bei ARD-alpha haben wir ein neues Experten-Format geschaffen, "Alpha Demokratie". Und auch im Hörfunk gibt es viele Ansätze, Themen noch besser zu erklären und zu vertiefen.

Was stört sie an den Talkshows? Findet da nicht auch ein Gespräch der Gesellschaft über sich selbst statt?

Wilhelm: Mit der Reduzierung von fünf auf drei Talkshows im Ersten haben wir den richtigen Schritt getan. Talkshows haben ihre Berechtigung im Programm. Sie sind eine wichtige Möglichkeit, sich ein Bild zu machen von den Überzeugungen maßgeblicher Akteure, zu Politikern Vertrauen aufzubauen oder eben kein Vertrauen zu fassen. Aber es sollte nach meinem Empfinden nicht das dominierende Format sein, sondern in journalistische Vielfalt eingebettet sein. Was wir dem Publikum auch bieten sollten, ist das Durchdringen von Themen. Der Mix macht's.

Sie haben eben auf sehr schöne Produktionen verwiesen, die die ARD macht, "Weissensee" und "Babylon Berlin". Die ARD ist der größte Fiction-Produzent in Europa. Muss das sein?

Wilhelm: Ja, so lange wir uns unterscheiden von dem, was Netflix und Amazon anbieten. Wenn wir die Budgets deutlich kürzen oder uns zurückziehen würden oder - wie in meiner Kindheit - im Wesentlichen US-Formate übernehmen, von "Bonanza" bis "Lassie", dann würden wir weniger über unser eigenes Land erfahren. Es ist eine wichtige Aufgabe gerade der föderal gestalteten ARD, unserem Land ein Bild von sich selbst zu bieten, mit Themen aus unseren Regionen, ihren Lebenswelten, mit unserer Literatur und unseren Künstlern. Dazu müssen wir aber auch einsteigen in unsere kreativen Inhalte und nicht nur die von anderen übernehmen. Wenn wir das komplett Netflix mit seinen überwiegend global ausgerichteten Inhalten überließen, würde viel von dem, was unser Land ausmacht, nicht gezeigt werden.

Könnten Sie sich vorstellen, dafür auch mit Netflix oder Amazon zu kooperieren?

Wilhelm: Das ist eine strategische Frage, wir suchen uns unsere Kooperationspartner sehr genau aus. Punktuell passiert es ja bereits. Wir haben fiktionale Gemeinschaftsproduktionen, wie "Babylon Berlin", das die ARD mit Sky produziert. Ich denke, auch mit der Telekom wird das eine oder andere gemeinsam produziert werden. Wir teilen uns mit privaten Plattformbetreibern Sportrechte, das ist also nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Wir müssen aber immer wieder genau schauen, wo wir zu viel von uns selbst aufgeben. Das Beste wäre eine eigene Plattform, mit der wir die Bedingungen in der Hand behalten, wie wir unser Publikum erreichen.

Das Thema Plattform beschäftigt Sie ja auch in anderer Hinsicht. Sie fordern eine europäische Plattform, auf der nicht nur ARD und ZDF vertreten sind, sondern auch die Privatsender, die Verlage, die Kulturinstitutionen, die Wissenschaft. Was stellen Sie sich da genau vor? Ein europäisches Facebook?

