Expertin: Staat muss deutliche Anreize zum Energiesparen geben

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Claudia Kemfert

Für die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist eine Gaskrise im Winter vermeidbar. Worauf es dabei ankommt und warum ein Preisdeckel falsch ist, erläutert sie im Interview mit epd sozial.

Frankfurt a.M. (epd). Sparen, sparen, sparen: Für Professorin Claudia Kemfert ist das der einzige Weg, eine Gaskrise zu vermeiden - und sich unabhängig von Putins Lieferungen zu machen. Das gelte auch für Sozialeinrichtungen. „Wir haben es selbst in der Hand, wie teuer der nächste Winter wird“, sagt sie. Die Fragen stellte Dirk Baas.

epd sozial: Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt hat jüngst getwittert: „Wir werden ohne Putins Gas auskommen.“ Ist das nicht reichlich kühn, oder mag sie gemeint haben, dass das in einigen Jahren zutreffen wird?

Claudia Kemfert: Unsere und auch andere Studien zeigen, dass es durchaus ohne russisches Gas geht - auch jetzt schon.

epd: Bürger, Sozialträger und Unternehmen sind da nicht so optimistisch, wie Umfragen zeigen.

Kemfert: Eine Gaskrise ist immer noch vermeidbar, auch wenn wir wertvolle Monate durch unzureichendes Handeln verloren haben. Schon im März habe ich darauf hingewiesen, was dringend zu tun ist: Wir müssen Gas aus anderen Ländern beziehen; also die Gasimporte diversifizieren. Hier hat die Bundesregierung durchaus gehandelt, indem sie mit neuen Anbietern verhandelt und schwimmende Flüssiggas-Terminals etabliert hat. Über den Sommer müssen die Gasspeicher gefüllt werden, nämlich auf 80 Prozent bis Oktober und 90 Prozent bis November. Das ist machbar, sagen aktuell auch die Gasspeicher-Betreiber. Und schließlich müssen wir Gas sparen, und zwar sowohl im Wirtschafts- und Industriebereich, als auch in Gebäuden und Privathaushalten. Wenn wir diese vier Punkte endlich beherzt umsetzen und vor allem beim Gassparen aufholen, können wir sehr schnell von Putins Gas unabhängig werden. Aktuell beziehen wir schon knapp 70 Prozent unseres Gases aus anderen Quellen.

epd: Die Verunsicherung bei der Energielieferung ist groß ...

Kemfert: Leider wird medial übertrieben und viel Panik verbreitet. Die Lage ist ernst, aber lösbar. Wichtig ist, dass wir verstehen, dass die Zeiten des angeblich billigen Gases vorbei sind. Deswegen sollten wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, Gas einzusparen, so schnell wie möglich und so viel wie möglich. Wir haben es selbst in der Hand, wie teuer der nächste Winter wird.

epd: Die Politik setzt noch auf freiwillige Einsparungen beim Energieverbrauch. Aber wird das kürzere Duschen oder das eigene Stromsparen ausreichen, um die Gasspeicher zu entlasten oder ist die Politik bald mit auch unpopulären gesetzlichen Vorgaben gefordert?

Kemfert: Appelle allein reichen nicht. Die Gaspreise steigen massiv an, aber die Quittung bekommen wir erst mit Verzögerung. Deswegen sollte der Staat schnellstmöglich für private Haushalte, aber auch für die Wirtschaft Anreize setzen, zum Beispiel über Prämienzahlungen. Die geplanten Auktionen für die Industrie, bei denen sich Unternehmen bewerben und für das Gas-Sparen entschädigt werden, sind richtig, kommen aber zu spät. Wir brauchen sie sofort.

epd: Die Ankündigung eines Wohnungsbauunternehmens, die Nachttemperaturen in Mietwohnungen abzusenken, sorgte jüngst bundesweit für einen Aufschrei. Sind die Bürgerinnen und Bürger wirklich schon bereit für drohende Einschränkungen?

Kemfert: Solche Ankündigungen führen leider eher zu Verunsicherungen und Panik als zu sparsamerem Verhalten. Viele Heizanlagen sind schon heute so eingestellt, dass von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens die Temperaturen der Heizanlagen abgeregelt werden. Weitere pauschale Regelungen sind nicht sinnvoll, weil es individuell durchaus berechtigte unterschiedliche Heizbedürfnisse gibt, zum Beispiel alte oder kranke Menschen, die mehr Wärme brauchen.

epd: Und wenn es doch zu einer Gasrationierung kommt?

Kemfert: Nochmal, eine Gasrationierung kann vermieden werden, wenn wir endlich die notwendigen Maßnahmen ergreifen. Sie wäre nur Ultima Ratio. Und dieser Extremfall ist durch EU-Verordnung geregelt, an der man auch nicht rütteln sollte. Demnach sind private Haushalte geschützt, genauso wie soziale Einrichtungen, beispielsweise Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen. Das Gleiche gilt für Gaskraftwerke, die für die Wärmeherstellung privater Haushalte eingesetzt werden. Zudem sammelt die Bundesnetzagentur derzeit Daten über die Gasanbieter und Gasabnehmer, um sicherzustellen, dass systemrelevante Bereiche geschützt sind.

epd: Gibt es ein Ranking zwischen den sozialen Einrichtungen, also etwa zwischen Schulen, Klinken oder Wohnheimen für behinderte Menschen, wer auf jeden Fall Gas bekäme?

Kemfert: Um Gottes willen, es gibt wirklich keinen Grund, in solche Panikszenarien abzudriften. Alle sozialen Einrichtungen sind geschützt und sie können auch alle geschützt werden. Ein Ranking wäre völlig inhuman. Aber natürlich sollten alle Einrichtungen und alle Haushalte jetzt und dauerhaft überlegen, wann und wie sie Gas einsparen können. Das spart individuell Kosten und hilft gesellschaftlich, Gas-Rationierungen unnötig zu machen.

epd: Was halten Sie von einer Deckelung der Gaspreise für Haushalte, wie sie etwa der DGB fordert?

Kemfert: Das wäre der falsche Weg. Wir sollten Kosten deckeln, nicht Preise. Denn wir benötigen klare Marktsignale, um Gas einzusparen. Die Menschen müssen verstehen und erleben, dass der Preis steigt. Man muss das klar sagen: Die Heiz- und Stromkosten derzeit können nur gesenkt werden, indem der Verbrauch sinkt.

epd: Was spricht noch gegen eine Deckelung?

Kemfert: Ein gedeckelter Preis lässt erwarten, dass wieder so viel Gas verbraucht wird wie bisher. Dann droht eine ernste Versorgungskrise. Der Verbrauch muss deutlich sinken. Das ist das Ziel. Und das sollten wir belohnen. Deswegen lieber eine Spar-Prämie als ein Preis-Deckel!

epd: Auch an der von der Politik angekündigten Gaspreis-Umlage ab Oktober wird immer mehr Kritik laut ...

Kemfert: Die Umlage geht grundsätzlich in die richtige Richtung, weil Preissignale weitergegeben werden. Um zu vermeiden, dass wir in eine Gasmangellage kommen, benötigen wir aber rasch jene Marktsignale, die die echten Knappheiten widerspiegeln. Das Gebot der Stunde lautet, dringend die vorhandenen Einsparpotenziale zu heben. Dafür ist es sinnvoll, dass die Konzerne die gestiegenen Gaspreise weiterreichen. Gleichzeitig sollten Haushalten, die Gas einsparen, Prämien angeboten werden. Und wer nichts mehr sparen kann, weil er eh schon am Minimum herumknappst, muss entsprechende finanzielle Hilfe bekommen.