Expertin: Frauen brauchen Schutz vor Anmache

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Gesine Birkmann
Berlin (epd)

Die allermeisten Frauen haben es schon einmal erlebt: Anmache auf der Straße. Wie betroffene Frauen auf diese Form der sexuellen Belästigung reagieren sollten, erläutert eine Expertin von Terre des Femmes.

Frauen und Mädchen werden bei sexueller Belästigung auf der Straße nach Ansicht von Frauenrechtlerinnen zu oft alleingelassen. "Zeugen sollten bei Catcalling unbedingt Solidarität signalisieren, aber das passiert in der Regel nicht", sagte Gesa Birkmann von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Dabei sei es gar nicht nötig, den Täter zu konfrontieren. Es reiche schon aus, der Frau zu zeigen, dass man ihr beisteht, sich näher an sie heranzustellen und sie ein Stück zu begleiten.

Unter den Begriff Catcalling (deutsch: Katzenrufe) fällt jegliche sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Dazu gehören unerwünschte Gesten, Kommentare oder Hinterherpfeifen. Zumeist werden Frauen von Männern belästigt. Terre des Femmes und andere Organisationen rufen aus Anlass des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen am 25. November Politik und Gesellschaft dazu auf, gegen Anmache und Übergriffe vorzugehen.

Unangenehm und peinlich

"Wir schätzen, dass fast jede Frau in Deutschland unter 40 Jahren Catcalling schon einmal selbst erlebt oder zumindest mitbekommen hat", sagte Birkmann und berief sich dabei auf Studien aus den USA und Europa. Erste Erfahrungen machten Mädchen demnach meist schon mit Beginn der Pubertät.

Den Betroffenen sei das Catcalling meist unangenehm oder peinlich, sagte Birkmann. Zudem trage es dazu bei, dass sich die betroffenen Frauen eingeschüchtert und "wie Freiwild" fühlen könnten. Es könne auch passieren, dass manche Frauen Umwege in Kauf nehmen, um die Orte zu vermeiden, an denen sie schon oft belästigt wurden. "Im schlimmsten Fall leiden die Betroffenen unter Alpträumen und psychischen Nachwirkungen", sagte die Frauenrechtlerin.

Bloß nicht einschüchtern lassen

Eine Patentlösung, wie Frauen am besten auf Catcalling reagieren, gibt es laut Birkmann nicht. Eine Möglichkeit sei es, die Belästigung zu ignorieren, um dem Täter keine Bestätigung zu geben. "Das muss keine stille Ignoranz sein. Die Frauen können zum Beispiel ein Lied pfeifen, was wiederum für Verwirrung sorgt", sagte sie. Auch Konfrontation könne eine Lösung sein. Wichtig sei, den Täter zu siezen, sich nicht einschüchtern zu lassen, nicht auf Fragen zu reagieren und selbst keine zu stellen.

Frauen sollten stets auf ihr Bauchgefühl hören, um sich nicht in Gefahr zu bringen, sagte Birkmann. Strafanzeigen seien ebenfalls möglich. "Das machen leider die wenigsten, weil die Belästigung meistens sehr schnell passiert, schnell wieder vorbei ist und viele Betroffene die unangenehme Situation abschütteln wollen", erklärte sie. Zudem fehlten in der Regel Zeugen, und Frauen bekämen häufig zu hören, dass sie sich "nur wegen eines blöden Spruchs" nicht so anstellen sollen.

Um gegen Catcalling vorzugehen, brauche es eine gesellschaftliche Debatte, sagte Birkmann. "Frauen sind keine Objekte, an denen Männer ihre Macht demonstrieren können."

Aus epd sozial Nr. 48 vom 29. November 2019

Jana-Sophie Brüntjen