Tagebuch
Abbild der Gesellschaft. Eine Tagung über den Medienwandel
Frankfurt a.M. (epd). Journalisten und Medienmacher sind seit einigen Jahren zutiefst verunsichert. Da ist der zunehmende Druck durch den Medienwandel, die Krise des Geschäftsmodells, die Veränderung des Berufsbilds durch neue Formate und Distributionskanäle, der Autoritätsverlust durch neue Akteure auf dem Medienmarkt und das veränderte Informationsverhalten der Mediennutzer. Als wäre das noch nicht genug, kommen immer aggressiver werdende öffentliche Anfeindungen und Beschimpfungen hinzu, der auch von Politikern geäußerte Vorwurf der "Lügenpresse" und, schlimmer noch, die Behinderung der freien Berichterstattung sowie Angriffe auf Journalisten.

Der Politische Club der Evangelischen Akademie Tutzing hat sich vom 15. bis 17. Juni mit der Tagung "Medien im Wandel - Medien in der Krise" des Themas angenommen und zahlreiche namhafte Akteure versammelt. Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse, der den Politischen Club leitet, berichtete in seinem Eingangsvortrag von Demonstranten in Berlin, die, sobald sie des ARD-Hauptstadtstudios ansichtig wurden, "Lügenpresse" skandierten. Er selbst wurde als "Volksverräter" verunglimpft. Die Hassbotschaften finden sich nicht nur in Sozialen Netzwerken und in der Anonymität des Internets, sie werden auch in der Öffentlichkeit laut herausgebrüllt.

Mit dieser Klimaveränderung in der öffentlichen Kommunikation befassten sich auch der Chefredakteur des ZDF, Peter Frey, der ehemalige "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo, der ARD-Korrespondent Christian Feld und der Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann. Mascolo und Frey übten auch Selbstkritik und forderten ihre Kollegen auf, Fehler zuzugeben und öffentlich und nachvollziehbar richtigzustellen.

Reinemann wiederum appellierte an die Bürgerinnen und Bürger, ihren Beitrag zu einer Verbesserung der Kommunikationskultur zu leisten, indem sie Medieninhalte bewusst auswählen und sich in ihrer eigenen Kommunikation an allgemeine Normen und Werte halten, also nicht beleidigen oder gar zum Hass aufrufen.

Der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert und Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue forderten die Journalisten auf, sich von den lauten "Lügenpresse"-Rufern nicht ins Bockshorn jagen zu lassen, sich nicht selbst zu zensieren und vor allem nicht gleichgültig zu werden.

Alexandra Holland, die Herausgeberin der "Augsburger Allgemeinen", strich die Bedeutung des Lokaljournalismus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus. Lokalzeitungen seien tief in der Region verankert, und auch die Leserinnen und Leser schauten den Journalisten in ihrer Heimat genau auf die Finger. Gerade in Zeiten der Digitalisierung müssten Zeitungen und ihre Inhalte mehr denn je "Abbild des Lebens und der Gesellschaft" sein.

Längst sind Journalisten keine Gatekeeper mehr, diese Funktion haben die Algorithmen übernommen. Doch viele fremdeln noch mit ihrer neuen Rolle als Lotsen oder Kundschafter im Informationsdschungel. Auch die Tatsache, dass online gemessen werden kann, welche Artikel von wie vielen Menschen wie lang gelesen werden, hat Einfluss auf die redaktionelle Arbeit: Dass Artikel, die im Netz nicht "funktionieren", umgeschrieben werden, davon berichtete die Chefredakteurin von "Sueddeutsche.de", Julia Bönisch.

Wir dokumentieren eine Auswahl der Vorträge der Tagung mit freundlicher Genehmigung der Evangelischen Akademie Tutzing. Aus technischen Gründen mussten wir einige Texte etwas kürzen.
Aus epd medien Nr. 44 vom 2. November 2018

Diemut Roether