Wilhelm: Was mir vorschwebt, ist eine europäische digitale Infrastruktur - eine Plattform für Qualitätsinhalte im Netz, als europäisches Gegenstück zu Youtube, allerdings mit Elementen sozialer Netzwerke wie Facebook. Zum einen geht es um qualitativ gute Inhalte der genannten Institutionen, also von Medien, Verlagen, Museen, Bildungseinrichtungen, Universitäten, zum anderen auch um die Möglichkeit für Bürger, sich zu beteiligen. Wir haben heute das Problem bei den US-Plattformen, dass sich unterschiedslos Fakten, gefälschte Inhalte und Propaganda auf einer Ebene bewegen und es für den Nutzer gar nicht mehr möglich ist, zu unterscheiden, was von wem kommt. Darüber hinaus geht es darum, dass wir in Europa die vielen Wertentscheidungen mit Bezug auf den Umgang mit Daten, den Schutz der Privatsphäre, aber auch den Erhalt unserer kreativen Leistungsfähigkeit bewahren. Alle, die ihre Inhalte an Facebook oder Youtube geben, erhalten keinen Zugang zu den Nutzerdaten. Sie können, wenn sie auf Einnahmen angewiesen sind, dort ihre Geschäftsmodelle nur in minimalem Umfang umsetzen. Das führt dazu, dass viele kreative Leistungen nicht mehr fair bezahlt werden. Wir erleben eine vollständige Kontrolle dieser Plattformanbieter über die Algorithmen, also die Verfahren, wie Inhalte bewertet, vorsortiert und den Nutzern empfohlen werden. Dies geschieht derzeit nach dem Prinzip, je emotionaler, je zugespitzter der Inhalt, desto besser. Damit werden jedoch Polarisierung und Radikalisierung befördert.

Das heißt, für diese Plattform müsste auch ein öffentlich-rechtlicher Algorithmus entwickelt werden?

Wilhelm: Er müsste zumindest die Wertvorstellungen Europas stärker widerspiegeln. Algorithmen wurzeln stets im Politischen und Kulturellen. Der Chef von Facebook sieht beispielsweise Nacktheit als etwas Schlimmeres an als die Leugnung des Holocaust. Entsprechender Content im Netz wird in den USA sofort gelöscht. In Europa ist es anders: Wir haben hier aus gutem Grund einen starken Schutz vor Positionen, die die Menschenwürde mit Füßen treten. Die Leugnung des Holocaust ist in Deutschland aus geschichtlichem Grund sogar strafbar. Wir sollten das, was wir in Europa für den öffentlichen Raum an Zielen formuliert haben, auch im digitalen öffentlichen Raum verwirklichen.

Sie werben ja schon seit einigen Monaten für diese Idee, Ihr Kollege vom ZDF, Thomas Bellut, hält das für "weltfremd".

Wilhelm: Thomas Bellut hat sich lediglich gegen eine gemeinsame Mediathek von ARD und ZDF ausgesprochen, die ich aber gar nicht vorgeschlagen habe. Ich glaube, dass man die Eigenständigkeit seines Auftritts bewahren kann und trotzdem auf einer solchen europäischen digitalen Infrastruktur besser aufgehoben ist. Richtig ist, dass die Inhalte-Anbieter das nicht alleine durchsetzen können, sondern dass Sie dazu die Initiative der Politik brauchen.

Haben Sie in der Politik einen Ansprechpartner gefunden, der das mit Ihnen zusammen betreibt?

Wilhelm: Ich habe sehr viele gute Gespräche geführt. Es gibt große Einigkeit, dass Europa ein Gegengewicht zu den amerikanischen Monopolanbietern braucht und damit unsere Werte auch im digitalen Raum stärker durchsetzen kann. Die Frage ist nur, wer ergreift die Initiative und wem kann man eine solche Unternehmung anvertrauen? Da gibt es unterschiedliche Modelle.

Gibt es ein Modell von Ihnen?

Wilhelm: Das kann der Gesetzgeber definieren. Die Politik müsste entscheiden, wie sie es machen will. Wir haben ja im Bereich der Telekommunikation Lizenzen, wir haben bei der Nutzung der Verkehrswege Lösungen, es gibt in der Wirtschaftsordnung dafür Modelle, es wäre auch öffentliches Wagniskapital denkbar, um eine innovationsfreundliche Umgebung für eine solche Gründung zu schaffen. Man bräuchte in jedem Fall eine Begleitung durch Wettbewerbsrecht und Telekommunikationsrecht. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass es bisher keinem Start-up in Europa gelungen ist, auch nur annähernd ein Gegengewicht zu schaffen, weil der Marktvorsprung und die Kapitalkraft der Amerikaner riesig sind. Sie verfügen über Datenprofile von Milliarden Menschen. Das wird aus eigener Kraft kein Konkurrent schaffen, das braucht einen Anschub.

