Bezahlbare Mieten im "Meer des Wahnsinns"

s:61:"Wohngebäude der Baugenossenschaft des Verkehrspersonals 1898";
Wohngebäude der Baugenossenschaft des Verkehrspersonals 1898
München (epd)

Eine Wohnung zu finden, ist auch in Städten wie München kein Problem. Vorausgesetzt, man kann sich eine hohe Miete leisten. Für Normalverdiener ist es allerdings eng auf dem Wohnungsmarkt. Ein Lichtblick sind dabei die Wohnungsgenossenschaften.

Normalverdiener sind Michael und Christine K. Der 54-Jährige arbeitete bei der Münchner Müllabfuhr, Schichtbeginn sechs Uhr morgens, Müllcontainer raus auf die Straße schieben, Müll in das Müllauto kippen, Container wieder zurück in den Hof. Das geht auf die Bandscheiben. Jetzt hat Michael einen leichteren Job, die Ehefrau ist in der Stadtverwaltung tätig.

Seit gut vier Jahren wohnt das Ehepaar in einem Wohnblock aus den 1920er Jahren gegenüber dem "60er"-Stadion am Münchner Wettersteinplatz. Wenn drüben ein Spiel läuft, hört man die Schlachtgesänge der "1860"er Fans. Das Ehepaar hat lange um die Wohnung gekämpft, ist jetzt zufrieden mit den 75 Quadratmetern: Flur, Küche, Bad, Wohnzimmer mit Erker, Schlafzimmer. Das Fenster zu öffnen ist wegen des Lärms durch den Straßenverkehr allerdings nicht zu empfehlen.

Die Wohnung ist mit einer Miete knapp um 700 Euro sehr günstig für München - allerdings auch "exklusiv". Denn der Wohnblock gehört einer Beamtengenossenschaft, die nur Beamte und städtische Mitarbeiter aufnimmt, wie Christine K. "Glück gehabt", sagt sie.

Wohnung ist laut, aber bezahlbar

Nicht weit von ihnen entfernt wohnt Michaels Schwester Susi F. Und die sagt: "Ich bin mit meiner Wohnung sehr zufrieden." Auch wenn sie im vierten Stock liegt. Und auch wenn ein paar Meter entfernt der Verkehr vom Mittleren Ring - der Stadtautobahn – herüberdröhnt. Die Schwester arbeitet als Verkäuferin in der Münchner Innenstadt. Nach ihrer Scheidung musste sie mit nur einem Gehalt auskommen - und sich eine Wohnung suchen, die für sie in der neuen Lebenssituation finanzierbar ist.

Jetzt zahlt Susi F. rund 500 Euro für 55 Quadratmeter. Derartige Mieten finden sich in München meist nur noch, wenn es sich um Genossenschaftswohnungen handelt. Die Häuser der Wohnungsbaugenossenschaften liegen wie Inseln im "Meer des Wahnsinns", wie Kritiker das Mietniveau in der Landeshauptstadt bezeichnen.

Viele der Genossenschaften stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende um 1900, als sich Eisenbahner, Arbeiter und kleine Angestellte zusammentaten, um günstiges Wohnen zu ermöglichen. Namen wie "Wohnungsbaugenossenschaft 1899 EV", "Baugenossenschaft München-Süd" oder "Eisenbahnerbaugenossenschaft München-West" zeugen davon. Ihr Prinzip hat die "Baugenossenschaft des Verkehrspersonals 1898 e.G." in München Laim an der Hauswand festgemacht: "Das Jammern tödtet keine Maus, die Hand ans Werk baut nur das Haus."

Genossenschaften nehmen kaum noch Mitglieder auf

Auch die Wohnung von Susi F. gehört einer Genossenschaft, der "Wohnungsbaugenossenschaft der Flieger und Kriegsgeschädigten in Bayern e.G.". Weil bei den alten Genossenschaften Grundstücke und Häuser längst abbezahlt sind und auf die Miete (bei den Genossen heißt das "Nutzungsgebühr") nur die Renovierungs- und Verwaltungskosten umgelegt werden (und der Profit entfällt), können diese noch niedrig sein.

Anders ist das bei den in den vergangenen Jahren neu gegründeten Genossenschaften. Hier liegt die Nutzungsgebühr aus Finanzierungsgründen oft auf gleichem Niveau wie im freifinanzierten Neubausegment. Aber auch die Altgenossenschaften werden zunehmend exklusiv: Wegen der hohen Nachfrage nach erschwinglichen Wohnraum haben viele von ihnen längst einen Aufnahmestopp verfügt.

Aus epd sozial 21/19 vom 24. Mai 2019

Rudolf Stumberger