DIW-Chef: "Soziale Marktwirtschaft funktioniert nicht mehr"

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DIW-Präsident Marcel Fratzscher
Berlin (epd)

Der Ökonom Marcel Fratzscher fordert, "eine Soziale Marktwirtschaft zu schaffen, die diesen Namen verdient". In Deutschland funktioniere sie nicht mehr, wie empirische Daten nach seiner Aufassung deutlich zeigen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, lieferte zur Einkommensverteilung in Deutschland im Kurznachrichtendienst Twitter am 5. Mai "zehn Fakten zur Sozialen Marktwirtschaft". Darin präsentiert und kommentiert er offizielle Statistiken zu Einkommen, Vermögen, Mieten und Bildungsmobilität. Fratzscher bilanziert die Situation in Deutschland: "Die Soziale Marktwirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die aber heute für viele nicht mehr funktioniert." Er fordert "eine Soziale Marktwirtschaft zu schaffen, die diesen Namen verdient".

Wir dokumentieren "Fratzschers Fakten":

"Fakt 1: In kaum einem anderen Land werden Vermögen so gering besteuert wie in Deutschland.

Fakt 2: Mehr als die Hälfte aller privaten Vermögen in Deutschland wurden durch Erbschaften oder Schenkungen erhalten. Tendenz stark steigend.

Fakt 3: Steuern für die oberen 30 Prozent wurden seit 1998 gesenkt, für die unteren 50 Prozent deutlich erhöht.

"Keine Vorsorge fürs Alter"

Fakt 4: Die Soziale Marktwirtschaft seit 1949 ist eine Erfolgsgeschichte: Kein Land der Welt hat so viele "Hidden Champions" - mittelständische, oft Familien geführte Unternehmen, die hoch innovativ sind und gute Jobs schaffen.

Fakt 5: Bildungsmobilität und Aufstiegschancen durch Bildung sind in Deutschland geringer als in den meisten anderen Industrieländern.

Fakt 6: Wir Deutschen geben heute relativ mehr fürs Wohnen aus als in den 1990ern - einige tun dies, weil sie mehr Wohnfläche haben und es sich leisten können, aber für andere/viele Menschen mit geringen Einkommen gilt das Gegenteil.

Fakt 7: 40 Prozent der Deutschen haben keine private Ersparnis, keine Vorsorge fürs Alter oder für die Familie.

Fakt 8: Mehr als ein Drittel aller Rentner wird ihren Lebensstandard deutlich einschränken müssen, wegen einer unzureichenden privaten und öffentlichen Vorsorge.

"Mittelschicht schrumpft"

Fakt 9: Trotz Wirtschaftsboom bleibt der Niedriglohnsektor groß, und es gibt viele Hartz-IV-Empfänger, darunter viele Kinder und Aufstocker.

Fakt 10: Die Mittelschicht schrumpft deutlich, eine Entwicklung die sich mit der Globalisierung und durch den technologischen Wandel fortsetzen wird.

Mein Fazit:

1. Die Soziale Marktwirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die aber heute für viele nicht mehr funktioniert.

2. Deutschland hat einen starken Sozialstaat, der aber viele nicht ausreichend erreicht.

3. Bessere Regulierung um Exzesse der Marktwirtschaft zu verhindern, ein ausgewogeneres Steuersystem, ein Staatsfonds & ein zielgenauer Sozialstaat würden eine Soziale Marktwirtschaft schaffen, die diesen Namen verdient."

Aus epd sozial 19/19 vom 10. Mai 2019