Sie stellen sich das also nicht so vor, dass die ARD die treibende Kraft sein soll?

Wilhelm: Das ist uns gar nicht möglich. Wir würden nur gern mit von der Partie sein wie viele andere Inhalte-Anbieter auch, die eine Alternative zu den US-Plattformen suchen. Heute müssen wir alle auf Gedeih und Verderb unsere Inhalte an Youtube und Facebook geben. Wir brauchen eine zusätzliche Option in Europa, eine neue, digitale Infrastruktur, die sich auf unsere Kultur und Rechtsordnung beruft, bei der die Daten in Europa verbleiben. Wir dürfen den digitalen öffentlichen Raum nicht Privatbesitz aus den USA überlassen.

Dass ARD und ZDF so viele Inhalte an Youtube und Facebook geben, wird ja auch von den Privatsendern stark kritisiert. Sie sagen, sie fördern damit Konzerne, die in Deutschland kaum Steuern zahlen.

Wilhelm: Es geht ja nicht nur uns so, derzeit gibt es kaum noch jemanden, der ohne Google, Youtube und Facebook auskommt. Auch die Gerichte, die Polizeibehörden, die Regierungen haben dort Portale. Wer heute eine große Zahl von Menschen in der digitalen Sphäre erreichen will, mit ihnen ins Gespräch kommen will, hat nur die US-Anbieter.

Sie sagen, die Digitalisierung der ARD muss vorangetrieben werden. Ich habe mir mal angeschaut im Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, wie viele Mitarbeiter der ARD im Jahr 2015 im Online-Bereich und im crossmedialen Bereich beschäftigt waren. Ein Prozent der Mitarbeiter im Programm arbeiteten im Jahr 2015 im Online-Bereich, vier Prozent arbeiteten crossmedial. Die "Tagesschau" ist 1996 online gegangen, seither gibt es "Tagesschau.de". Warum hat sich da so wenig getan in den vergangenen 20 Jahren?

Wilhelm: Ich glaube, diese Statistiken sind nicht aussagekräftig. Wenn Sie mein Haus, den BR, nehmen, ist der Kern des Umbaus die Trimedialität. Bei uns gibt es nicht mehr, wie früher, getrennte Politikredaktionen für Hörfunk, Fernsehen und Online, sondern es gibt einen gemeinsamen Programmbereich Politik, der die Themen für Hörfunk, Fernsehen und Online plant, recherchiert und aufbereitet. Online sprechen wir neue Publika in ganz eigener Gestaltung und Machart an, um umfassend Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Nehmen Sie Serien wie "Servus Baby" vom BR, die sind eigentlich in der Dramaturgie für das Netz gemacht, aber sie werden auch im linearen Fernsehen gezeigt. Es gibt umgekehrt Produktionen, die für das Lineare konzipiert sind, aber auch im Netz gezeigt werden. Es gibt "Frag BR24", kleine Erklärvideos, die nur für das Netz konzipiert sind und dort auch gut genutzt werden. Ich halte die Frage, wer eigentlich für was zuständig ist, für überholt. Ich möchte, dass ein Journalist, der an einem Thema dran ist und echte Sachkunde besitzt, sich auch überlegt, wie können wir es Online aufbereiten und auch für das Publikum im Netz interessant machen.

Trotzdem wundert man sich, warum das so lange dauert. Der trimediale Umbau beim BR ist ein Prozess, der vor sechs Jahren begonnen hat und noch vier Jahre dauern soll. Warum geht das nicht schneller?

