Debatte
Übungen in Toleranz
Eine Verteidigung der Talkshow
Frankfurt a.M. (epd). Die Talkshow hatte es seit ihrer Erfindung bei der Kritik schwer: Was das ganze Palaver denn solle, fragten die Kritiker, es gehe doch nur um öffentliche Rechthaberei und den Austausch von Parolen ohne Substanz. Alle quasselten durcheinander, kein Gedanke habe eine Entwicklungschance, und immer wenn es interessant werde, sei entweder die Sendung zu Ende, oder der Moderator entziehe das Wort. Viel zu viele solcher Shows würden darum wetteifern, dem Bundestag die politische Debatte zu entreißen, die Themen seien fahrlässig an eine schnell verderbliche Aktualität angelehnt, und es würden immer nur dieselben Leute eingeladen, obendrein schlecht erzogene Krawallbrüder, die einander ins Wort fielen und dafür sorgten, dass alle Kontroversen in Spiegelfechtereien endeten. Es komme nie auch nur irgendwas dabei heraus.

Wie wenig sich aufseiten der Kritik geändert hat, bewies kürzlich der Einspruch des Geschäftsführers des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, der empfahl, ARD und ZDF sollten mit der Talkerei mal ein Jahr Pause machen (epd 23/16). Denn die Effekte seien eher beklagenswert. Jedenfalls habe das Überwiegen der Flüchtlingsthematik bei den Talks zu nichts anderem geführt, als dass die AfD ins Parlament eingezogen ist. Der Talkshow oder den Talkshows wird also eine ganze Menge Einfluss zugetraut, aber was ihnen abgesprochen wird, ist die Legitimität. Die dürften die Debatte nicht bestimmen. Man, also Herr Zimmermann, ruft sie zur Ordnung und verdonnert sie zum Schweigen.

Ein großer Diskurs

Das ist eine recht willkürliche Maßregelung. Nur weil sie öffentlich-rechtlicher Provenienz sind, glaubt man, die ARD- und ZDF-Talks zügeln, deckeln, stillstellen zu sollen - dabei sind sie ja nur eine Fraktion im großen Stimmengewirr der öffentlichen Meinung, die wahrscheinlich derzeit sogar weniger lautstark wahrgenommen wird, als vor der Erfindung der sozialen Medien. Und der Vorwurf, es gehe bei den Fernsehtalks immer nur um Flüchtlinge, lässt sich ganz schnell widerlegen.

Die Pflege samt Jens Spahn hat uns immer wieder eingeholt, ferner die Wohnungsnot, die politisch korrekte Sprache, Kampfzone Klassenzimmer und die Bundestagswahl. Jeder kann das in den Mediatheken nachgucken. Der Vorwurf schließlich, das Thema Islam sei zu häufig auf die Agenda gesetzt worden, ist völlig unsinnig, denn das Gegenteil wäre erforderlich. Wir brauchen in Europa und der Welt eine neue Toleranzdebatte, eine Wiederauflage des großen Diskurses aus dem 18. Jahrhundert (Voltaire, Lessing) mit dem Ziel, die Religion aus dem Zusammenhang der Legitimierung des Tötens und Kriegsführens herauszutrennen.

Die klassische Debatte hat nicht gereicht, wir müssen sie weiterführen. Die öffentlich-rechtlichen Talkshows dürfen dabei gerne Vorreiter sein. Und was die schlechten Sitten in der televisionären Gesprächskultur oder die Kritik daran betrifft, so ist das Gebarme darüber lange schon überholt. Eine Talkshow lebt, ganz wie ihr akademisches Pendant, die Podiums-Diskussion, von der Debatte als Spielart von Streitkultur, es kann also nicht immer alles formvollendet und deliberativ und nach festen Regeln ablaufen.

Talkgäste werden vor der Sendung sogar dazu aufgefordert, einander ins Wort zu fallen, "keinen Streit zu vermeiden", weil das Hin und Her und der unterbrochene Redefluss als Ausweis von Lebendigkeit gelten und Talk-Show-Macher eher Angst davor haben, dass sich in einer Sendung alle einig sind und die Zuschauer vor dem Gerät einschlafen. Die Wirrsal also, die Aufregung und die Zügellosigkeit sind Absicht, nicht Entgleisung.

