Ethik
Zentrum für Reproduktionsmedizin in Düsseldorf
© epd-bild / Jochen Tack
Herausforderung Reproduktionsmedizin
Zur Orientierungshilfe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa - Von Dr. Frank Vogelsang, Direktor Evangelische Akademie im Rheinland

 

Impulse für die Praxis: Kirche

Die folgenden Überlegungen beschreiben die Bedingungen, unter denen heute eine Diskussion um die Herausforderungen der Reproduktionsmedizin geführt werden muss.

 

 1. Eine veränderte Sensibilität für die Themen der Bioethik

Der Historiker Lucian Hölscher hat auf der EKD-Synode einen weit beachteten Vortrag gehalten, in dem er das Verhältnis der Kirche zu ihrem säkularen Umfeld thematisierte. Seine Botschaft ist deutlich: Weder ist das säkulare gesellschaftliche Umfeld ein Gegner der Kirche noch ist es einfach nur Missionierungsfeld, das brach liegt. Vielmehr ist es ein Gegenüber, eine Vorgabe für die Kirche, auf die sie aber nur begrenzten Einfluss hat.

Dieses Verhältnis prägt auch die Diskussion vieler gesellschaftlich relevanter Themen, so auch die Diskussion der Bioethik. Wie verhält sich das säkulare gesellschaftliche Umfeld heute bezüglich der Herausforderungen der Reproduktionsmedizin? Es ist für mich erkennbar, dass sich die Aufmerksamkeit in den letzten 20 Jahren deutlich verändert hat. In Erinnerung möchte ich rufen die Debatte um die Forschung an embryonalen Stammzellen zu Beginn des Jahrhunderts. Damals fand die Debatte eine breite Resonanz in den Medien. Die politischen Parteien diskutierten das Thema mit großer Intensität. Die Bundestagsdebatte im Jahr 2001, in der der Fraktionszwang aufgehoben war und in der über Gruppenanträge jenseits der Fraktionsgrenzen abgestimmt wurden, fand breite Beachtung.

Ist der Anlass zur Diskussion von damals heute beseitigt? Heute sind die technologischen Möglichkeiten noch viel weiter vorangeschritten. Gerade die Gen-Schere CRISPR CAS bietet Manipulationsmöglichkeiten mit großer Reichweite. Doch die Versuche amerikanischer Forschergruppen mit menschlichen Embryonen findet in den Medien heute kaum noch Resonanz. Schon gar nicht fühlten sich Politikerinnen und Politiker der im Bundestag vertretenen Parteien zu einer Stellungnahme herausgefordert.

Das veränderte gesellschaftliche Umfeld wirkt scheinbar direkt auch auf die innerkirchliche Rezeption. Hier gibt es eine parallele Entwicklung: Vor 20 Jahren haben der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, zu einer breiten Diskussion aufgerufen. Von der Gefahr für die Fundamente des christlichen Abendlands war die Rede, von einer Gefahr für das christliche Menschenbild. Solche Wahrnehmungen sucht man in der aktuellen Debatte trotz der doch dramatisch erweiterten Handlungsmöglichkeiten vergebens.

Es ist erkennbar, dass mit der allgemeinen öffentliche Wahrnehmung der Themen auch die Befassung in den Kirchen kontinuierlich nachgelassen hat. Die Diskussion in den Kirchen wird insbesondere auch von ehrenamtlich engagierten Menschen getragen. Sie sind deshalb stark durch das gesellschaftliche Umfeld geprägt.

2. Kann man Gründe für die Veränderungen nennen?

Ein erster Grund mag sein, dass eine Zuspitzung der Diskussion auf grundlegende Werte nicht beliebig oft wiederholt werden kann. Das ist die Grenze jedes zugespitzten Alarmismus und so muss auch die Diskussion vor 20 Jahren in Teilen kritisch beurteilt werden. Doch ebenso ist eine eher passive Hinnahme neuerer Entwicklungen und Herausforderungen falsch. Das, was damals zu intensiv diskutiert wurde, wird heute zu leicht hingenommen. Möglicherweise hängen die damalige Zuspitzung und das begrenzte Interesse heute miteinander zusammen.

Eine weitere Vermutung ist, dass hinter der schwindenden Resonanz bioethischer Debatten auch eine tiefgreifende kulturelle Verunsicherung steht. Denn Gewissheiten schwinden ja an vielen Stellen. Fortschritte in den Biotechnologien gehen einher mit Fortschritten in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, selbstlernenden Systemen oder der Robotik. Das heißt, es ist sind viele Faktoren des gesellschaftlichen Umfelds, es sind immer neue Herausforderungen einer säkular gewordenen Kultur, die Unbehagen auslösen und die Erwartung dämpfen, auf diese Entwicklung noch Einfluss nehmen zu können. Die Dynamik in den Biotechnologien ist besonders hoch. Sie legt nah, dass auch in naher Zukunft noch viele bahnbrechende Entwicklungen zu erwarten sein werden. Die Technologien haben sich ja erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als eigenes Forschungsgebiet etabliert und die Innovationsrate ist sehr hoch. Wenn man die weltweite Verteilung der Forschungszentren in Betracht zieht, kann man zu Recht zweifeln, welche Eingriffsmöglichkeiten hier bestehen. Die Entwicklung lässt sich nicht durch Änderung nationaler Gesetze verhindern.

(...) 

Aus epd Dokumentation Nr. 10 vom 6. März 2018:
Herausforderung Reproduktionsmedizin. Die Orientierungshilfe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Tagung der Evangelischen Akademie Villigst, 23.–24.11.2017

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