Wilhelm: Beim BR geht es um neue Gebäude, in die über tausend Mitarbeitende umziehen werden. Wenn es ums Bauen geht, unterliegen wir den Regeln der öffentlichen Hand. Jedes Privatunternehmen kann ungleich schneller bauen. Wir haben für unseren trimedialen Neubau Ausschreibungen und sehr viele Verpflichtungen, die der private Bauherr nicht hat. Das bedeutet, dass wir am Ende zehn Jahre brauchen werden, um diesen Neubau realisiert zu haben. Strukturell haben wir die Reformen im BR aber bereits abgeschlossen und sind nun konsequent nach trimedialen Ressorts aufgestellt, es gibt also wie gesagt nur jeweils noch einen Hauptverantwortlichen für Kultur, für Wissenschaft und Bildung, für Sport sowie etwa einen trimedialen Chefredakteur für Fernsehen, Hörfunk und Online. Das alles zu verändern, einen regelrechten Kulturwandel zu erreichen, geht ohnehin nicht von heute auf morgen.

So wie Sie das schildern, hört sich das so an, als wäre das alles mit dem vorhandenen Personal nicht zu machen.

Wilhelm: Unter den Finanzbedingungen der 80er Jahre hätte man Hunderte Menschen mit neuen Berufsbildern eingestellt in der ARD. Heute schrumpfen wir längst im Saldo, wir haben von Jahr zu Jahr weniger Mitarbeiter. Neue Berufsbilder an Bord nehmen, wie Mediengestalter oder Programmierer, können wir nur, wenn Mitarbeiter in den Ruhestand gehen.

Aber gibt es nicht auch Redakteure, die sagen, ich möchte etwas Neues machen? Das klingt, als wären alle resistent gegen Veränderung.

Wilhelm: Nein, keineswegs! Die gesamte ARD ist mächtig in Bewegung. Viele Mitarbeitende ziehen voll mit, nicht nur die Jüngeren. Es gibt 60-Jährige in großer Zahl, die sagen, ich hätte nicht gedacht, dass ich mich am Ende meines Berufslebens noch einmal so verändern muss, aber es macht mir große Freude. Ich bin insgesamt sehr zuversichtlich und auch stolz darauf, was wir geleistet haben.

Es gibt aber auch berechtigte Bedenken gegen die großen Einheiten, die jetzt entstehen, die Newsrooms, weil man die Befürchtung hat, es wird viel mehr konfektioniert, die persönliche Handschrift könnte verloren gehen.

Wilhelm: Wir haben ja verschiedene Angebote. Es gibt die schnelle Nachricht, die angesichts der Beschleunigung im Netz nicht so umfassend sein kann, aber wir setzen auch stark auf Hintergrund, die erklärenden Formate, die Dossiers. Im Audiobereich erleben wir bei den Podcasts ebenfalls einen großen Hunger nach Erklärstücken. Ich denke, wir werden an beiden Enden zulegen müssen, auf der einen Seite mehr Vertiefendes, mit genuinen Angeboten, und auf der anderen Seite die schnelle Erfassung und Einordnung des Geschehens.

Das klingt nach mehr Output für noch weniger Mitarbeiter.

Wilhelm: Das Dilemma ist leider, dass wir schrumpfen müssen, obwohl wir immer neue Aufgaben wahrnehmen und beispielsweise auch digitale und mobil nutzbare Angebote entwickeln müssen. Wenn die Meinungsbildung sich ins Netz verlagert, müssen Qualitätsanbieter dort auch vertreten sein. Das erwartet auch die Politik von uns. Neue Anforderungen bei sinkenden Ressourcen, das ist eine schwierige Aufgabe. Deshalb widerspreche ich mit Nachdruck, wenn behauptet wird, da ist noch viel Luft, da sind noch mächtige Polster und viel Speck. Das bezieht sich vielleicht auf Regelungen aus Tarifverträgen aus den 70er Jahren, an denen man im Übrigen nicht so schnell etwas verändern kann. Aber sich im Wettbewerb zu behaupten, beim rasanten digitalen Wandel - da kann von Bequemlichkeit überhaupt keine Rede sein. Wir sind wie alle Medienunternehmen allein schon durch die Marktveränderung und die Digitalisierung angehalten, ständig in Bewegung zu bleiben. Die meisten Häuser der ARD bauen deutlich um, allein der BR sieht heute völlig anders aus als noch vor zehn Jahren. Im Moment erleben wir beispielsweise deutliche Veränderungen mit Podcasts, der nächste Innovationssprung sind Sprachassistenten sowie intelligente Cockpits im Auto. Spotify, Netflix, Telekom legen zu, wir werden umfassend gefordert sein. Ich kann der Rundfunkpolitik wirklich die Sorge nehmen, dass wir stillstehen oder Besitzstände verteidigen.