Drahtseilakt für Diskussionsleiter

Aber der Kampf um die Struktur der Debatte und die Treue zum Thema, den der Moderator oder die Talkmeisterin zu führen haben, muss dann doch spürbar sein, sonst kann der Zuschauer nach der Sendung nicht schlafen, weil es gar zu laut und zu unverständlich wurde. Ein Drahtseilakt also für die Diskussionsleiter und auch für jene Gäste, denen es außer um ihre Selbstbehauptung noch um eine gelungene Sendung geht.

Dass die Themen denen gleichen, die auch die Schlagzeilen der Tageszeitungen bilden, ist letztlich unhintergehbar, denn die Talkshow ist eins der besten Formate, über die das journalistische Fernsehen verfügt. Sie ist oft der Tagesaktualität verpflichtet, soll die Debatten der News-Kanäle, der Presse, des Radios, des Internets und der Stammtische aufgreifen und fortführen. Ihr daraus einen Vorwurf zu machen, ist widersinnig.

Fernsehen leidet wegen des technischen Aufwands, den seine Produkte auch im Zeitalter der Videokameras noch erfordern, ohnehin unter einem gewissen Timelags, was seine Fähigkeit betrifft, schnell zu reagieren. Die Talkshow ist vergleichsweise umgehend machbar, und sie verweist vor allem als Live-Show auf eine der letzten Begründungen für eine Fortexistenz des linearen Fernsehens, ganz wie die Sportübertragung, der Event-Mitschnitt oder der Gottesdienst. Jene Spannungsgrade, welche Live-Sendungen von "gebauten" journalistischen Magazinen unterscheiden - wo ja problemlos darauf geachtet werden kann, dass der rote Faden nicht reißt und niemand unterbrochen wird - sind erheblich und motivieren immer noch große Teile des Publikums, sich zu einer bestimmten Zeit vor den Fernseher zu setzen oder sich gar dort zu versammeln.

Die Tatsache schließlich, dass Talkshows in den Mediatheken häufig abgerufen und "nachgeguckt" werden, ferner, dass etliche große Tageszeitungen regelmäßig über die wichtigsten Talksendungen Bericht erstatten, ausführlich, mit Nennung der Namen aller Gäste und unter Nachzeichnung der Gedankenführungen und Argumentationsstränge, spricht für sich: Der TV-Beitrag zur republikweiten Diskussion von politischen, sozialen, ökonomischen und moralischen Problemen und Konfliktlagen wird nicht nur vom Publikum wahrgenommen, sondern sogar von der Presse gespiegelt. Das zeigt seine Bedeutung, seine Unverzichtbarkeit.

Ausdifferenziertes Genre

Der Vorwurf schließlich, es gebe viel zu viele "Quasselshows", sie verstopften das Programm und seien alle gleich, lässt sich dann nicht mehr aufrecht erhalten, wenn man genauer hinguckt und danach erkennt, dass just das Gegenteil stimmt: Gerade weil es so viele Talkshows gibt, entwickeln sich immer mehr Unterarten. Die Shows differenzieren sich aus, gerade durch ihre große Anzahl. Eine Sendung mit Frank Plasberg funktioniert ganz anders, hat einen anderen Rhythmus und hinterlässt das Publikum in einer anderen Stimmung als eine Talkshow mit der bedächtigeren Moderatorin Sandra Maischberger.

Und die Sendung im Anschluss an den "Tatort", die Anne Will leitet, unterscheidet sich wiederum stark von der Phoenix-Runde oder von dem ganz anders angelegten Talk mit Markus Lanz. Bei Maybrit Illner ist die Gesprächsatmosphäre wieder eine besondere, eine sehr lebhafte, mäandernde, die mehr Abschweifungen zulässt, und bei "Unter den Linden" talkt man dann wieder in einem ruhigeren Temperament.

Zu schweigen von Personality-Shows wie "Drei nach Neun" von Radio Bremen, in denen es allerdings auch nicht mehr um Streitkultur, sondern um Spaß am Allzumenschlichen geht und vor allem geneckt und gelacht wird, oder von Shows mit Sponti-Appeal wie "Augstein und Blome", wo der Streit eine Art Sport ist, der zugleich an Persönlichkeiten gebunden bleibt.

