Selbsthilfegruppen geben Krebspatienten Halt und Rat

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Ein Krebspatient in einem Palliativzentrum
Würzburg, Freiburg (epd)

3,5 Millionen Patienten sind deutschlandweit in Selbsthilfegruppen organisiert. Sie sind etwa für Krebspatienten wichtig, die Rat suchen. Der Psychoonkologe Joachim Weis erforscht an der Uni Freiburg, unter welchen Bedingungen Selbsthilfe wirkt.

Krebs ist zerstörerisch. Er schwächt den Körper. Er macht aber auch zwischenmenschliche Beziehungen kaputt. Das hat Beate Beyrich selbst erlebt. Kaum jemand aus ihrem Umfeld konnte mit ihrer Erkrankung umgehen, erzählt die 66-jährige Würzburgerin, bei der vor 15 Jahren Brustkrebs diagnostiziert wurde: "Ich wurde mit Floskeln abgespeist." Beyrich fühlte sich völlig alleingelassen.

Darum begann sie, Menschen zu suchen, die wissen, was die Diagnose "Krebs" für die Betroffenen bedeutet. In der Organisation "Frauenselbsthilfe nach Krebs" erfüllte sich Beyrichs großer Wunsch nach Austausch und Beistand. Sie lernte das deutschlandweite Netzwerk im Jahr 2008 kennen. Zwei Jahre später baute Beyrich zusammen mit Brigitte Keller, die ebenfalls an Brustkrebs erkrankt war, in Würzburg eine Gruppe der "Frauenselbsthilfe nach Krebs" auf. Hier suchen seither krebskranke Frauen Unterstützung.

3,5 Millionen Patienten in Selbsthilfegruppen

Schätzungen zufolge engagieren sich um die 3,5 Millionen Patienten deutschlandweit in bis zu 100.000 Selbsthilfegruppen. Damit ist die Selbsthilfe, deren Historie um 1850 mit der Gründung der ersten Behinderten- und Kriegsversehrtenvereine begann, laut der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) eine "Erfolgsgeschichte".

Wenn Beyrich und Keller Bilanz der letzten zehn Jahre ziehen, stellen sie fest: Die Selbsthilfearbeit hat ihnen viel gebracht. Von ihrem Engagement profitierten aber auch Dutzende Frauen, die es "als sehr hilfreich erleben, von den Erfahrungen der anderen Gruppenteilnehmerinnen zu hören. Selbsthilfe wirkt", sagt Beyrich.

Ob das so ist, warum das so ist und unter welchen Bedingungen Selbsthilfe tatsächlich wirkt, wird auch wissenschaftlich erforscht: Am Freiburger Uniklinikum hat Joachim Weis seit zwei Jahren die deutschlandweit erste Professur für Selbsthilfeforschung inne.

Bloß keine vorschnellen Ratschläge

Damit gemeinschaftliche Selbsthilfe wirklich nützt, müssen laut Weis bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. "Essenziel ist, dass die Gruppenleitungen in Gesprächsführung geschult sind." Ihnen müsse es darum gehen, Patienten zu ermutigen, sich gegenseitig ihre Erfahrungen zu schildern und sich dabei mit konkreten Ratschlägen zurückzuhalten. "Vorschnelle Ratschläge sind deshalb so gefährlich, weil jede Tumorart anders ist", unterstreicht der Selbsthilfeforscher.

Er sagt auch: "Es gibt Menschen, die sich einfach nicht gerne in Gruppen austauschen." Denn es existiere eine große Angst, in einer Selbsthilfegruppe auf Betroffene zu treffen, denen es sehr schlechtgeht: "Dadurch wird man mit der möglichen Entwicklung der eigenen Erkrankung konfrontiert", erklärt der Freiburger Psychoonkologe.

Den Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern hält er zugute, dass sie oft besser mit Ärztinnen und Ärzten umgehen könnten als auf sich gestellte Patienten. Die Wertschätzung von Selbsthilfeaktivisten durch Mediziner hat laut Weis "deutlich zugenommen". Die Selbsthilfe komme inzwischen in vielen therapeutischen Leitlinien der Onkologie vor.

Außerdem wandelten sich einzelne Kliniken zu sogenannten "Selbsthilfefreundlichen Krankenhäusern". 28 sind es inzwischen deutschlandweit. Sie versuchen, Rahmenbedingungen für eine gute Kooperation zwischen Medizin und Selbsthilfe zu schaffen: Selbsthilfegruppen werden zum Beispiel ins Aufnahme- und Entlassmanagement der Klinik integriert. Außerdem gibt es in diesen Krankenhäusern Räume für Gruppentreffen. Auch werde die Selbsthilfe in die Fortbildung der Ärzte einbezogen. Allerdings sagt Weis: "Die Anzahl der selbsthilfefreundlichen Krankenhäuser ist noch gering."

Aus epd sozial Nr. 12 vom 20. März 2020

Pat Christ