Obwohl Sie sagen, dass das Netz so wichtig ist, um neue Publika zu erreichen, haben Sie sich mit den Verlegern darauf geeinigt, die Textanteile im Netz zurückzufahren. Schränken Sie sich damit nicht zu sehr ein?

Wilhelm: Nach langem Ringen ist es, auch dank des Vertrauensverhältnisses zum Präsidenten des BDZV, gelungen, den Telemedienauftrag zu modernisieren. Wir wollen vor allem den Erwartungen der Menschen an eine zeitgemäße Mediennutzung nachkommen. Am Ende ermöglicht es die Einigung, uns gemeinsam den Herausforderungen in einer sich rasant verändernden Medienwelt zu stellen. An ARD, ZDF und Deutschlandradio liegt es jetzt, in den Online-Produkten unsere Kernkompetenzen im Bereich Audio und Video in den Vordergrund zu stellen. Die Verleger wiederum akzeptieren, dass die Öffentlich-Rechtlichen im Internet auf Texte nicht verzichten können, um ihre journalistischen Aufgaben zu erfüllen. Zudem soll eine neue Schlichtungsstelle helfen, Vertrauen zu schaffen. Die Stelle wird gleichmäßig besetzt mit Vertretern der Verleger und der Rundfunkanstalten, sie kann im Streitfall Lösungsvorschläge machen. Und die Reform bringt Verbesserungen für die öffentlich-rechtlichen Mediatheken, etwa durch den Wegfall der bisherigen Sieben-Tage-Regel. Stattdessen ist es Aufgabe der Rundfunkanstalten, die Verfügbarkeit durch eigene journalistisch-redaktionelle Konzepte zu regeln. Im Übrigen dauert es noch bis voraussichtlich Mai 2019, bis der entsprechende Staatsvertrag in Kraft tritt.

Die Aufgaben wachsen, trotzdem bleibt die Vorgabe der Politik, dass Sie sparen sollen und es gab deutliche Reaktionen, dass die Sparpläne, die Sie bisher vorgelegt haben, nicht reichen.

Wilhelm: Das haben wir entsprechend kommentiert.

Im nächsten Frühjahr werden Sie Ihren Bedarf neu anmelden bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten. Ist es dann vorbei mit der Bescheidenheit?

