Christine Bergmann: "Ost-Frauen haben viel geleistet"

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Christine Bergmann
Berlin (epd)

Ex-Familienministerin Christine Bergmann (SPD) sieht die Leistungen der Frauen in der untergegangenen DDR nicht genug gewürdigt. Sie seien in vielerlei Hinsicht Vorreiter gewesen, gerade für den Westen. Im Interview mit dem epd blickt Bergmann auf die 30 Jahre seit der Wende zurück.

Christine Bergmann (SPD), Ende der 90er Jahre Familienministerin im rot-grünen Kabinett von Gerhard Schröder, davor Berliner Frauensenatorin und unangepasste DDR-Bürgerin, findet, dass die Leistungen der Ost-Frauen nicht genug gewürdigt werden. Dabei haben sie einen großen Anteil daran, dass sich das Frauen- und Familienbild in den vergangenen 30 Jahren völlig gewandelt hat, sagt Bergmann. Mit ihr sprach Bettina Markmeyer.

epd sozial: Frau Bergmann, trauen sich Ost-Frauen mehr zu, zum Beispiel in Männerberufe oder in Leitungspositionen zu gehen?

Christine Bergmann: Männerberufe zu ergreifen, das schon. Aber wenn es um Leitungspositionen geht - da hilft die DDR-Vergangenheit nicht weiter. Denn die Leitungsfunktionen waren verbunden mit einer noch stärkeren Anpassung, mit Parteizugehörigkeit. Das betraf Männer wie Frauen. Tatsächlich gab es mehr Männer in Leitungspositionen. Aber das ist uns wegen der Überlagerung des Geschlechterkonflikts durch den politischen Konflikt gar nicht so aufgefallen.

epd: Vor 30 Jahren kamen sehr unterschiedliche Lebensweisen zusammen. Worin haben sich die Ost-Frauen am stärksten von den West-Frauen unterschieden?

Bergmann: Durch die Erwerbstätigkeit: 90 Prozent der Frauen und Mütter im Osten waren erwerbstätig, und zwar in Vollzeit. Das hatte auch ökonomische Gründe. Die Frauen wurden als Arbeitskräfte gebraucht, und die Familien brauchten zwei Einkommen. Aber die Frauen im Osten haben ihre ökonomische Unabhängigkeit sehr schätzen gelernt. Sie wussten, sie würden ihr Leben lang erwerbstätig sein und haben entsprechend in ihren Beruf investiert. Was viele Ost-Frauen durch die Berufstätigkeit mitbringen, ist eine gewisse Sachlichkeit und Pragmatismus: Dinge sachlich anzugehen, klar und stringent. Das ist etwas, was ein Stück weit durch den Beruf bedingt ist.

epd: Glauben Sie, dass da aus westdeutscher Sicht weiterhin etwas nachzuholen ist?

Bergmann: Ich glaube, die Unterschiede sind noch nicht ganz überwunden. Wir haben noch immer diese Auseinandersetzungen: Frauen, die sich entscheiden, für eine bestimmte Zeit Familienarbeit zu machen, fühlen sich angegriffen von den anderen und umgekehrt. Das ist Quatsch. Allerdings müssen die Rahmenbedingungen stimmen.

epd: Das sagen Sie als im Osten sozialisierte Frau, die immer berufstätig war...

Bergmann: Das war die Normalität. Das war gesellschaftlich akzeptiert und ist es bis heute. Die selbstverständliche Akzeptanz der Erwerbsarbeit von Müttern, das ist schon ein Gleichstellungsvorsprung - das habe ich immer wieder festgestellt.

epd: Warum waren dann die Ost-Frauen im vereinten Deutschland nicht präsenter mit ihren Erfahrungen? Haben da - wie etwa Wolfgang Thierse meint - die hartnäckigen Minderwertigkeitsgefühle der DDR-Bürger gegenüber den Westdeutschen eine Rolle gespielt?

Bergmann: Ein bisschen hat das immer eine Rolle gespielt. Wir haben ja zum Westen hochgeguckt und ihn auch ein Stück idealisiert. Aber nicht nur. Ich glaube vor allem: Wir haben uns wirklich nicht vorstellen können, wie das im Westen war! Dass das konservative Familienbild noch so stark verankert war. Ich selbst habe dafür auch viele Jahre gebraucht. Noch in den späten 1990er Jahren, als ich als Bundesfamilienministerin auch im Süden der Republik unterwegs war, habe ich gedacht: Das kann doch nicht wahr sein! Da gab es Betreuungsplätze für gerade mal ein Prozent der Kleinkinder. Und Mittagessen gab's schon gar nicht, die Kita-Plätze waren alle Halbtagsplätze. Ich habe das gar nicht für möglich gehalten! Da musste man dann wirklich an die Köpfe ran. Und es hat ja lange gedauert - das hätte auch schneller gehen können.

epd: Wie sind Sie vorgegangen?

Bergmann: In Süddeutschland sagten mir viele Bürgermeister: Wir haben gar keinen Bedarf an Betreuungsplätzen. Das stimmte aber schon damals nicht mehr mit den Interessen junger Frauen und Familien überein. Ich habe dann den Frauen gesagt: Packt den Bürgermeistern eure Babys auf den Schreibtisch, damit sie den Bedarf merken.

epd: Das dürfte den West-Frauen schwergefallen sein - denn sie mussten immer mit dem Vorwurf rechnen, Rabenmütter zu sein.

Bergmann: Ja, diese Rabenmütterideologie: Die Frauen haben sich ein schlechtes Gewissen machen lassen. Mütter haben immer ein schlechtes Gewissen, weil die Zeit nie reicht. Aber damit muss man auch lernen umzugehen! Mittlerweile weiß doch jeder, der Kinder großgezogen hat: Für Kinder sind zufriedene Mütter das Beste. Und das sind nicht immer die Mütter, die rund um die Uhr Zeit haben - sondern die, die einen Teil des Lebens für sich selbst in Anspruch nehmen. Das war unsere Erfahrung!

epd: Jetzt, im Zusammenhang mit den Feiern und Gedenkveranstaltungen zum 30. Jahrestag der Demonstrationen in Leipzig und der Maueröffnung, sagen prominente Ost-Frauen: Unsere Erfahrungen sind im vereinigten Deutschland untergegangen. Sehen Sie das auch so?

Bergmann: Sie kommen nicht vor, wenn über die Entwicklung der Frauenpolitik gesprochen und geschrieben wird, obwohl sie doch erheblich dazu beigetragen haben, dass sich das Frauen- und Familienbild modernisiert hat. Ich finde, dass die Frauen viel geleistet haben, vor der friedlichen Revolution und danach: Wie oft sie sich neu qualifiziert und weitergebildet und Existenzen gegründet und gesehen haben, wie es irgendwie weitergeht: Das sind doch Leistungen, auf die man eigentlich stolz sein müsste - das vermisse ich.

Aus epd sozial Nr. 36 vom 6. September 2019