Vieles liegt natürlich an und in der Person, der die Moderation anvertraut ist. Aber auch die Struktur der Sendung, die Anzahl der Gäste, die Sendezeit, die Häufigkeit (täglich, wöchentlich, monatlich), die Frage, ob mit Einspielern und special guests, mit Studiopublikum oder ohne gearbeitet wird, die Einrichtung des Studios, die Getränke, die gereicht werden, die Sprache, die die Talkgäste sprechen, der Ton, den sie anschlagen und die der Moderator entweder vorgibt oder gerade nicht, die Dauer der Show und die Einbindung in einen Themenabend oder nicht, all diese Elemente bieten Felder, auf denen eine Talksendung ihren Charakter ausbilden kann, und es hat sich bislang gezeigt, dass die Differenzierungen ganz erheblich sind und dazu geeignet, das auszubilden, was wir Debattenkultur nennen, eine gesellschaftliche Errungenschaft, die, worauf man sich schnell einigen kann, zu einer Demokratie dazugehört und eigentlich ein Desiderat ist.

Die Meinung des Andersdenkenden

Ein Jahr Pause würde auch diesen Differenzierungsprozess unterbrechen und die Vielfalt der Nuancen, die bei Streitgesprächen eine Rolle spielen, wieder reduzieren.

Der Vorwurf, dass bei einer Talkshow nichts herauskomme und man am Schluss oft nicht klüger sei als zu Beginn, wird in letzter Zeit nicht mehr so oft erhoben. Im Gegenteil, es soll ja, glaubt man Herrn Zimmermann, sogar eine neue Partei mit Hilfe des Talkshow-Diskurses in den Bundestag geraten sein.

Es hat sich nun auch herumgesprochen, dass es keineswegs der Sinn einer Talkshow ist, ein Problem zu lösen, sondern dass es genügt, wenn sie ein Problem in einzelne Aspekte zerlegt und verschiedene mögliche Lösungsstrategien skizziert. Zur Debattenkultur gehört ja die Einsicht, dass es unterschiedliche Blicke auf ein Problemfeld oder ein Reizthema gibt und dass es von Vorteil ist, die "Meinung des Andersdenkenden" nicht nur zuzulassen, sondern auch anzuhören und sogar zu reflektieren - wobei die Talkgäste ruhig stur und/oder kämpferisch auf ihren Standpunkten beharren dürfen, das Publikum aber - und mit ihm die Gesprächsleitung - sich an eine unparteiische Bereitschaft, alle Einlassungen zu prüfen, herantrauen soll. Das ist bei hochkontroversen Themen nicht so leicht, denn man muss es ertragen, die Meinung des Andersdenkenden im Raum stehenzulassen und womöglich sogar den Applaus des Studiopublikums anzuhören, obwohl man doch weiß, dass etwas anderes richtig ist.

Talkshows sind also, wenn sie gut gemacht sind, Übungen in Toleranz und Gelassenheit und der Fähigkeit, Argumente zu vernehmen und zu verstehen und dabei die eigene Einsicht und Weltsicht womöglich zu erweitern oder sonst zu verändern, aber auch zu lernen, sie mit noch besseren Gegenargumenten zu verteidigen. Diesen Lernprozess können natürlich auch die Talkgäste durchlaufen, in erster Linie aber ist das eine Erfahrung, die das Publikum machen soll.

Wann ist eine Talkshow gut gemacht? Es beginnt und endet mit den Gästen. Sie müssen passen, das heißt möglichst von sämtlichen denkbaren Seiten auf das Thema schauen und Lust haben, sich darüber zu verbreiten. Der Moderator ist ihnen und ihren Perspektiven ausgeliefert, sie sind das Material, mit dem er arbeiten muss. Sie, die Gäste, hängen aber auch von ihm ab, denn er darf und soll sie ermutigen oder bremsen, je nachdem, wie es ihm im Interesse der Entwicklung einer spannenden Kontroverse richtig erscheint. Um die allein geht es. Zu vermeiden also sind Leerlauf, hohle Phrasen, Wiederholungen und kognitive Dissonanzen, die Mitdiskutanten müssen sich deutlich positionieren.

Der Moderator als Zuhörer

Der Moderator oder die Moderatorin erscheinen dann öfter mal etwas zu streng oder gouvernantenhaft, aber das gehört zu ihrer Funktion. Maybrit Illner versöhnt mit diesen Aspekten ihrer Rolle durch Charme, Frank Plasberg durch Humor, Sandra Maischberger durch nachdenkliche Herzlichkeit und Anne Will durch Ruhe. Wichtig ist: Der Zuschauer muss seine Schlüsse selbst ziehen können. Dafür zu sorgen, obliegt der Moderation einer gut gemachten Talk-Sendung.