Wilhelm: Die Politik hat uns einen Auftrag erteilt, der die unterschiedlichsten Felder umfasst. Die Politik hat auch deutlich gemacht, dass die Qualität der Angebote, auch die Vielfalt der Inhalte, gerade aus den Regionen, gewahrt bleiben sollen. Dann gilt die verfassungsrechtliche Vorgabe, dass das, was der Gesetzgeber beauftragt hat, bedarfsgerecht zu finanzieren ist. Das ist jüngst einmal mehr durch Karlsruhe bestätigt worden. Dieser verfassungsrechtliche Rahmen ist die Grundlage, auf der wir unseren Bedarf anzumelden haben. Umgekehrt haben wir natürlich auch ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Diskussion. Aber wir können nicht so anmelden, dass es zu massivem Programmabbau führen würde. Die Politik wünscht keinen massiven Programmabbau, das Publikum wünscht ihn ebenfalls nicht. Der Rundfunkbeitrag ist seit neun Jahren nicht mehr gestiegen, er wurde 2015 sogar auf 17,50 Euro gesenkt. Seit 2009 haben sich die verfügbaren Mittel der ARD unterhalb der allgemeinen Preissteigerung bewegt. Mit Blick auf die Zukunft halten wir den Vorschlag einer Gruppe von Ländern für eine Indexierung des Rundfunkbeitrags, also eine Weiterentwicklung entlang der Verbraucherpreise, für grundsätzlich tragfähig. Auch eine Budgetierung wäre sinnvoll, wenn sie Anreize zum wirtschaftlichen Handeln setzt. Beides könnte helfen, die Rundfunkpolitik zu versachlichen und uns Planungssicherheit für notwendige Reformen zu geben, vor allem für den weiteren Umbau für die digitale Welt. Der Ball liegt aber hier bei den Ländern. Selbstverständlich ist, dass bei jeder konkreten Ausgestaltung eines Indexierungsmodells die verfassungsrechtlichen Vorgaben einer auftragsgemäßen Finanzierung beachtet werden müssen. Dies haben die Vertreter der Länder immer anerkannt.

Ihre private Konkurrenz meint: Weniger Sport, weniger Krimis, dann bleibt auch mehr Geld für anderes.

Wilhelm: Auf den Sport bezogen gibt es drei klare Antworten: Erstens, der Sport gehört zu unserem Auftrag - Spitzensport, massenattraktiver Sport ebenso wie Randsportarten. Nehmen wir das Beispiel der letzten Fußball-Weltmeisterschaft: Sowohl die sportliche Leistung der deutschen Nationalmannschaft als auch ihre Rolle in der Gesellschaft wurden breit diskutiert - von jedermann und jederfrau, von Alt und Jung, in allen sozialen Schichten und Milieus. Zweiter Punkt: Wir berichten anders über den Sport. Wir bereiten Sportveranstaltungen seriös, in aller Tiefe auf und beleuchten immer auch die gesellschaftlichen Bezüge. Und wenn Sie an die European Championships mit Leichtathletik und Schwimmen denken: Wir entwickeln Formate für die anderen klassischen Sportarten neben dem Fußball. Drittens: Unser Sportrechte-Etat ist schon abgesenkt, er ist bis 2020 gedeckelt auf etwa 250 Millionen Euro im Jahr. Er war, als ich anfing als Sportrechteintendant, höher als heute, und wir haben ihn auch nicht gesteigert, als die Preise bei bestimmten Sportarten davonliefen. Dann verzichten wir auf Rechte oder beschränken uns auf Teilrechte, so geschehen beim DFB-Pokal, wo nunmehr Sport1 ebenfalls im FreeTV live berichtet, oder in der 3. Liga des DFB mit dem Hauptrechteinhaber Telekom, oder bei der Handballbundesliga mit Sky. Und nicht zuletzt haben wir bei den Olympischen Spielen mit Discovery eine Sublizenzvereinbarung. Mein Eindruck ist, wenn ich mit Discovery, mit der Telekom oder mit Sky spreche: Dort ist anerkannt, dass durch unsere Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Sport Teil der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bleibt. Davon profitieren sowohl der Sport selbst als auch die ergänzenden Sportangebote der Privatsender. Bei der Champions League bin ich gespannt, wie es sich auf den europäischen Vereinsfußball auswirken wird, wenn die Spiele in ganz Europa nur noch im Pay-TV zu sehen sind.

Beim WDR wurden Anfang des Jahres Vorwürfe wegen sexueller Belästigung bekannt. Diese Vorfälle gab es nicht erst in letzter Zeit, sondern über Jahrzehnte hinweg. Die ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies hat als externe Gutachterin die Fälle im Auftrag des WDR aufgearbeitet. In ihrem Bericht, den sie kürzlich vorlegte, hat sie starke strukturelle Defizite festgestellt: Es gebe kein wertschätzendes Arbeitsklima, bei der Auswahl der Führungskräfte werde nicht auf soziale Kompetenz geachtet. Was können die anderen ARD-Anstalten aus diesem Bericht lernen?

