Umfrage: Geringe Impfbereitschaft in Flüchtlingsheimen

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Impf-Spritzen in einer Schale

Die Impfkampagne gegen das Coronavirus stößt bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Flüchtlingsunterkünften auf erhebliche Skepsis. Sprachbarrieren, religiöse Gründe, aber auch Falschinformationen sind die wesentlichen Gründe für Vorbehalte.

In Flüchtlingsunterkünften in Deutschland zeichnet sich eine relativ geringe Impfbereitschaft ab. Die Corona-Impfquoten in den Einrichtungen bewegen sich aktuell zwischen 33 und 50 Prozent, wie ein Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) unter den Bundesländern ergab. Die mobilen Impfteams stießen auf recht große Skepsis, erklärten die zuständigen Landesministerien. Vielfach werden die Impfteams von Sozialarbeitern und Dolmetscherinnen unterstützt, um Sprachbarrieren und kulturelle Hürden zu überwinden.

Impfkampagne im Fastenmonat Ramadan

Teilweise lehnten muslimische Asylbewerber das Impfangebot ab, weil es in die Zeit des Fastenmonat Ramadan fiel. Aber auch negative Medienberichte ließen die Skepsis wachsen - etwa über das Vakzin des Herstellers Johnson & Johnson, der nur einmal verimpft werden muss und deshalb bei den Behörden für Impfungen in Flüchtlingsunterkünften eine gewisse Priorität hat. Bewohner von Flüchtlingsheimen gehören laut Coronavirus-Impfverordnung zur zweiten Priorisierungsgruppe.

Die Organisation Pro Asyl führt die geringe Impfbereitschaft in Flüchtlingsunterkünften auf eine verfehlte Aufnahmepolitik zurück. Die Menschen dort seien vielfach zu spät kontaktiert und nur unzureichend aufgeklärt worden, sagte der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt, dem epd.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung strebt an, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner von Flüchtlingsaufnahmeeinrichtungen des Landes bis Anfang Juni ein Corona-Impfangebot bekommen haben. Um unter den Asylsuchenden für eine Schutzimpfung zu werben, seien mehrsprachige Materialien wie Poster, Flyer, Erklärvideos und Infos via QR-Code den Einrichtungen zur Verfügung gestellt worden, teilte das Düsseldorfer Flüchtlingsministerium mit.

Informationen in 19 Sprachen

In Sachsen-Anhalt sollen Informationsunterlagen in 19 verschiedenen Sprachen in den Einrichtungen vorliegen. Außerdem ist der Einsatz von Fachkräften geplant, die auf individuelle Bedenken reagieren können.

In Schleswig-Holstein sind mobile Teams bereits seit 20. April tätig, wie das Sozialministerium mitteilte. Auch in sozialen Einrichtungen wie Stadtteilcafés und Tafeln sollen Impfangebote gemacht werden.

Nach Auskunft des Innensenats in Hamburg liegt die durchschnittliche Impfbereitschaft in den Erstaufnahmeeinrichtungen bei knapp 50 Prozent. Auch den Personen, die in den Einrichtungen arbeiten, werde ein Impfangebot gemacht. „Somit wird den Bewohnenden vermittelt, dass auch andere Personen geimpft werden“, hofft die Behörde, auf diese Weise die Impfbereitschaft zu erhöhen.

„Besonderer Beratungsbedarf“

Die hessische Landesregierung bemüht sich um eine Steigerung der Impfquote gegen das Coronavirus unter Geflüchteten. Bisher seien die Impfungen an zwei Standorten von 40 bzw. 46 Prozent der Bewohner angenommen worden, teilte das Sozialministerium in Wiesbaden mit.

Die Corona-Impfbereitschaft unter den Asylsuchenden in den sächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen ist mit knapp 33 Prozent gering, wie es hieß - trotz der Hilfe von Dolmetschern und schriftlichem Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen.

„Wir haben mit den Impfungen in den Flüchtlingseinrichtungen gerade erst begonnen, insofern können wir zur Impfbereitschaft noch keine Aussagen treffen“ , teilte das Thüringer Sozialministerium mit. Für Johnson & Johnson wie für AstraZeneca bestehe aber „ein besonderer Beratungsbedarf“.

Irrationale Ängste

In den Erstaufnahmeeinrichtungen in Niedersachsen begründeten die Flüchtlinge ihre Impf-Zurückhaltung häufig damit, dass sie in ihrem Umfeld keine schweren Krankheitsfälle erlebten. Das mangelnde Vertrauen in die angebotenen Impfstoffe sei ein weiteres Argument. „Deshalb werden wir jetzt massiv mit einer Werbekampagne in die Häuser gehen“, kündigte die Landesregierung an.

In Baden-Württemberg gehe es auch darum, Falschinformationen aus der Welt zu schaffen. So würden etwa negative Auswirkungen auf das Asylverfahren und eine nach einer Impfung erleichterten Abschiebung befürchtet, hieß es. Das Innenministerium in Bayern berichtet von in sozialen Netzwerken kursierende Fehlinformationen - etwa dass Impfstoffe unfruchtbar machen würden.

Markus Jantzer und Michaela Hütig