Neue Perspektiven für Langzeitarbeitslose

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Sven Meinburg
Hamburg (epd)

Ein Arbeitsplatz als Verkäufer in einem ganz normalen Geschäft: Das ist der Zukunftstraum von Sven Meinburg. Dass der ehemals Langzeitarbeitslose trotz gebrochener Biografie durchaus Chancen hat, verdankt er auch dem Teilhabechancengesetz. Das gilt seit zwei Jahren.

Sven Meinburg ist zufrieden: "Für mich ist dieser Job hier genau richtig", sagt der 44-Jährige. Seit knapp zwei Jahren verkauft der ehemals Langzeitarbeitslose Second-Hand-Kleidung bei "Zweitwert", einem kleinen Laden des Beschäftigungsträgers "einfal" in Hamburg-Eimsbüttel. Seine Rückkehr auf den Arbeitsmarkt hat das vor zwei Jahren in Kraft getretene Teilhabechancengesetz möglich gemacht. Meinburg hatte mal eine schlimme Zeit: Arbeitgeber pleite, Ehe kaputt, Alkohol, Absturz. Er hat sich wieder hochgekämpft, Ein-Euro-Maßnahmen ergattert, und sagt über seinen heutigen Job: "Ein himmelweiter Unterschied. Hier habe ich viel mehr Verantwortung."

Sozialversicherungspflichtige Jobs für Langzeitarbeitslose schaffen: Das ist das Ziel des Teilhabechancengesetzes. Gut 54.000 Menschen bundesweit profitierten nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit im November von dem Programm. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate ist die Zahl der Geförderten um rund 14.000 gestiegen - trotz Corona-Pandemie. In vier von fünf Fällen sind die Betroffenen vorher mindestens sechs Jahre arbeitslos gewesen. Das Programm laufe "bislang erfolgreich", sagte der Bundesagentur-Vorstandsvorsitzende Detlef Scheele dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Besonders erfreulich ist, dass die geförderten Beschäftigungsverhältnisse auch während der Pandemie weitestgehend stabil geblieben sind."

Dachverband zeigt sich zufrieden

Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Arbeit, der Dachverband von Sozialbetrieben in der Arbeits- und Bildungsförderung, zieht ebenfalls eine positive Zwischenbilanz: "Für die Menschen, die davon profitieren, ist es ein Riesengewinn", sagt Vorstandsmitglied Marc Hentschke, der die Geschäfte der "Neuen Arbeit" in Stuttgart führt, einem diakonischen Sozialunternehmen mit rund 1.400 Beschäftigten. Allerdings gebe es einen Konstruktionsfehler: Die Jobcenter zahlten die Förderung aus ihrem allgemeinen Budget und nicht aus einem gesonderten Topf. "Und im Verhältnis ist das ein teures Instrument."

Welche Folgen das hat, zeige sich nun in der Corona-Krise: Weil die Jobcenter für die kommenden Jahre mit weniger Haushaltsmitteln rechnen, werde es für Beschäftigungsträger zunehmend schwieriger, Fördermittel für Jobs nach dem Teilhabechancengesetz zu bekommen. "Wir merken schon jetzt eine Zurückhaltung bei den Jobcentern, weil jede Bewilligung heute Gelder bis 2024 bindet und den Handlungsspielraum reduziert", sagt Hentschke. Die Lösung des Problems liegt für ihn auf der Hand: "Hier wären getrennte Haushaltsmittel sinnvoll."

Keine Vollfinanzierung für Unternehmen

Und noch ein weiteres Problem gibt es: Arbeitgebern würden im günstigsten Fall zwar zunächst die kompletten Lohnkosten finanziert, nicht aber Einarbeitung und Anleitung der ehemals Langzeitarbeitslosen. "Für die freie Wirtschaft ist das Programm nur interessant, wenn der Mensch Output bringt", sagt Karen Risse, Geschäftsführerin des Hamburger Beschäftigungsträgers einfal. Immerhin: Mancherorts, etwa in Dresden oder im Kreis Herford, zahlen die Kommunen Sozialbetrieben einen Zuschuss obendrauf - aber eben nicht überall.

Wie viele der geförderten Jobs auf dem regulären Arbeitsmarkt entstanden sind, wird laut Bundesagentur nicht erfasst. Nach Einschätzung des Hamburger Jobcenters arbeiten in der Hansestadt rund ein Drittel der Geförderten bei sozialen Beschäftigungsträgern. Die anderen zwei Drittel hätten bei herkömmlichen Arbeitgebern eine Chance bekommen - "zum Großteil" bei Privatfirmen, teilte eine Sprecherin mit, aber auch bei öffentlichen Unternehmen wie der Stadtreinigung.

Der ehemalige Langzeitarbeitslose Sven Meinburg blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Zwar wird sein Vertrag wohl verlängert werden. Doch ist klar, dass er über kurz oder lang einen regulären Job finden muss. Im Verkauf wolle er bleiben, sagt Meinburg, "gerne dort, wo auch mal längere Kundengespräche möglich sind". Und fügt an: "Ich bin guter Dinge. Ich traue mir das zu."

aus epd sozial Nr. 1 vom 8. Januar 2021

Ulrich Jonas