Wilhelm: Wie immer, wenn an einer Stelle in der ARD etwas vorgefallen ist, haben wir auch bei der "MeToo"-Debatte frühzeitig im Intendantenkreis diskutiert, haben abgeglichen, welche Anlaufstellen und Ansprechpartner wir in den jeweiligen Häusern haben und überlegt, welche Erfahrungen wir von anderen übernehmen können. Der BR etwa hält ein bewusst breites Netz an Anlaufstellen vor, um jeder und jedem Betroffenen zu ermöglichen, eine geeignete Vertrauensperson zu finden - von der Gleichstellungsbeauftragten über Ansprechpartner in der Intendanz, der Juristischen Direktion, unserem Personalrat bis hin zu den Gremien. Vertrauen ist etwas, das man nicht programmieren kann. Entscheidend ist, dass wir vermitteln, dass wir Missbrauchsvorwürfe sehr ernst nehmen. Ich habe bei mehreren Gelegenheiten und internen Veranstaltungen in den vergangenen Monaten immer wieder die "Null-Toleranz-Politik" des BR deutlich gemacht: Unsere Mitarbeitenden müssen vor Übergriffen und Sexismus geschützt sein. Sexuelle Belästigung und Ausnutzung von Machtpositionen dulden wir nicht.

Was machen Sie darüber hinaus in Ihrem Haus?

Wilhelm: Wir haben es zum Teil der Ausbildung gemacht: Wie könnt Ihr Euch wehren, schluckt es nicht runter, macht es zum Thema! Wir haben es zu einem Modul bei Schulungen von Führungskräften gemacht, wir werden immer wieder bei Betriebsversammlungen darüber reden. Man muss das wachhalten. Denn gleichzeitig ist klar: Kein Arbeitgeber kann selbstgewiss sein, das Thema ist vielmehr eine Daueraufgabe, die Tag für Tag viele Anstrengungen erfordert. Nötig ist ein Klima des Vertrauens. Das gilt nicht nur für uns, sondern für alle Branchen, denn das Thema ist ein gesamtgesellschaftliches und betrifft sehr viele Bereiche, von Sport, Kultur bis Theater. Um etwa auch Schauspielerinnen und Schauspieler und andere Mitwirkende in der Kultur- und Filmbranche zu schützen, habe ich für die ARD schon früh die Unterstützung einer unabhängigen, überbetrieblichen Anlaufstelle zugesagt. Seitdem ist der MDR, bei dem die ARD-Filmintendanz liegt, dem Trägerverein der Vertrauensstelle beigetreten. Diese hat Anfang Oktober ihre Arbeit aufgenommen und heißt "Themis".

Die Aussagen von Monika Wulf-Mathies, dass die soziale Kompetenz bei Beförderungen im WDR keine Rolle spielt, lässt sich auf die gesamte Medienbranche übertragen: soziale Kompetenz ist kein entscheidendes Kriterium.

Wilhelm: Ehrlich gesagt, gilt das für das gesamte Wirtschaftsleben. Ich habe in vielen Funktionen erlebt, dass jemand, der ein guter Spezialist ist, in eine Führungsposition kommt, weil sein fachliches Können dort bestens aufgehoben ist. Aber die Frage, wie jemand mit Menschen umgeht, wird nicht gleichwertig betrachtet. Ich glaube, hier haben wir alle Lehrgeld bezahlt. Der Fokus liegt doch meist darauf: Toller Journalist oder toller Techniker, ergo sehr gut geeignet für die nächste Ebene. Ich habe mir auch vorgenommen, darauf noch stärker zu achten. Wir müssen die ganze Persönlichkeit betrachten.

Aus epd medien Nr. 41 vom 12.Oktober 2018