In Kitas nehmen Stress und Frust zu

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Kinderfahrräder vor einer Kita
Frankfurt a.M. (epd)

Die Corona-Pandemie hat die ohnehin schon großen Probleme in den Kitas verstärkt. Erzieherinnen und Erzieher mit erhöhten Erkrankungsrisiko bleiben zu Hause. Der Personalmangel wirkt sich negativ auf die pädagogische Arbeit aus.

Der Personalmangel in den Kindertageseinrichtungen hat sich durch die Corona-Pandemie deutlich verschärft. "Im Schnitt sind es zehn Prozent der Mitarbeitenden, die einer Risikogruppe angehören und nicht arbeiten können", sagt Frank Jansen, Bundesgeschäftsführer des Kita-Fachverbandes der katholischen Caritas. Die Bildungsexpertin Elke Alsago nennt die Lage "desolat". Es sei in vielen Kitas "keine Zeit mehr, die Kinder individuell zu begleiten. Die Fachkräfte sind oft froh, wenn sie den Tag überstehen, ohne dass den Kindern etwas passiert." Auch hätten die Konflikte mit den Eltern zugenommen.

Nicht kindgerecht

Schon vor Corona litten Kitas und Krippen unter Personalnot. Nach einer im August erschienenen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung waren die Personalschlüssel, also das Zahlenverhältnis zwischen Fachkräften und zu betreuenden Kindern, im Jahr 2019 nicht kindgerecht. Der Studie zufolge kommen auf eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft rechnerisch 4,2 ganztags betreute Krippenkinder unter drei Jahren oder 8,8 ältere Kindergartenkinder. Nach wissenschaftlichen Empfehlungen sollte eine Erzieherin aber für höchstens drei Kleinkinder oder 7,5 Kinder über drei Jahren zuständig sein.

Kita-Teams fühlen sich mit den großen Gruppen überfordert und sind frustriert. Die unbefriedigenden Arbeitsbedingungen führen nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) dazu, dass etwa ein Viertel der Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger den Arbeitsplatz Kita bereits in den ersten vier Berufsjahren wieder verlässt. Viele versuchen laut Alsago dem Stress zu entgehen, indem sie auf Teilzeit wechseln. Manche gingen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Rente, sagt die Fachreferentin des Bundesvorstandes der Gewerkschaft ver.di.

Pädagogischer Rückschritt

Aufgrund des Personalmangels und der speziellen Umstände durch Corona sehen Experten den pädagogischen Anspruch in Gefahr. "Wir hatten vor der Pandemie in den meisten Kindertageseinrichtungen eine offene und gruppenübergreifende Arbeit", erklärt Caritasexperte Jansen. Die damit verbundene Bewegungs- und Gestaltungsfreiheit sei für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder vorteilhaft: "In der offenen Kita-Arbeit organisieren sich Kinder selber, treffen Entscheidungen darüber, womit sie sich am Tag beschäftigen wollen, welche Projekte für sie relevant sind."

Durch die Vorgabe aber, aus Gründen des Gesundheitsschutzes gruppenbezogen arbeiten zu müssen, sei die offene Arbeit "hinten runter gefallen", bedauert Jansen. Auch Alsago beobachtet, dass es zu "einem Rückschritt in eine reine Gruppenpädagogik kommt, bei der alle Kinder das gleiche machen müssen und die eher autoritär geprägt ist. Das kennen wir aus den 50er und 60er Jahren", warnt die Bildungsexpertin.

Wirkung des Gute-Kita-Gesetzes offen

Der durch die Corona-Pandemie erhöhte Stress sei den Erzieherinnen und Erziehern "auf Dauer nicht zuzumuten", sagt Jansen. "Es muss uns mittelfristig gelingen, die Attraktivität des Berufs zu steigern."

Das im Januar 2019 in Kraft getretene sogenannte Gute-Kita-Gesetz der Bundesregierung soll zwar zu Verbesserungen in den Kitas führen. Ludovica Gambaro vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weist aber auf die Grenzen des Gesetzes hin. So hänge sein Erfolg stark davon ab, was die Bundesländer daraus machen. "Wenn das vom Bund bereitgestellte Geld von den Ländern hauptsächlich für die Abschaffung der Gebühren ausgegeben wird, um Kitas für alle Familien beitragsfrei zu machen, können wir nicht erwarten, dass sich die Arbeitsbedingungen und die Qualität der Arbeit verbessern", erklärt die Sozialwissenschaftlerin.

Einige Bundesländer hätten jedoch beschlossen, hauptsächlich in die Belegschaft zu investieren - entweder in ihre Fortbildung oder in die Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels oder in die Unterstützung der Kita-Leitungen. "Hier können wir etwas hoffnungsvoller sein", sagt Gambaro.

Aus epd sozial Nr. 42 vom 16. Oktober 2020

Markus Jantzer