Hilfen für den Umgang mit Verschwörungsanhängern in der Familie

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Demo von Impfgegnern in Hamburg

In Corona-Zeiten geben Verschwörungsmythen einfache Antworten auf komplexe Fragen. Beratungszentren helfen Familien, die von Konflikten im Umgang mit der Pandemie zerrissen werden.

Berlin (epd). Partner und Kinder von Corona-Leugnern, die sich im Kriegszustand glauben und ihre Familien auffordern, sich zu bewaffnen, suchen verzweifelt nach Hilfe. Viele hätten Angst, dass ihre Ehe zerbreche oder dass sie den Kontakt zu den Eltern verlieren, berichtet Tobias Meilicke, der Leiter der Berliner Beratungsstelle „Veritas“. Er ermutigt dazu, den Austausch mit Verschwörungsgläubigen in der Familie nicht abbrechen zu lassen.

Hoher Leidensdruck

„Viele Menschen mit hohem Leidensdruck fragen sich, wie können wir mit unseren verschwörungsgläubigen Liebsten in Kontakt bleiben“, sagt Meilicke. „Es zerreißt Familien endgültig, wenn ein Partner sagt, wir müssen nach Paraguay ausreisen“, berichtet er unter Hinweis auf Fälle, bei denen Verschwörungsgläubige die eigenen Familien zur Ausreise auffordern, um dem angeblich sicheren Tod nach einer Impfung zu entgehen.

Die Pandemie habe nicht zu einer Zunahme von Verschwörungsmythen geführt, sondern diese nur in öffentlichen Debatten präsenter gemacht, sagt Michael Butter von der Universität Tübingen. Der Professor für Kulturgeschichte war Vorsitzender eines europäischen Forschungsnetzwerks, aus dessen Untersuchungen ein Handbuch zum Umgang mit Verschwörungstheorien entstand, auf das die Bundesregierung verweist.

Auch Butter rät dazu, im Gespräch mit den Betroffenen zu bleiben. Im Zweifel müsse Hilfe bei Beratungsstellen gesucht werden, denn diese könnten einschätzen, ob Menschen zum Rechtsextremismus oder Antisemitismus abdrifteten.

Viel Frustration

Die Nachfrage nach Beratung ist offenbar groß. „Wir haben eine Warteliste von 180 Personen, die dringend Beratung benötigen“, sagt Meilicke. „Wir versuchen zunächst, das Stresslevel zu senken.“ Versuche der Angehörigen, mit dem betroffenen Familienmitglied über Fakten zu sprechen, führten meist zu Frustration. Denn der Anhänger eines Verschwörungsglaubens beanspruche für sich, bereits über Fakten zu verfügen und fasse die Konfrontation als Angriff auf die eigene Person auf.

Verschwörungsgläubige von ihren Überzeugungen abzubringen, ist nach den Erfahrungen des ehemaligen Leiters der Präventions- und Beratungsstelle gegen religiös begründeten Extremismus in Schleswig-Holstein schwierig: „Menschen ändern ihr Verhalten aufgrund von emotionalen Erfahrungen, nicht aufgrund von rationalen Argumenten“, sagt Meilicke.

Auch andere Beratungsstellen wie „entschwört“ raten dazu, den Kontakt zu Angehörigen, die wissenschaftliche Tatsachen leugnen, aufrechtzuerhalten und dabei gleichzeitig die eigenen Grenzen zu achten. Wenn Gespräche eskalieren, weil das Gegenüber nicht für Argumente zugänglich ist, führe das häufig zu Unsicherheit und dem Gefühl der Ohnmacht, stellt die Berliner Beratungsstelle fest.

Stärkung des Selbstwertgefühls

Attraktiv macht Verschwörungsmythen, dass sie eine Erklärung dafür bieten, was angeblich hinter Corona steckt. Wenn Menschen etwa glaubten, dass die Krankheit durch Klon-Versuche in Laboren hergestellt worden sei oder gar nicht existiere, „können sie gegen etwas arbeiten, indem sie demonstrieren oder sich im schlimmsten Fall mit Gewalt wehren“, warnt Meilicke. Verschwörungstheorien als Scheinerklärungen komplexer oder als bedrohlich wahrgenommener Phänomene sind demnach häufig ein Mittel zur Stärkung des Selbstwert- oder Zugehörigkeitsgefühls.

Beratungsstellen konzentrieren sich auf das Wohl von Angehörigen und den Familienzusammenhalt. Die Berliner Amadeu Antonio Stiftung warnt ihrerseits, Fake News und einfache Erklärungen rund um das Coronavirus funktionierten darüber, einen Sündenbock zu benennen: „Das ebnet den Weg in antisemitische und rassistische Weltbilder.“ Diese führten zu Angriffen auf Juden, asiatisch wahrgenommene Personen, Asylsuchende und Wissenschaftler. Um dem vorzubeugen, sind nach Auffassung von Verschwörungsexperten nicht nur mehr Bildung, sondern auch mehr Mittel für Beratungsstellen nötig.

Bettina Gabbe