Bereit zur Willkommenskultur

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Kulturvereine wollen heißen Afghanen willkommen heißen

Die Telefone vieler Vereine, die einen Bezug zu Afghanistan haben, stehen seit der Machtübernahme der Taliban nicht mehr still. „Wir erleben viel Solidarität aus der deutschen Zivilgesellschaft“, sagt Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins (AFV) aus Hamburg. 190 Angestellte arbeiten derzeit für die Hilfsorganisation in Afghanistan, sechs der 15 Projekte für Frauen und Mädchen laufen aktuell normal weiter, die anderen ruhen, weil die Schulen geschlossen sind.

„Noch lassen uns die Taliban gewähren und wir können helfen“, sagt Ihle über die Arbeit vor Ort. Helfen wollen viele auch hier in Deutschland - mit Spenden, mit der Bereitschaft, ihren Wohnraum zu teilen: „Da wiederholt sich der Geist von 2015“, sagt Ihle. „Nur kommen die wenigsten Afghaninnen und Afghanen gerade aus ihrem Land heraus.“

Nur rund 5.300 Schutzbedürftige ausgeflogen

Tatsächlich ist die deutsche Luftbrücke aus Kabul seit dem 26. August beendet. Laut Bundesregierung wurden rund 5.300 Schutzbedürftige aus dem 38 Millionen-Einwohner-Land ausgeflogen. Eine winzige Zahl angesichts der humanitären Katastrophe, kritisiert Ihle.

So sieht das auch der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen, in dessen Netzwerk aus rund 700 Vereinen seit fünf Jahren ein bundesweites Geflüchtetenprojekt läuft. Der Verband fordert eine deutsche Vorreiterrolle bei der Aufnahme afghanischer Geflüchteter und verweist auf die Aufnahmebereitschaft von Bundesländern wie zum Beispiel NRW und Baden-Württemberg.

„2015 darf sich nicht wiederholen“, twitterte der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet (CDU). Manches wiederholt sich aber doch - auch bei den Migrantenorganisationen und ihren Ehrenamtlichen: die Solidarität mit Geflüchteten nämlich. „Wir stehen auch 2021 bereit, neuen Schutzsuchenden aus Afghanistan in allen Lebenslagen zu helfen“, sagt Elizabeth Beloe, stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Netzwerke von Migrantenorganisationen. „Das gehört zu unserem Selbstverständnis.“

Herausforderungen sind bekannt

Der Verband habe sich seit 2015 stark professionalisiert. „Wir kennen die Herausforderungen, vor denen Geflüchtete in Deutschland stehen“, erklärt Beloe. Der Verband habe viel auf die Schulung von Menschen mit eigener Migrationsgeschichte gesetzt, die dann zum Beispiel Wissen über den Gesundheitssektor kultursensibel an Neuangekommene weitergeben. Außerdem engagieren sich auch Menschen, die 2015 nach Deutschland geflohen sind - sie könnten aus ihrer eigenen Erfahrung heraus unterstützen. Darunter seien auch Afghaninnen und Afghanen, berichtet Beloe.

Ihr Verband sei bestens auf neue Geflüchtete vorbereitet und stelle Expertise und Strukturen zur Verfügung. Für professionelle Hilfen brauche es dann aber Ressourcen, mahnt die Berliner Anthropologin. Ehrenamtliche Strukturen könnten das nicht allein stemmen - eine weitere Lehre aus 2015. „Die Bundesregierung muss jetzt schnell gute Entscheidungen treffen.“

Flüchtlingsfrage bestimmt längst den Wahlkampf

Das wünscht sich auch Christina Ihle vom Afghanischen Frauenverein. „Es ist schändlich, dass Deutschland jetzt auch die Entwicklungshilfe in Afghanistan ausgesetzt hat“, sagt die Geschäftsführerin der Hilfsorganisation. „Die Grenzen sind zu und eine Flucht nach Europa kostet viel mehr, als die allermeisten haben.“ Tatsächlich hat nach Einschätzung der Weltbank mehr als die Hälfte der Menschen in Afghanistan weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung.

Wahlkampfthema sind mögliche Geflüchtete dennoch längst. Und - eine weitere Wiederholung von 2015: „Uns erreichen neben Hilfsangeboten auch viele Hassnachrichten“, berichtet Ihle. Auch Elizabeth Beloe fürchtet, dass der bestehende Rassismus in Deutschland wieder lauter wird, wenn neue Geflüchtete ins Land kommen und „dass sich 2015 in dieser Hinsicht leider auch wiederholt“.

Miriam Bunjes