Wann ist eine Talkshow nun "schlecht gemacht"? Das kommt vor, wenn die Sache, um die sich die Kontroverse bewegt, hinter den Profilierungsbedürfnissen der Gäste auf der Strecke bleibt oder wenn der Moderator es nicht schafft, endlosen Wiederholungen, sei es von Argumenten oder von Hintergrunderzählungen, einen Riegel vorzuschieben. Das andererseits oft kritisierte Bedürfnis der Talkmaster, die Debatte voranzutreiben oder zuzuspitzen und dafür gar zu oft einzugreifen, kann eine Sendung ebenfalls ruinieren. Denn obwohl sich die Leute vor dem Bildschirm unterhalten sollen, bleibt es doch dabei, dass es Gedanken, Pläne, Vorstellungen, Weltbilder und andere Phänomene der Vorstellungskraft sind, die in einer Talkshow die Hauptrolle spielen. Der Moderator als guter Zuhörer ist denn auch meistens der beliebteste, er hat womöglich in den letzten Jahren gegenüber dem temperamentvollen Strippenzieher und dem Besserwisser eine Aufwertung erfahren.

Ob ein Talk nun der Information dient oder aber bloße Unterhaltung ist - an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Die Genrebezeichnung "Show" verweist auf Unterhaltung, "Talk" eher auf Ernst im Sinne von Info, man kann es im Einzelfall so oder so sehen.

Im Zuge der Ausdifferenzierung des Formats haben sich Shows entwickelt, bei denen journalistische Kriterien wie Ausgewogenheit - der Meinungen und ihrer Träger, der Parteien, der Geschlechter - und Zusatzinfos mittels Einspielern größeres Gewicht haben, wie bei "Hart, aber fair". Es gibt andere, bei denen informative Debatte und unterhaltende Kuriosa sich die Waage halten wie bei Markus Lanz. Und dann wäre da eine dritte Abart, in der die Kontroverse dem Spaßfaktor getreulich untergeordnet wird wie bei "Thadeusz und die Beobachter".

Frechheit des Wortes

Sie alle sind Beiträge zur Streitkultur, wobei sie, wie das gesamte Medium Fernsehen, immer darauf bedacht sind, den Ernst der Lage mit so viel Spaß an der Präsentation anzureichern, wie es irgend geht. Dass manche Gäste gar zu häufig in Talkshowrunden präsent sind, so dass sich der Eindruck aufdrängt, Wolfgang Bosbach oder Sahra Wagenknecht hätten eine Art Abo, das ihnen hundert Show-Auftritte im Jahr garantiere, hat damit zu tun, dass die Genannten gute Selbstdarsteller sind und die Talkshowredaktionen wissen: wenn wir die oder den einladen, haben wir da erst mal eine sichere Bank, was Ausdrucksvermögen, Kenntnis und Angriffslust betrifft. Das Publikum neigt allerdings dazu, Variationen eines Erfolgsformats tausend Mal begeistert zu begrüßen und dann urplötzlich die tausendunderste Variante empört als Zumutung abzulehnen. Das gilt auch für die Nasen in Talkrunden. Lieber mal eine Abwechslung und ein neues Gesicht riskieren, möchte die Fernsehkritikerin hier raten, als die Bereitschaft des Publikums zur Treue und zur Freude am Immergleichen zu sehr zu strapazieren.

Die Talkshow ist für das Medium Fernsehen nicht nur typisch, sondern auch wichtig, denn in ihr bündeln sich die Erwartungen ans TV: Aktualität, Live-Atmo, Menschelei, Direktheit, Freiheit des Wortes, auch Frechheit des Wortes und schließlich - seitens der Moderation - die Bereitschaft und die Fähigkeit, im Dschungel der Phänomene und der Meinungen so etwas wie einen Pfad, eine Struktur oder gar einen Garten anzulegen. Pflegen wir sie! Dem Deutschen Kulturrat kann eine einjährige Auszeit empfohlen werden bezüglich seiner Beobachtung der Streitkultur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Damit dort ungeniert und unverdrossen weiter am Format Talkshow gearbeitet werden kann. Durch Praxis.

Aus epd medien Nr. 25 vom 22. Juni 2018

Barbara Sichtermann