Corona-Quarantäne: "Uns werfen die Leute alle in einen Topf"

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Plakataktion vor dem Wohnkomplex an der Groner Landstrasse in Göttingen
Bewohner des unter Corona-Quarantäne stehenden Wohnblocks in Göttingen schildern ihre Situation
Göttingen (epd)

Mehrere Tage stand ein ganzes Hochhaus mit mindestens 700 Menschen unter Quarantäne. Jetzt gibt es Lockerungen. Doch für die Bewohner bleibt die Lage in dem Haus mit beengten Verhältnissen belastend.

Marius fällt in einem lilafarbenen T-Shirt und einer Trainingshose mit BVB-Logo äußerlich auf. Sein Verhalten aber ist wie in sich gekehrt, während er hinter dem Zaun des Göttinger Hochhauses in der Groner Landstraße 9 einfach wartet. Marius gehört zu den rund 350 Bewohnern, die bis zum 23. Juni zweimal negativ auf das Coronavirus getestet worden sind. Für sie hat die Stadt Göttingen seit dem Abend des 22. Juni die Quarantäne gelockert. Maximal zu dritt und nur mit Mundschutz dürfen sie nun das Gelände verlassen. Marius geht aber noch nicht raus. "Meine 18 Monate alte Tochter schläft noch", sagt er.

Nach einem Corona-Ausbruch hatte zuvor fünf Tage lang niemand die Wohnungsanlage verlassen dürfen, in der etwa 700 gemeldete Menschen und vermutlich noch mehr in beengten Verhältnissen leben. Marius teilt sich mit seiner Frau und dem Baby ein 19 Quadratmeter großes Zimmer. "Es gibt aber auch Familien mit sieben oder acht Kindern", sagt er. Bis zu 37 Quadratmeter groß sind die Ein- und Zweizimmer-Appartements des Komplexes. Dort leben nach Angaben der Stadt Göttingen viele Menschen mit rumänischen Wurzeln.

Auch Marius ist 2011 aus der Nähe von Hermannstadt im Westen Rumäniens nach Deutschland gekommen. Seit 2016 ist er bei einer Reinigungsfirma fest angestellt. Eigentlich hat er Urlaub, erzählt er. Er wollte seine Mutter in Rumänien besuchen, nachdem das wieder möglich ist. Die Quarantäne hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Aber so ist das nun einmal."

"Fühlen uns wie im Knast"

Viele in der Groner Landstraße waren und sind in ihrem Alltag eingeschränkt. "Wir fühlen uns wie im Knast", sagt eine Frau. Hinter dem Zaun haben sich zehn bis 15 Frauen, Männer und Kinder in einem Innenhof versammelt. Sie alle wollen - so scheint es - auf einmal erzählen, wie es ihnen geht. Dabei überschlagen sich die Stimmen in ihrer Muttersprache Rumänisch beinahe, als müssten sie jetzt dringend gehört werden.

Zuerst wollen sie den Vorfall erklären, der zu den Ausschreitungen am vergangenen Wochenende geführt haben soll. Die Polizei habe Pfefferspray eingesetzt, berichten mehrere aufbracht. "Aber es waren auch Kinder da, weil wir so zeigen wollten, dass wir friedlich protestieren", sagt der 47-jährige Claudiu. Bei den Ausschreitungen am Samstag wurden acht Polizeibeamte verletzt, drei davon sind nicht mehr dienstfähig. Wie viele Strafverfahren aufgrund der Eskalation eingeleitet werden, wird laut Polizei noch ausgewertet. Claudiu sagt, er habe auch mit dem Bürgermeister gesprochen und am Ende sogar zwischen beiden Lagern vermittelt.

Mit der Quarantäne brach die Arbeit weg

Schlimm sei, dass mit der Quarantäne die Arbeit weggebrochen sei, sagt die 47-jährige Liliana. "Jeden Tag hat die Chefin angerufen und gefragt, wann ich wiederkomme", berichtet die Reinigungskraft in einer Schule. "Wir müssen wieder arbeiten gehen dürfen." Claudiu hat einen Meisterabschluss, wie er erzählt. Seit vielen Jahren arbeite er auf dem Bau und habe mittlerweile eine eigene Firma. "Uns werfen die Leute alle in einen Topf", sagt er. "Aber so wie alle Finger einer Hand verschieden sind, so unterscheiden wir uns auch voneinander."

Der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Göttingen, Friedrich Selter, sagt: "So ein Haus ist eigentlich wie ein Dorf." Die 700 Menschen, die dort wohnten, seien alle unterschiedlich. Die Diakonie ist eine der Einrichtungen, die die Bewohnerinnen und Bewohner im Hochhaus besucht. Einige von ihnen sind drogenabhängig - während der Quarantäne durften sie nicht mehr zur Betreuung gehen. Deshalb kommen Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle ebenso vorbei wie Sozialarbeiter des Migrationszentrums.

Die Enge in dem Gebäude wird auch an Wäscheständern deutlich, die aus den Fenstern hängen. Auch über dem Bauzaun, der das Haus jetzt abriegelt, hängt eine bunt gestreifte Decke zum Trocknen. An den Wohnverhältnissen mehrt sich Kritik. Vor dem Gebäude hat etwa die "Basisdemokratische Linke Göttingen" ein Zelt aufgebaut. Darauf steht: "Shut down den Mietenwahnsinn."

Vielfach größere Ansteckungsgefahr

Jurastudentin Zoe (22) findet, dass aufgrund der Wohnbedingungen die Menschen im Hochhaus Hygiene-Regeln gar nicht einhalten konnten: "Die Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken, ist einfach viel größer, wenn so viele Menschen auf engem Raum leben und auch denselben Fahrstuhl oder dieselben Flure nutzen, die keine Fenster zum Lüften haben."

Auch Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) hat bemängelt, man zahle in dem Hochhaus genauso viel Miete wie in hochpreisigen Wohnungen. "Unter welchen Umständen die Menschen hausen müssen, scheint den Verantwortlichen oft egal, solange das Geld für die Miete fließt." Auf privat abgeschlossene Mietverträge habe die Stadt aber keinen Einfluss.

Marius erzählt, das Leben mit Kleinkind sei während der Quarantäne nicht einfach gewesen. Aber sie hatten Glück, sagt er leise. Über die im Gebäude tätigen Hilfseinrichtungen wie das Deutsche Rote Kreuz, aber auch über private Spenden, habe die junge Familie Windeln, Taschentücher oder Lebensmittel wie Zucker und Öl bekommen. Er sei damals nach Deutschland gekommen, um ein besseres Leben zu suchen. "Meine Tochter wurde in diesem Land geboren." Vor allem für sie wünscht sich Marius eine bessere Zukunft.

Aus epd sozial Nr. 26 vom 26. Juni 2020

Cristina Marina