Vorurteilsfreier Blick auf eine Corona-Tragödie

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Diakonie-Präsident Ulrich Lilie (re.) besuchte am 7. August das Hanns-Lilie-Heim.
Frankfurt a.M. (epd)

Wenige Monate nach der Tragödie im Hanns-Lilje-Heim gewährt der diakonische Träger einem Reporterteam der ARD über mehrere Wochen Eintritt in die Einrichtung, die mit 47 Corona-Toten in Zeitungen zum "Horrorheim" erklärt wurde. In dem Wolfsburger Pflegeheim starben nach einem Corona-Ausbruch am 18. März 2020 so viele Bewohnerinnen und Bewohner an Covid-19 wie in keinem anderen Heim in Deutschland. Sie starben unbegleitet von Angehörigen, denn diese durften wegen der Infektionsgefahr nicht ins Haus.

Der Film will trotz dieser Grausamkeit nicht verurteilen, sondern in erster Linie nachzeichnen, was sich in den Wochen der Katastrophe in dem Heim zugetragen hat und wie die Menschen wieder zum Alltag zurückfinden. Dabei ist es den Autoren Arnd Henze vom WDR und Sonja Kättner-Neumann vom NDR erkennbar gelungen, das Vertrauen von Angestellten des Heims und auch von Angehörigen zu gewinnen. Die Pflegekräfte sprechen offen über ihren verzweifelten Kampf um das Überleben der Bewohner, aber auch über Fehler und Versäumnisse. Sie lassen sich bei eher beklemmenden Begegnungen filmen, etwa beim Besuch der dementen Mutter und Ehefrau - draußen vor dem Heim und mit Berührungsverbot.

Der Schock und die Angst sitzen tief: bei den Pflegekräften, von denen immerhin 40 selbst infiziert waren, und bei den überwiegend dementen Bewohnerinnen und Bewohnern, die Schreckliches mitgemacht haben. Wie das tödliche Virus ins Heim kam, so wird knapp bemerkt, ist bis heute unklar. Der Film zeigt, wie die Pflegenden, die Heimleitung, die Hausärzte, die Pflegebedürftigen und die Familienangehörigen gelitten haben, aber auch, wie sie zusammengehalten haben und weiter zusammenhalten.

"Eine völlig überfordernde Situation"

Auch Konflikte werden benannt. Die Autoren geben den Beteiligten die Chance, ihre Sicht darzustellen - und sie lassen Widersprüche unkommentiert wirken. Ein Angehöriger mit Betreuungs- und Vorsorgevollmacht kann nicht akzeptieren, dass er in den letzten Lebenstagen seiner Mutter von den Ärzten nicht hinzugezogen wurde. "Hier hat sich ein Arzt zum Entscheider über Leben und Tod entwickelt", klagt er. Der kritisierte Mediziner entgegnet, dass mit ihm in der schweren Zeit nur zwei weitere Ärzte ins Haus kamen, um sich um die insgesamt 160 Pflegebedürftigen, darunter 112 Infizierte zu kümmern. Da sei schlicht keine Zeit für Gespräche mit Angehörigen geblieben.

Als Expertin von außen sagt dazu die Kölner Medizinethikerin Christiane Woopen, es sei nicht richtig, über den Willen von Schwerkranken und ihren Angehörigen hinwegzugehen. Dennoch will sie ausdrücklich "keine Vorwürfe machen". Die Ärzte und Pflegenden hätten "in einer völlig überfordernden Situation" ihr Bestes gegeben.

Was in den ersten Wochen nach dem Virusausbruch in dem Wolfsburger Heim geschah, ist auch für die Pflegekräfte unfassbar. Eine Pflegerin, die den Krieg in Kroatien erlebt hat, sagt, "ein Krieg ist irgendwann vorbei". Das unsichtbare Virus ist aber noch da. Es könne jede Pflegeeinrichtung treffen"und sei sie noch so gut geführt", sagt Torsten Juch, der Leiter des Hanns-Lilje-Heims.

Eine Situation wie im Gefängnis

Eine andere Pflegerin hatte in den ersten Wochen nach dem Ausbruch das Gefühl, sie arbeite "im Knast". Und das ist sogar verständlich. Denn um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, wurden Bewohnerinnen und Bewohner in ihren Zimmern eingesperrt. Dorthin brachten ihnen Pflegekräfte in Schutzanzügen, Gummihandschuhen und mit Maske vor dem Gesicht ihr Essen. Besuche von Angehörigen waren nicht gestattet - im Gefängnis indes sind sie erlaubt.

Der Dokumentarfilm nähert sich sensibel großen Gefühlen: Traurigkeit, Verzweiflung, Dankbarkeit, Trauer - aber auch Wut. Zum Beispiel darüber, dass Pressefotografen das Heim in seinem Ausnahmezustand obendrein noch belagert haben, dass im Netz so viele negative Kommentare standen, dass ein Rechtsanwaltschaft wegen angeblich "katastrophaler Hygienemängel" Strafanzeige gestellt hat. Zur Erleichterung der Heimverantwortlichen stellte die Gesundheitsbehörde nach Kontrollen "keine ungewöhnlichen Hygienemängel" fest.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zog bei einem Besuch im Sommer vor den Beschäftigten seinen Hut. Er sprach ihnen seine "ganz große Hochachtung" aus und bescheinigte ihnen, "eine herausragende Arbeit in einer Extremsituation" geleistet zu haben.

Der Dokumentarfilm "Ich weiß nicht mal, wie er starb – Wie ein Pflegeheim zur Corona-Falle wurde" ist am 12. Oktober von 23.35 bis 00.20 Uhr in der ARD zu sehen. Der Beitrag ist eine Koproduktion von WDR und NDR.

Aus epd sozial Nr. 40 vom 2. Oktober 2020

Markus Jantzer